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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wegwerfen war gestern
Zwischenüberschrift:
Warum Repair Cafés in Stadt undLandkreis Osnabrück immer beliebter werden.
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
An jedem dritten Samstagvormittag im Monat kommen Menschen mit skeptischen Mienen in die Georgsmarienhütter Stadtbibliothek. Unter ihren Armen tragen sie keine gelesenen Bücher, sondern defekte Bügeleisen, Hi-Fi-Geräte oder Werkzeug. Empfangen werden sie von einem jugendlich wirkenden Mann, der sie falls sie es noch nicht wissen in die Regeln des dortigen Repair Cafés einweiht. Er und die Kollegen des 65-jährigen Martin Lauxtermann reparieren ehrenamtlich alle möglichen Dinge. Aber erst mal gibt es einen Kaffee.

Das ist mein bestes Werkzeug″, sagt eine ältere Dame mit klagender Stimme. Sie zeigt Martin Lauxtermann eine Schere, mit der sie ihre Blumen, Draht oder Buchsbaum schneidet. Jetzt ist sie stumpf. Seit fünf Jahren besitzt die Dame die Schere, erzählt sie. Ich hänge an ihr. Wegwerfen kann ich sie nicht.″

Ein Blick für die Dinge

Lauxtermann hört sich die Klage der Frau mit einem Lächeln an und schreibt einen Reparatur-Laufzettel. Darauf sind die Schäden beschrieben und ein Hinweis abgedruckt, dass das Repair Café die Haftung für die reparierten Dinge nicht übernimmt. Die Schere ist korrodiert″, sagt er. Er hat einen Blick für die Dinge.

Der 62-jährige Lauxtermann hat jahrelang als Elektroniker bei Nixdorf in Paderborn gearbeitet. Später war er dort im Vertrieb. Er hat also technisches Verständnis und ist kommunikativ. Jetzt ist er Rentner und quasi die Idealbesetzung für ein Repair Café. Auch weil er weitere Eigenschaften besitzt. Der Mann ist äußerst zuvorkommend, freundlich, und sein Lächeln weicht ihm auch bei schwerwiegenden Problemen nicht aus dem Gesicht. Und er engagiert sich. Wie seine Kollegen in der Werkstatt″ arbeitet er ehrenamtlich. Ich bin gern unter Menschen. Wir wollen die Georgsmarienhütter unterstützen″, sagt Lauxtermann, der vor 30 Jahren in die Stadt gezogen ist. Er spricht seinen Mitstreitern aus der Seele.

Doch viel Zeit zum Reden hat Lauxtermann nicht. Die Kundschaft″ kommt und geht zahlreich. Nun ist Heinrich Reimann an der Reihe. Er ist mit einem 25 Jahre alten Tapedeck gekommen. Darauf hat er seine Musik-Kassetten abgespielt. Nun funktioniert es nicht mehr. Sein Enkel Arne hat ihn in die Stadtbibliothek gefahren. Der Senior selbst ist nicht mehr so mobil, er nutzt einen Rollator.

Auch Riemann muss einen Laufzettel ausfüllen. Das Alter des Mannes schätzt Lauxtermann scherzend auf zwischen 21 und 40″. In Wahrheit ist Riemann 87 Jahre alt. Ein Smartphone besitzt er nicht. Sein 20-jähriger Enkel könnte ihm Musik-Apps darauf installieren. Aber das verstehe ich nicht″, sagt er knorrig. Er will lieber wie gehabt Musik auf dem Tapedeck hören.

Ins Repair Café kommt er, weil er kein Krösus″ sei, erzählt Reimann. Lauxtermann nimmt seine Begründung zum Anlass zu betonen, dass das Repair Café keinen Wettbewerb zu den Händlern und Werkstätten im Ort darstellen solle. Ich verweise auf sie, wenn wir die Reparatur nicht durchführen können oder Ersatzteile gekauft werden müssen.″

Im Osnabrücker Land und in der Stadt gibt es mittlerweile mehrere Repair Cafés. Das erste wurde im März 2015 im Café Oase an der Lohstraße in Osnabrück von der Diakonie eingerichtet. Wir wollten irgendwas machen, um den Plastikmüll zu verringern, und sind dann beim Googlen auf Repair Cafés gestoßen″, erinnert sich der Sozialpädagoge Ralf Baalmann.

