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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Emsländer wurden falsch informiert
 
Belastung durch Radioaktivität?
Zwischenüberschrift:
Moorbrand: Bundeswehr und Landkreis verwiesen auf Messungen, die es nicht gab
 
Moorbrand: Spezialisten untersuchen Boden, Luft und Wasser
Artikel:
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Originaltext:
Bundeswehr und Landkreis Emsland haben Bevölkerung und Einsatzkräfte über etwaige Gesundheitsgefahren durch den Moorbrand in Meppen falsch informiert. Die Entwarnung erfolgte vor einschlägigen Messungen und nicht unter Bezug auf die Tage mit der höchsten Qualmentwicklung.

Osnabrück Sowohl die Bundeswehr als auch der Landkreis Emsland haben in den Tagen der größten Rauchentwicklung gesundheitliche Risiken für die Anlieger des Testgeländes für Munition und weit über 1000 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk verneint. Dabei verwiesen sie auf Messungen, die es nicht gab, wie Recherchen unserer Zeitung belegen. Daten, die eine Entwarnung gerechtfertigt hätten, lagen Bundeswehr und Behörde zum Zeitpunkt ihrer entsprechenden Erklärungen nicht vor.

Die in den vergangenen Tagen bereits durchgeführten Luftmessungen werden heute fortgesetzt, die Überwachung wird engmaschig durchgeführt″, heißt es etwa in einer Mitteilung der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition (WTD) vom 20. September. Mehrere Messungen hatte es bis zu diesem Zeitpunkt aber nicht gegeben, engmaschige und umfassende schon gar nicht. Einzig die Feuerwehr Leer war zuvor mit einem Messzug vor Ort gewesen und nahm erstmals Daten in der Nacht vom 18. auf den 19. September auf.

Viele Tage nicht gemessen

Die Bundeswehr bestätigte in dieser Woche auf Nachfrage einen detaillierten Ablaufplan der Messungen. Von Kohlenmonoxid und wenigen Begleitparametern abgesehen, hat sie demnach erst ab dem 20. September umfassend Luftschadstoffe messen lassen 17 Tage nach Ausbruch des Brandes, drei Tage nach der maximalen Rauchentwicklung und einen Tag nach einer pauschalen öffentlichen Feststellung der Bundeswehr vom 19. September, wonach, so wörtlich, keine Gesundheitsgefährdung durch die Rauchentwicklung″ bestehe.

Die zitierte Aussage über die Vortage beziehe sich auf Messungen des Landkreises Emsland, bei dem das Land NRW entsprechend unterstützt hat″, erklärte ein Sprecher der Bundeswehr gegenüber unserer Redaktion. Das Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz NRW hatte in der Tat Messungen durchgeführt aber erst ab dem 22. September, also zwei Tage nach der Unbedenklichkeitserklärung der Bundeswehr und fünf Tage, nachdem die Qualmwolke sich bereits zu verziehen begonnen hatte.

Die Konzentration anorganischer Gase, flüchtiger Kohlenwasserstoffe TVOC, polycyclischer aromatischer Kohlenwasserstoffe PAK sowie von Staub, Schwermetallen und sprengstofftypischen Verbindungen wurde durch die Gefahrstoffmessstelle Nord der Bundeswehr überhaupt erst am 20. September ermittelt, ebenfalls also, als die Rauchentwicklung bereits deutlich abgeklungen war.

Bevor der Landkreis Emsland die Messungen am 21. September übernahm, erfolgte nach Angaben der Bundeswehr ansonsten nur noch ein weiteres Mal die Messung von Kohlenstoffdioxid, Schwefeldioxid, Distickstoffmonoxid, Methan, Stickstoffdioxid und Stickstoffmonoxid, und zwar am 20. September durch die WTD selbst.

Vorschnelle Entwarnung

Treffen die Angaben der Bundeswehr zu, hat sie also am 19. September vorschnell Entwarnung gegeben, zudem ohne belastbaren Bezug auf die Tage mit der größten Rauchentwicklung. Andererseits wären Gerüchte über vorherige und bislang unveröffentlichte Messungen der Bundeswehr auf dem Gelände falsch. Beispielsweise hatten die Grünen die Herausgabe von Daten aus den ersten zwei Wochen des Brandes gefordert. Diese gibt es zumindest den jetzigen Angaben zufolge nicht.

Auch der Landkreis Emsland hat Bevölkerung und Einsatzkräfte mit Blick auf etwaige Gesundheitsgefahren falsch informiert. Am 19. September hatte der Landrat öffentlich mitgeteilt, dass der Fachbereich Gesundheit keine Gesundheitsgefährdung durch den Qualm″ erkennen könne und eine solche auch auf Basis von Messungen der Bundeswehr nicht gegeben sei. Belastbare Messungen hatte es zum Zeitpunkt der Entwarnung jedoch nicht gegeben.

Lungenärzte werteten die Aussagen des Landkreises seinerzeit bereits umgehend als Schutzbehauptung″. Feuerwehrexperten protestierten ebenfalls. Rauchwolken wie die nach dem Großbrand infolge des Munitionstests seien zwangsläufig gesundheitsgefährdend.

