User Online: 1 | Timeout: 21:45Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Silberbecher löst Spurensuche aus
Zwischenüberschrift:
„Ballon-Fuchsjagd″ von 1910 schließt Lücke in der Chronik der Osnabrücker Fliegerei
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Die Osnabrücker Segelflieger sind ihrer eigenen Geschichte wieder ein Stück nähergekommen. Keiner hatte je von der Ballon-Fuchsjagd″ gehört bis jetzt ein silberner Becher zur Erinnerung an das lokale Großereignis im Jahr 1910 auftauchte.

Osnabrück Ein Antiquitätenhändler war aus dem Privatbesitz wahrscheinlich eines Nachkommen der damals beteiligten Ballonfahrer an den Becher gekommen. Er fand heraus, dass der eingravierte Stifter des Bechers, der Osnabrücker Verein für Luftschiffahrt″, heute unter dem Namen Osnabrücker Verein für Luftfahrt″ (OVfL) fortlebt und Segelflug auf dem Flugplatz Achmer betreibt. Eine kurze Anfrage genügte: Ja klar, die heutigen Luftfahrer hatten Interesse an dem Becher und erwarben ihn.

Besonders neugierig machte sie das eingravierte Datum: 25. September 1910. Der Verein war ein Jahr zuvor von Enthusiasten der Ballonfahrt gegründet worden, Motor- oder Segelflug standen noch nicht auf dem Programm. Die Vereinsaufzeichnungen gaben nichts darüber her, was im zweiten Vereinsjahr am 25. September wohl passiert sein könnte. Joachim Jeska, promovierter Theologe, seit zwei Jahren Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Osnabrück und in seiner Freizeit begeisterter Segelflieger, befragte das Zeitungsarchiv. Und siehe da, es konnte weiterhelfen: Unter Lokales″ berichtet das Osnabrücker Tageblatt″ am 26. September 1910 über die gestrige Ballonfuchsjagd″, die unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und unter dem Protektorat des Großherzogs von Oldenburg stattgefunden habe.

Beteiligt waren der Ballon Osnabrück″, der an der roten Äquatorbinde″ als zu verfolgender Fuchs″ zu erkennen war, und als Meute″ die Ballons Münster″, Bielefeld″ und Elmendorf″. Bereits die Füllung mit Stadtgas, die morgens um kurz nach sieben Uhr begann und viereinhalb Stunden dauerte, zog eine nach Tausenden zählende Menschenmenge″ an, die beim Spiel der Infanteriekapelle den für diese Zwecke vorzüglich geeigneten Startplatz bei der städtischen Gasanstalt umstand″. Führer des Ballons war Oberleutnant Klotz vom Feld-Artillerie-Regiment Nr. 62. Die Zeitung vergisst nicht zu erwähnen, dass sich unter den drei Mitfahrenden sogar eine hiesige Dame″ befand, nämlich ein Fräulein Frielinghaus.

Kurz nach zwölf Uhr erhob sich unter brausendem Jubel der Menge der Ballon Osnabrück′ in majestätischem, fast kerzengeradem Aufstieg in die Lüfte, um langsam über den Südosten der Stadt seinen Weg in der Richtung nach Iburg/ Lengerich zu nehmen″. Die drei Verfolger-Ballons folgten in kurzen Abständen. Osnabrück″, Bielefeld″ und Elmendorf″ blieben ziemlich nahe zusammen, während der Ballon Münster″ gleich von Anfang an bedeutende Mengen Ballast auswarf und zu beträchtlicher Höhe emporstieg, sodaß er zeitweilig in einer Wolkenschicht verschwand″. Offensichtlich hatten sich die Münsteraner in größerer Höhe günstigere Winde zu ihrem Vorteil versprochen. Die Sache ging jedoch schief, Münster″ verlor das Feld um den Fuchs und gab schließlich auf. Der Fuchsballon Osnabrück″ landete um 14.05 Uhr glatt bei Dorfbauer in der Gemeinde Lienen. Ihm am nächsten ging Bielefeld″ nieder und wurde damit erster Sieger, Elmendorf″ belegte Platz zwei.

Mit der Fuchsjagd war auch eine Automobilverfolgung verbunden. Die recht langsame Ballonfahrt brachte es mit sich, dass die Autos keine Probleme hatten mitzuhalten. Fünf Automobilisten erreichten den Landeplatz nahezu gleichzeitig, sodass der Sieger per Losentscheid bestimmt werden musste.

Abends beim Festessen im Großen Klub erhielten alle Teilnehmer Erinnerungsbecher überreicht. Der festlichen Stimmung gab der Vorsitzende des Osnabrücker Vereins, Hauptmann Romberg, in einer zündenden Rede Ausdruck, in der die Bedeutung der Luftschiffahrt und […] die Veranstaltung des Tages und ihre schönen Erfolge beleuchtet wurden.″ Die Teilnehmer des Abends verfassten ein Huldigungs- und Dankestelegramm für die Übernahme des Protektorats″ an den Großherzog. Der kabelte sofort zurück: Erfreut über den guten Verlauf sende ich freundlichen Dank und Gruß. Friedrich August, Großherzog von Oldenburg.″

Für Jeska und seine Fliegerkameraden ist die Geschichte von der Ballon-Fuchsjagd ein wertvoller Mosaikstein in ihrer Vereinsgeschichte, von dem bislang keiner etwas wusste, und der durch den Erinnerungsbecher nun auch fassbar geworden ist. Ein weiterer spannender Aspekt kam im Zuge der Nachforschungen ans Tageslicht: Felix Nussbaum hat auf seinem Gemälde Landstraße mit malendem Felix Nussbaum″ aus dem Jahr 1928 den Ballon Osnabrück I″ verewigt. Auf dem Bild sieht man, dass der Ballon eine gelbe Hülle hatte. Auch das wussten wir bislang nicht, weil wir nur Schwarz-Weiß-Bilder von unserem Ballon im Archiv haben″, beschreibt Jeska den weiteren Erkenntnisgewinn.

Bildtexte:
Aus der Versenkung aufgetaucht: Ein 108 Jahre alter Silberbecher, hier präsentiert vom segelfliegenden Superintendenten Joachim Jeska, erinnert an die Ballon-Fuchsjagd″ im September 1910.
Osnabrücks erster Freiballon wurde im Juli 1909 von Oberbürgermeister Julius Rißmüller feierlich auf den Namen Osnabrück″ getauft und stieg von der Wiese neben der Gasanstalt an der Luisenstraße zum Jungfernflug auf. Die Ansichtskarte des Verlags Rudolf Lichtenberg entstammt der Sammlung von Helmut Riecken.
Felix Nussbaum: Landschaft mit Luftballon″ (Landstraße mit malendem Felix Nussbaum), 1928, Privatbesitz.
Fotos:
Gert Westdörp, Museumsquartier Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus
Autor:
Joachim Dierks


Anfang der Liste Ende der Liste