In fünf Werkstätten werden nun an jedem letzten Donnerstag im Monat außer im Dezember und Juli von 27 Ehrenamtlichen Elektro-Artikel, Kleidung, Computer, Fahrräder und Modeschmuck repariert. Mittlerweile besuchen viele Stammgäste das Repair Café. Viele wissen nicht, an wen sie sich zum Beispiel mit einem kaputten Toaster wenden können, wenn die Garantie abgelaufen ist″, sagt Baalmann. Bei den großen Elektro-Märkten würde man ja ausgelacht werden, fügt er an. Im Café Oase werden sie ernst genommen. Laut Baalmann sind in den vergangenen drei Jahren mehr als 1000 Kunden in die Lohstraße gekommen. 75 Prozent der Reparaturen seien erfolgreich gewesen.

Auch ein Ort zum Klönen

Und Baalmann ist besonders stolz darauf, dass das Café Oase eine Art Vorreiterrolle für die Repair Cafés im Osnabrücker Land eingenommen hat. Die Hauptidee hinter den Repair Cafés ist, Dinge nicht einfach wegzuwerfen und neu zu kaufen, sondern sie zu reparieren. Die Einrichtungen sollen dabei nicht allein als Orte fungieren, wo defekte Dinge wieder instand gesetzt werden, sondern auch als Treffpunkte dienen. So gibt es in allen Repair Cafés Kaffee und Kuchen, die wie die Reparaturen gegen eine Spende erhältlich sind. Der Kuchen wird übrigens auch ehrenamtlich gebacken.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei Repair Cafés ist zudem die Hilfe zur Selbsthilfe. Diejenigen, die ihre kaputten Dinge mitbringen, erhalten Erklärungen, wie sie ihre Sachen selbst reparieren und handhaben können.

Entstanden sind die Initiativen Anfang des neuen Jahrtausends. Angesichts immer kürzerer Lebensdauer von technischen Geräten und wachsender Müllberge haben sich Menschen zusammengefunden, um ihnen ein zweites Leben zu ermöglichen. Lauxtermann berichtet zum Beispiel von einem jungen Mann, dessen Kompaktanlage nicht mehr funktionierte. Als er in das Gerät blickte, entdeckte er eine defekte Lötstelle und ein durchgeschnittenes Kabel. Der Fachhändler, den der junge Mann zunächst aufgesucht hat, wollte 200 Euro für die Reparatur haben, so Lauxtermann. Dafür hätte der Mann sich eine neue Anlage kaufen und die alte entsorgen können. Wir wollen ein Bewusstsein schaffen, das sich gegen das Denken wendet, man bräuchte alle zwei Jahre einen neuen Föhn″, sagt er.

Heinrich Riemann braucht kein neues Tapedeck. Aber er muss sich gedulden. Ein Riemen ist defekt. Der muss bestellt werden. Er kommt am 17. November wieder. Dann findet das nächste Repair Café in der Stadtbibliothek in Georgsmarienhütte statt. Bis dahin will er sich behelfen. Ich habe noch einen CD-Player″, sagt er. Und wenn der auch seinen Geist aufgibt, dann mache er eben selbst Musik, fügt er an. Riemanns Enkel kennt diese Seite an seinem Opa anscheinend nicht. Er ruft erstaunt aus: Das will ich hören.″

Zur gleichen Zeit wie in Georgsmarienhütte sind wenige Kilometer entfernt im Gustav-Görsmann-Haus in Hagen 18 ehrenamtliche Mitarbeiter im dortigen Repair Café aktiv. Es sind wie in Hütte überwiegend Rentner, ehemalige Handwerker, Elektroniker und Techniker, die dort die defekten Sachen wieder auf Vordermann bringen.

