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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Besorgt über „Angstraum″ im Schinkel
 
Ratten, Müll und Männergruppen
Zwischenüberschrift:
Dreieck hinter dem Hauptbahnhof wird zum sozialen Brennpunkt
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück An der Buerschen Straße im Stadtteil Schinkel hat sich ein sozialer Brennpunkt entwickelt, der den Anwohnern Sorge bereitet. Hier leben viele Menschen aus Südeuropa, vor allem Bulgaren und Rumänen. Carsten Friderici, Vorsitzender des Bürgervereins Schinkel, sprach in öffentlicher Sitzung von Angsträumen″ und forderte Stadt und Polizei auf, sich um die wachsenden Probleme zu kümmern. Die Kontaktaufnahme ist schwierig, weil die Menschen kaum Deutsch sprechen und es vorziehen, unter sich zu bleiben. Man kann nicht vernünftig miteinander reden, und das ist sehr schade″, sagt eine Anwohnerin. Manche Häuser sollen deutlich überbelegt sein. Die Stadt hat nach eigenen Angaben zwei kritische Häuser bereits kontrolliert. Sofortiger Handlungsbedarf sei nicht festgestellt worden.

Wo sich Müll häuft und Ratten über Hinterhöfe laufen, wo Männergruppen am Tage Bier trinken und Frauen ungern allein unterwegs sind, wo Drogenduft in der Luft hängt und ein Gespräch an Deutschkenntnissen scheitert: Da ist das Problem-Dreieck im Schinkel das die Stadt offenbar zu wenig im Blick hat.

Osnabrück Das Quartier an der Ecke Buersche Straße/ Schinkelstraße/ Venloer Straße war immer schon multikulti. Früher haben hier Türken gewohnt, die ziehen jetzt weg, weil es zu viele Ausländer gibt″, sagt eine Anwohnerin mit einer Prise Sarkasmus. Was ist in dem Dreieck hinter der Eisenbahnbrücke in den vergangenen Jahren passiert? Wie konnte es so weit kommen, dass der Vorsitzende des Bürgervereins, Carsten Friderici, sich genötigt sah, in öffentlicher Sitzung von Angstraum″ und No-Go-Area″ (Sperrgebiet) zu sprechen und davon, dass sich Frauen dort unwohl und bedroht fühlen?

Starke Worte, die Friderici im Bürgerforum mit Bedacht wählte, um aufzurütteln. Das Viertel ist nach und nach zum Sammelpunkt von Menschen aus Südosteuropa geworden. Vor allem Bulgaren leben hier. In der Shen Lounge″ kaufen sie Lebensmittel aus ihrem Heimatland, die deutsche Einzelhändler nicht im Angebot haben. In der bulgarischen Bäckerei an der Ecke Venloer Straße genießen sie süße und deftige Spezialitäten″ aus der Schwarzmeerregion.

Wenig Kontakt

Auf dem grünen Dreieck unterhalb der Bahngleise steht ein vergessener Streugutbehälter. Die perfekte Theke. Die letzten Nutzer haben ihr Leergut stehen lassen. Auffällig: Es sind nur Männer, die sich hier um die Mittagszeit an den Stehtischen versammeln.

Die Kontaktaufnahme ist schwierig. Der Verkäufer im Kiosk sagt: Er nicht Chef, Chef nicht da. Ein Kunde übersetzt: Der Ladeninhaber sei im Urlaub und komme in zwei Wochen wieder. Auf ein Gespräch will sich der Kunde, ein junger Mann Mitte 20, nicht einlassen und zeigt auf einen anderen: Da, der da kann Deutsch.″ Aber auch der da″ bleibt auf Distanz. Es seien nicht nur Bulgaren hier, auch Rumänen, Türken und so″, sagt er. Alles gemischt.″ Er nimmt sein Handy und signalisiert eindeutig: Das Gespräch ist beendet. Der Mann neben ihm raunt: Nicht so viel neugierig fragen.″