Pikant: Die vorschnelle, und sachlich falsche Entwarnung des Landkreises, die mit dem Untertitel Keine Gesundheitsgefährdung durch Rauchentwicklung″ veröffentlicht wurde, ist von der Internetseite des Landkreises Emsland inzwischen verschwunden.

Landrat Reinhard Winter wies die Vorwürfe am Abend zurück. Er könne den im Raum stehenden Vorwurf, zu früh eine Entwarnung mit Blick auf die gesundheitliche Gefährdung gegeben zu haben, nicht nachvollziehen und bezog diese Aussage auf den Ort Stavern, so Winter. Dort sei mit Kohlenmonoxid ein zentraler Leitparameter des Brandgeschehens gemessen worden. Es habe sich daraus keine akute Gefahrensituation für die Bevölkerung ergeben. Gleichwohl sei der Hinweis erfolgt, Fenster und Türen geschlossen zu halten, weil bei Bränden grundsätzlich Rauchgase und Feinstäube entstünden.

Bildtexte:
Patrouille am Abend: ein Trupp im Naturschutzgebiet Tinner Dose auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle im Emsland. Die Schadstoffmessungen der Bundeswehr setzten nach dem Moorbrand erst spät ein.
Sondereinsatz: Forscher messen während des Moorbrands die Verunreinigung der Luft in Groß Stavern.
Fotos:
Bundeswehr/ Sebastian Grünberg, dpa/ Mohssen Assanimoghaddam

Kommentar
Aufklärung geboten

Einer der größten Brandeinsätze im Land endet, doch damit darf das Kapitel WTD 91 nicht geschlossen werden. Aufklärung tut not. Über die skandalösen Vorgänge bei der Bundeswehr genauso wie über die Rolle der Landes- und Kreisbehörden. Vor allem schockiert der Umgang mit der Frage, ob Bevölkerung und Helfer auf dem Höhepunkt des Unglücks Gesundheitsgefahren ausgesetzt waren, als Qualm bis nach Hamburg zog.

Kalkül oder Fahrlässigkeit? Fest steht: Auf Nachfrage musste die Bundeswehr einräumen, dass es in den ersten zwei Wochen des Brandes gar keine Messungen gab. Die Behauptung, es bestünden trotz der Rauchwolke keine Gesundheitsgefahren, basierte nicht auf einer nachprüfbaren Grundlage. Das wiegt umso schwerer, als Lungenärzte der Bundeswehr vehement widersprochen hatten. Umfassende Messungen wurden erst nach öffentlichem Druck erhoben. Damals war der Rauch aber durch einen Wetterumschwung bereits stark minimiert.

Keine gute Figur macht die Verteidigungsministerin. Erst reagierte sie gar nicht und ließ das Chaos zu. Immerhin: Sie entschuldigte sich in der dritten Brand-Woche bei der Bevölkerung. Doch dieses Sorry wirkt im Licht der neuen Erkenntnisse schal.

Allein den Hunderten Einsatzkräften von Feuerwehr, Polizei und THW gilt großer Dank. Sie haben Schlimmeres verhindert.

Osnabrück Entwarnung hatten Bundeswehr und Landkreis Emsland bereits vorschnell gegeben, bevor überhaupt umfassend gemessen wurde. Jetzt rückt im Fall des Moorbrands bei Meppen noch eine ganz andere etwaige Dimension der Gefährdung in den Fokus. Spezialisten untersuchen nach Recherchen unserer Redaktion Boden, Luft und Wasser auf Quecksilber und radioaktive Strahlung.

Hintergrund: Auf dem Waffentestgelände sollen in der Vergangenheit quecksilberhaltige Sprengkörper beispielsweise der Nationalen Volksarmee der DDR sowie möglicherweise uranhaltige Nato-Munition getestet worden sein. Wuchtmunition mit anderen, gegebenenfalls giftigen Schwermetallen wurde in jedem Fall verschossen. Diese und andere Stoffe könnten durch den riesigen Moorbrand mit seiner gewaltigen Rauchentwicklung freigesetzt worden sein.

Neu im Einsatz in Meppen sind deshalb mehrere Spezialisten der Bundeswehr. Die Strahlenmessstelle Süd ist mit dem Auftrag vor Ort zu überprüfen, ob Einsatzkräfte einer Strahlenbelastung ausgesetzt gewesen sein könnten″, bestätigte ein Sprecher der Bundeswehr entsprechende Informationen unserer Redaktion. Die Messstelle zählt zum Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr und hat ihren Sitz in Sonthofen, Bayern.

Dies wird derzeit ebenfalls untersucht″, bestätigte der Sprecher ferner, dass auch eine eventuelle Freisetzung von Schwermetallen wie Quecksilber aus im Moor befindlicher Altmunition geprüft werde. Hierfür werden gerade Abstimmungen mit Geologen durchgeführt.″

Auf dem Gelände im Emsland wird seit der Kaiserzeit Munition getestet. Weder ist bekannt, welche Waffen in all den Jahren genau verschossen wurden, noch gibt es zuverlässige Karten mit der Lage von Blindgängern oder ein vollständiges Altlastenverzeichnis. Sie wären ohnehin nur bedingt verlässlich, weil Geschossreste unter der Mooroberfläche anders als in fester Erde nicht zwangsläufig dauerhaft an einer Stelle verbleiben.
Autor:
Burkhard Ewert, Michael Clasen


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