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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Braune Flecken auf seiner weißen Weste
Zwischenüberschrift:
Neue Quelle belegt: Früherer Oberbürgermeister Gaertner war in Nationalsozialismus tief verstrickt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
OSNABRÜCK. Er hatte die Mitgliedsnummer 5 633 828 in der NSDAP, und er betätigte sich auch in der SA. Dr. Erich Gaertner, Osnabrücks Oberbürgermeister von 1927 bis 1945, war tiefer in den Nationalsozialismus verstrickt als bisher angenommen. Davon zeugen Unterlagen im Berliner Bundesarchiv.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Gaertner in Osnabrück noch lange als tatkräftiger Beschützer, der Schlimmeres verhütet habe. Später wurde sein Wirken unter dem Hakenkreuz kritischer betrachtet. Jetzt ist im Bundesarchiv in Berlin eine Karteikarte gefunden worden, die seine Mitgliedschaft in der NSDAP dokumentiert.
Erich Gaertner übernahm das Amt des Oberbürgermeisters 1927 von seinem Vorgänger Julius Rißmüller. Seine Amtszeit war auf zwölf Jahre angesetzt und sollte zunächst bis 1939 andauern. Gaertner war wie Rißmüller kein Osnabrücker, was für Vorbehalte unter den Stadträten sorgte. Er stammte aus dem Breisgau und war 1927 Erster Beigeordneter der Stadt Gelsenkirchen. Er galt als Finanzexperte und Mann mit Verhandlungsgeschick.
Nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 entfernten die Nazis viele Amtsträger aus den deutschen Rathäusern. Gaertner, der der nationalkonservativen Deutschen Volkspartei (DVP) angehörte, durfte weiterhin als Oberbürgermeister tätig sein. Die beiden anderen führenden Verwaltungsbeamten Osnabrücks hatten weniger Glück: Regierungspräsident Adolf Sonnenschein versuchte noch vergeblich, in die NSDAP aufgenommen zu werden, und Landrat Kurt von Detten wurde regelrecht aus seinem Amt gejagt.
Obwohl Erich Gaertner der Partei nicht angehörte, stellte ihm der Gauleiter Weser-Ems, Carl Röver, auf Anfrage des Hauptamts für Kommunalpolitik in der Reichsleitung der NSDAP ein gutes Zeugnis aus: Dr. Gaertner betätigt sich seit einigen Jahren in der SA und bemüht sich redlich, den Forderungen des Nationalsozialismus gerecht zu werden″, heißt es in einem Brief des Gauleiters vom 11. Dezember 1936, der im Bundesarchiv in Berlin lagert.
Am 20. April 1937, Hitlers 48. Geburtstag, wurde die Aufnahmesperre für neue Mitglieder in die NSDAP gelockert. Sie war am 1. Mai 1933 beschlossen worden, da die Partei den Massenansturm neuer Mitglieder nach der Machtübernahme nicht bewältigen konnte. Den Bürgern, die sich seit der Machtübernahme in den Gliederungen der Partei als Nationalsozialisten bewährt hatten, wurde nun wieder der Beitritt zur NSDAP gewährt. In der NSDAP-Gaukartei Erich Gaertners wird der 1. Mai 1937 als Aufnahmedatum vermerkt. Er bekam die Mitgliedsnummer 5 633 828 und wurde als Sturmführer z. b. V. des Stabes SA-Standarte 78″ geführt.
Die Motivation für den Eintritt Gaertners in die NSDAP sei die Fortsetzung seiner Karriere als Oberbürgermeister gewesen, vermutet der Historiker Dr. Michael Gander. Der Geschäftsführer der Gedenkstätte Augustaschacht in Hasbergen sieht Gaertner als konservativen Politiker, der zwar Vorbehalte gegenüber den Nazis hatte, aber auch Schnittmengen mit der NSDAP fand. Die Nazis waren mit seiner Arbeit zufrieden. Er hat es mit seinem Parteieintritt bekräftigt″, sagt Gander und fügt an: Wer mit dem Teufel Geschäfte macht, bleibt nicht unbeschadet.″
Gander hat vor elf Jahren herausgefunden, dass Erich Gaertner schon ein halbes Jahr vor der Pogromnacht am 9. November 1938 angeregt hat, die Osnabrücker Synagoge abzureißen. Er wollte das Grundstück der Gestapo als ihren Sitz andienen, um den Schlosspark als Flaniermeile für die Osnabrücker zu erhalten. Die Staatspolizei hatte vorgehabt, am Schloss anzubauen, um dort Garagen und eine Außenfläche für Gefangene zu schaffen.