Eine Parallelgesellschaft, die lieber unter sich bleibt. So empfindet es auch Sabine Steiwer, die seit 30 Jahren in diesem Viertel wohnt und sich im Vorstand des Bürgervereins Schinkel engagiert. Das Schlimme ist: Man lebt nebeneinander her.″ Ihre Versuche, auf ihre Nachbarn zuzugehen, sind gescheitert. Ihre Bemühungen, den Bewohnern ringsum einige Grundprinzipien deutscher Müllentsorgung näherzubringen, gingen ins Leere. Man kann nicht vernünftig miteinander reden, und das ist sehr schade.″ Weil es eng ist in den Wohnungen, treffen sich die Menschen draußen auf der Straße oder in den Höfen. Es wird oft gegrillt, eigentlich ständig″, wie Sabine Steiwer sagt, wobei viel Holz zum Einsatz kommt, auch lackiertes.

Markt für Tagelöhner

Werner Twent, der seit 49 Jahren an der Venloer Straße lebt und dort eine Autowerkstatt betreibt, wäre froh, wenn es Ansprechpartner gäbe, mit denen er die kleineren und größeren Ärgernisse im nachbarschaftlichen Nebeneinander besprechen könnte. Aber die gibt es nicht. Wohl auch, weil die Fluktuation in der bulgarischen Gemeinde sehr groß ist.

Beobachter sagen, im Viertel lebten viele Tagelöhner, die sich auf der Straße für Jobs anböten. Sie würden von Landsleuten, die sich protzige Limousinen leisten könnten, in prekäre Arbeitsverhältnisse vermittelt. Nach ein paar Monaten wechselten die Arbeitsuchenden in eine andere Stadt.

Stimmt das? Stadtsprecher Sven Jürgensen sagt, der Stadt lägen darüber keine Erkenntnisse vor. Auch sei nichts bekannt über Fälle von Menschenhandel oder versteckter Prostitution. Das Quartier gehört zum Prostitutionssperrbezirk, sodass die Stadt eine Handhabe gegen Sexarbeit in diesen Straßen hätte. Hinweise auf mutmaßlichen Sozialmissbrauch hätten sich ebenfalls nicht bestätigt, sagt Jürgensen. Wenn sich Männer auf der Straße friedlich träfen, sei das ihr gutes Recht und kein Anlass zum Einschreiten. Jürgensen räumt aber ein: Es ist eine Situation, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben.″

Ähnlich beurteilt die Polizei die Lage. Wir wissen um die Problematik und zeigen mit dem Streifendienst dort Präsenz″, sagt Polizeisprecherin Anke Hamker. Die Statistik allerdings liefere keine Anhaltspunkte, dass es sich hier um einen Brennpunkt der Kriminalität handele.

Häuser überbelegt

Gesichert ist, dass die Wohnbedingungen für viele bulgarische Familien schwierig sind. Sven Jürgensen bestätigt, dass zweimal Häuser kontrolliert wurden, weil eine dramatische Überbelegung vermutet wurde. Sofortiger Handlungsbedarf habe in beiden nicht bestanden, so Jürgensen. Was beanstandet worden sei, hätten die Vermieter anschließend behoben. Die Stadt hält aber ein Auge darauf: Weitere Kontrollen sind in der Überlegung″, so Jürgensen.

Anwohner berichten, in einigen Häusern an der Buerschen Straße lebten Familien mit vielen Kindern auf engstem Raum. Manchmal liefen vormittags Kinder auf der Straße herum, und man frage sich, warum sie nicht in der Schule seien.

Viele Menschen auf knappem Raum: Das hat im vergangenen Jahr zu einem ernsthaften Müllproblem geführt. Die Abfallbehälter quollen über, auch weil den Menschen aus ihrer südeuropäischen Heimat Mülltrennung völlig fremd ist. Die falsch befüllten Tonnen nahm die Müllabfuhr nicht mit, sie blieben in den Höfen stehen. Weiterer Abfall und Sperrmüll kamen hinzu. Die Folge: eine Rattenplage.