Anders als in Georgsmarienhütte gibt es in Natrup-Hagen auch eine Fahrradwerkstatt und einen Nähzirkel. Dort sitzen mehrere Damen an Nähmaschinen und stellen Taschen aus alter Kleidung mit dem Logo Plastiktütenfreies Hagen a. T. W.″ her, wenn sie nicht gerade Kleidung ausbessern, die noch getragen wird oder wenn sie kleine Kinder trösten müssen. Bärbel Spreckelmeyer erzählt von einem kleinen Mädchen, das betrübt ins Repair Café kam, weil seine Lieblingstasche kaputtgegangen war. Als die Kleine ihr runderneuertes Stück zurückbekommen habe, sei sie freudestrahlend nach Hause gelaufen, berichtet Spreckelmeyer mit einem breiten Lächeln.

In der Region vernetzt

Ihr Mann Franz-Josef ist der Ansprechpartner im Hagener Repair Café. Er habe sich bei anderen Einrichtungen umgesehen und sich informiert, bevor die Einrichtung in Gellenbeck Anfang des Jahres eröffnet worden sei, erzählt er. Überhaupt gibt es eine große Vernetzung der Repair Cafés in Stadt und Land. Alle unterstützen sich gegenseitig.

In Hagen befindet sich im Keller eine Fahrradwerkstatt, wo Ralf Sandfort seine Kunden empfängt. Die Leidenschaft des Ausbilders für Industrie-Mechaniker sind Fahrräder. Mittlerweile hat er 60 Drahtesel gesammelt. Seine Motivation, die Räder anderer Leute zu reparieren, beschreibt er so: Ich möchte mein Interesse teilen, mechanische Dinge zu achten.″ Er mag es aber nicht, wenn die Leute glauben, sie könnten einfach ihre Fahrräder bei ihm abgeben, um sie reparieren zu lassen. Sandfort will Wissen vermitteln. Die Leute sollten ihre Räder pflegen und dafür sorgen, dass sie etwas tun, bevor sie kaputtgehen. Sonst geht es ins Geld.″

Nachdem Sandfort am Samstag in Hagen aktiv war, steht er am Sonntagvormittag im Repair Café in Iburg seinen Mann. Die Fahrrad-Werkstatt ist dort in einer ehemaligen Dusche des alten Hallenbads im heutigen Kindertreff flavour″ angesiedelt.

Die nächsten Termine

Wer in Osnabrück kleine Reparaturen an seinem Fahrrad vornehmen lassen möchte, kann dies am morgigen Sonntag, 4. November, im Reparaturcafé Osnabrück-Haste in der Nackten Mühle in der Zeit von 14 bis 16 Uhr vornehmen lassen. Dort werden auch Gebrauchsgegenstände, Textilien und Elektrogeräte repariert. Im Jugendzentrum Westwerk findet am 10. November von 11 bis 14 Uhr ein Repair Café statt. Dort werden Werkzeug, Elektrogeräte, Möbel wieder instand gesetzt. Es gibt auch eine offene Fahrradwerkstatt, in der montags und dienstags von 14 bis 18 Uhr Fahrräder unter Anleitung repariert werden können.

Der Wüsten-Treff veranstaltet in den Räumen der Landeskirchlichen Gemeinschaft an der Langen Straße in Osnabrück im Frühjahr und Herbst ein Repair Café. Da, wo sonst der Gottesdienst stattfindet, werden Zweiräder für den Winter oder den Sommer präpariert. Wolfgang Timm von der Wüsten-Initiative erzählt, dass er durch das Repair Café viele Ressourcen in dem Stadtteil entdeckt habe. Außerdem kämen Menschen, die berichteten, dass sie schon einige Jahre in der Wüste lebten, aber erst beim Repair Café ihre Nachbarn kennengelernt hätten.