Synagoge im Auge

Gaertner hatte im Frühjahr 1938 versucht, das Gebäude von der jüdischen Gemeinde zu kaufen. Am Tag nach dem Brand verfügte er den Abriss der Synagoge. Gemeinsame Sache machte die Stadtsparkasse, die von der dezimierten Jüdischen Gemeinde am 11. November 1938 einen fälligen Beitrag zur Hypothek forderte, die diese nicht mehr zahlen konnte. So kam die Synagoge unter den Hammer und wurde zwangsversteigert. Die Stadtsparkasse erwarb das Gelände für 850 Reichsmark, obwohl der Wert wesentlich höher war.
Möglicherweise gab es noch einen anderen Grund, warum die Synagoge abgerissen werden musste. Die Stadtverwaltung Osnabrück beabsichtigt, im Einvernehmen mit der Partei einen größeren Aufmarschplatz mit Kongresshalle zu schaffen″, schrieb Gaertner am 2. Februar 1938 an den Generalbauinspektor Albert Speer. Der Architekt und Liebling Hitlers hatte kurz zuvor die megalomanischen Pläne zum Umbau Berlins vorgestellt. Wer sich damals mit einem Bau Speers rühmen konnte, der durfte sich im Glanze des Führers sonnen.
Speer sagte zwar ab, dennoch gelang es der Stadt, den Erbauer des Berliner Olympiastadions, Werner March, für die Pläne zu gewinnen, wie Gerd Steinwascher in dem Buch Geschichte der Stadt Osnabrück″ berichtet. Noch 1941 sollen Grundstücke für das Aufmarschgelände gekauft worden sein, das zwischen der Katharinen- und Martinistraße liegen sollte. In unmittelbarer Nähe lag 1938 die Synagoge. Aus Sicht der Nazis wäre das jüdische Haus störend gewesen.
Der Zweite Weltkrieg und die massiven Bombenangriffe auf Osnabrück vereitelten die ehrgeizigen Pläne des Oberbürgermeisters. Neben zahlreichen Verdiensten Gaertners wie der Wiedereinführung des Handgiftentags oder der Stiftung der Möser-Medaille schrieb der ehemalige Redakteur des Osnabrücker Tagblatts, Karl Kühling, dem damaligen Oberbürgermeister auch die Rettung Zehntausender Osnabrücker durch den Bau von Luftschutzbunkern zu. Gaertner habe sich nicht nur um das Überleben der Osnabrücker bemüht, sondern auch um jene Unglücklichen, die als Ausländer, Kriegs- und Strafgefangene unter der Härte eines terroristischen Systems zu leiden hatten″, schrieb Kühling in einem Artikel vom 19. März 1952 zum 70. Geburtstag Gaertners.