Die Behörden reagierten damals zügig. Es wurden Köder ausgelegt, und der Osnabrücker Service-Betrieb stellte mehr Mülltonnen zur Verfügung. Die Ratten verschwanden, aber das grundlegende Problem blieb ungelöst. Inzwischen werden wieder vermehrt Nager in den Gärten gesichtet, wie eine Anwohnerin der Venloer Straße berichtet: Es geht wieder los.″

Was unternimmt die Stadt? Der Schinkel ist dieses Jahr in das Landesprogramm Soziale Stadt aufgenommen worden. Ziel des Programms ist es, mit einem Bündel von sozialen, gesellschaftlichen und städtebaulichen Eingriffen solche Problemquartiere aus der Schmuddelecke zu holen, die Wohn- und Lebensbedingungen zu verbessern, sozial Schwachen Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten, die Menschen im Viertel zusammenzubringen. Im Rosenplatzviertel ist das Programm 2016 nach 15 Jahren erfolgreich beendet worden. Auch in Belm, wo es 16 Jahre lief, gilt es als Erfolgsgeschichte.

Eine erste Bestandsaufnahme unter Beteiligung der Bürger ist abgeschlossen. Im kommenden Jahr soll das Programm im Schinkel anlaufen. Was konkret angepackt werden soll, ist aber noch unklar.

Rechte Sprüche

Trotz der Probleme: Ich wohne gerne hier″, beteuert Sabine Steiwer. Und Carsten Friderici legt Wert darauf, dass der Stadtteil Schinkel traditionell ein Schmelztiegel der Kulturen″ ist. Integration sei in diesem Stadtteil tägliches Geschäft″. Beide befürchten allerdings, dass die Entwicklung im Dreieck an der Buerschen Straße Rechtsextremen und Ausländerfeinden Auftrieb geben wird, wenn die Stadt nicht gegensteuert. Steiwer: Ich höre hier immer öfter rechte Sprüche.″

Bildtexte:
Das Viertel an der Ecke Buersche Straße/ Venloer Straße/ Schinkelstraße hat ein Problem.
Treffpunkt an der Buerschen Straße.
Fotos:
Jörn Martens

Kommentar
Nicht länger wegsehen

Die führenden Köpfe des Bürgervereins Schinkel rufen um Hilfe. Sie tun es nicht hysterisch, nicht anklagend, aber auch nicht beschönigend. Sie haben mit ihren Mitteln versucht, Kontakte zu knüpfen und Brücken zu bauen. Denn miteinander zu reden ist allemal besser, als aufeinander zu zeigen. Doch ernüchtert stellen immer mehr Ur-Schinkelaner fest: Die Gesprächsbereitschaft ist auf der anderen Seite kaum vorhanden, auch weil es gar keine gemeinsame Sprache gibt. Die bulgarische Gemeinschaft lebt isoliert und das mitten unter uns. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Prekäre Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit, Armut, Sprachbarrieren. Wahrscheinlich auch Drogen und Alkohol. Viele Problemkreise überschneiden sich, und viele Behörden und Dienststellen haben mit unterschiedlichen Folgen zu tun. Was bislang fehlt, ist der Gesamtblick und die Idee, wie eine weitere Verfestigung dieser Parallelgesellschaft verhindert und ein nachbarschaftliches Zusammenleben ermöglicht werden kann.

Die Aufnahme in das Programm Soziale Stadt ist ein richtiger und wichtiger Schritt. Aber dieser Weg ist lang und mühsam, es ist kein Konzept der schnellen Lösungen. Doch auch die werden gebraucht, damit aus dem latenten Ärger nicht ein offener Konflikt wird den Scharfmacher aus dem rechten Spektrum dann gern zum eigenen politischen Nutzen weiter anheizen würden.
Autor:
Wilfried Hinrichs


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