Wunderbare Erfindung

Für Werner Lindwehr, der in Bad Iburg Elektro-Artikel wieder instand setzt, sind Repair Cafés eine Art Nachbarschaftshilfe. Ich unterstütze privat ja auch meine Freunde.″ Nun repariert der 65-Jährige, der heute beim Landkreis arbeitet und früher Elektriker war, an jedem dritten Sonntag im alten Hallenbad kaputte Dinge. Wie zum Beispiel die Heckenschere von Kirsten Alberti. Das ist eine wunderbare Erfindung″, sagt sie begeistert. Sie meint nicht die Heckenschere, sondern das Repair Café. Da sie sich nicht an Strom traut, wie sie sagt, ist sie dankbar, dass sie eine Anlaufstelle hat. Früher hat ihr Mann solche Arbeiten erledigt.

Nachdem sie ihr Werkzeug bei Lindwehr abgegeben hat, holt sie sich einen Kaffee und ein Stück Kuchen. Ich komme auch hierher, um Leute zu treffen″, sagt sie. Viel Zeit zum Klönen hat sie aber nicht. Lindwehr hat den Fehler schnell gefunden. Ein Sperrriegel, der das Anschalten ermöglicht, ist kaputt. Der Fehler wird bald wieder auftauchen, weil es Billigware ist″, sagt er zu Kirsten Alberti. Die nickt und sagt, sie habe die Heckenschere für 25 Euro bei einem Discounter gekauft. Aber sie habe sich nun mal an das gute Stück gewöhnt. Deswegen will sie die Heckenschere nicht wegwerfen, obwohl sie sich schon eine neue gekauft hat.

Kirsten Alberti bedankt sich einige Male bei Werner Lindwehr. Dann fährt sie nach Hause. Sich gegenseitig zu helfen ist wieder aktuell geworden″, sagt der Reparateur. Aber neben den sozialen, finanziellen und ökologischen Aspekten des Repair Cafés zählt für ihn ein weiterer Gedanke, besser gesagt ein Gefühl, warum er einen Teil seiner Freizeit mit ehrenamtlicher Arbeit verbringt: Wenn man sich gegenseitig unterstützen kann, ist das schön. Das mache ich nicht nur für die Leute, sondern auch für mich.″

Wo gibt es Repair Cafés? Übersichten im Internet auf www.reparatur-initiativen.de (bundesweit);
www.osnabrueck.de (Suchbegriff Reparatur-Initiativen);
www.awigo.de (Suchbegriff Repair Cafés im Landkreis Osnabrück).

Bildtexte:
Hinweisschilder zum Hagener Repair Café im Görsmann-Haus.6
Werner Lindwehr repariert in Bad Iburg die defekte Heckenschere von Kirsten Alberti.
Martin Lauxtermann nimmt in Georgsmarienhütte einen Reparaturauftrag entgegen.
Ulla Kolback und Bärbel Spreckelmeyer (rechts) im Repair Café in Natrup-Hagen.
Heckenschere
Fahrradreparatur im ehemaligen Hallenbad in Bad Iburg.
Balupunkt Radio
Fotos:
Thomas Osterfeld

Thomas Wübker ist nicht nur freier Mitarbeiter der Neuen OZ, sondern auch Gitarrist der Trio-Coverband Oirt. Am Tag, als die Gruppe in der Osnabrück-Halle beim Benefiz-Konzert gegen rechts spielte, entdeckte er, dass in einem seiner Effektgeräte ein Kabel gerissen war. Er nahm es mit ins Repair Café in Bad Iburg, wo es schnell gelötet wurde und wieder einsatzbereit war. Während seiner Recherchen hat Wübker in Repair Cafés engagierte und hilfsbereite Menschen kennengelernt, die ihren Teil dazu beitragen, dass die Welt ein bisschen besser wird. Das nötigte ihm Respekt ab. Auch Fotograf Thomas Osterfeld hat den Einsatz und die soziale Verantwortung in den Repair Cafés beeindruckt. Geradezu bewundernswert findet er die Geduld der Reparateure und
die elektronische Abteilung einen Bereich, der ihm trotz seines Physikstudiums immer ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist.
Autor:
Thomas Wübker


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