Gefangene schutzlos

Dass viele Ausländer, Kriegs- und Strafgefangene″ überhaupt in Osnabrück waren, hatten sie Erich Gaertner zu verdanken. Von Oktober 1942 bis Mai 1943 existierte in Osnabrück eine SS-Baubrigade mit 250 Häftlingen, die in der Overbergschule untergebracht waren. Die Historikerin Karola Fings berichtete, dass ihr Einsatz auf das Engagement von Gaertner zurückzuführen sei. Als Leiter für Sofortmaßnahmen und örtlicher Luftschutzleiter forderte Gaertner die Arbeitskräfte an, um sie für die Aufräumarbeiten einzusetzen. Das Osnabrücker Lager weist von allen Baubrigaden-Lagern die höchste Todesrate auf: Innerhalb von fünf Monaten starb jeder dritte Häftling″, schreibt Fings.
Die Zwangsarbeiter wurden nicht nur von den Nazi-Schergen brutal misshandelt und buchstäblich zu Tode getrieben, sie blieben auch bei Luftangriffen entgegen der Darstellung Kühlings schutzlos. Das Betreten eines Bunkers wurde ihnen auf Anordnung Gaertners verboten, berichtet Steinwascher in der Chronik und schlussfolgert: Gaertner wusste also offensichtlich, dass die Luftschutzanlagen keineswegs ausreichten und die Verantwortlichen deshalb bereit waren, diese Menschen notfalls zu opfern.″ Zur Erinnerung: Am Palmsonntag 1945, der Kalender zeigte den 25. März, starben 178 Menschen beim schwersten Luftangriff auf Osnabrück. Allein 125 starben beim Einsturz eines Schutzstollens am Kalkhügel. Das ist fast auf den Tag genau 65 Jahre her.
Dem großen Luftschlag am Palmsonntag folgten acht Tage später die britischen Truppen. Am 3. April, kurz bevor die britische Armee in der Nacht zum 4. April 1945 in Osnabrück einmarschierte, flüchtete Erich Gaertner zusammen mit Gauinspektor Fritz Wehmeyer und Kreisleiter Willi Münzer aus Osnabrück in Richtung Norden. Auf der Flucht töteten sie die Bäuerin , Anna Daumeyer, weil vor ihrem Hof an der Nordstraße eine weiße Flagge wehte. Boleslaw Bugdalski, ein polnischer Zwangsarbeiter, stand mit einer Forke in der Hand in der Dielentür und beobachtete die Tat. Bugdalski, der nach dem Krieg nach Australien auswanderte, berichtete 57 Jahre später, Gaertner habe den tödlichen Schuss abgegeben.
Die Flucht der drei Stadtoberen endete bei Ostercappeln, wo das Trio unter britischen Beschuss geriet. Dabei wurde Wehmeyer getötet. Nachdem der erste Fluchtversuch misslungen war, wagte Erich Gaertner mit einem Fahrrad einen Alleingang. Er stürzte jedoch schwer und suchte in einem Krankenhaus bei Melle Hilfe. Dort verhafteten ihn die Alliierten. Gaertner erholte sich zunächst in einem Reservelazarett in Gütersloh, ehe er in politische Haft genommen wurde. Erst zwei Jahre nach Kriegsende kehrte er nach Osnabrück zurück.
Im Juni 1947 wurde Erich Gaertner vom Deutschen Entnazifizierungsausschuss als Nomineller Nazi-Unterstützer″ eingestuft. In der Begründung hieß es, es sei allgemein bekannt gewesen, dass er in Opposition zur NSDAP gestanden habe und von ihr bekämpft worden sei. In einem Brief vom 13. März 1939 schlug Willi Münzer seinen vermeintlichen politischen Gegner trotz mannigfaltiger Bedenken seitens der Partei″ jedoch zur Wiederwahl vor. Münzer hielt eine Wiederberufung Gaertners im Interesse einer ruhigen und stetigen Entwicklung der Stadt Osnabrück im Augenblick für zweckmäßig″.
In den Entnazifierungsverfahren wurde Gaertner zugutegehalten, dass er sich dem Befehl widersetzt habe, die Hafenanlagen sowie das Gas- und Elektrizitätswerk sprengen zu lassen. Außerdem seien von zahlreichen einwandfreien Personen Leumundszeugnisse″ ausgestellt worden. In einer erneuten Überprüfung des Entnazifizierungsausschusses wurde am 23. November 1948 festgestellt, dass der ehemalige Oberbürgermeister keine Gefahr für den demokratischen Staat″ darstelle.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Erich Gaertner noch bis 1954 in der Lotter Straße in Osnabrück. 1973 starb er in Freiburg

Bildtexte:
Osnabrück unter dem Hakenkreuz: Im Rathaus regierte Dr.Erich Gaertner.
Dr. Erich Gaertner, 1927 bis 1945 Oberbürgermeister von Osnabrück, hat sich mit dem Teufel″ eingelassen, wie der Historiker Michael Gander sagt.
Wer ermordete Anna Daumeyer? Ein Augenzeuge beschuldigt Erich Gaertner. Die Stadt Osnabrück setzte der mutigen Bäuerin mit einem Stolperstein ein Denkmal.
Autor:
Thomas Wübker


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