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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Idylle für heimgekehrte Krieger
Zwischenüberschrift:
In den 1920ern entstanden an der Wersener Straße Häuser des Osnabrücker Bauvereins
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Eine Vorstadtsiedlung mit Vorbildcharakter entstand in den 1920er-Jahren an der Wersener Straße, bevorzugt für heimgekehrte Soldaten des Ersten Weltkriegs und ihre Großfamilien. Die lockere Bauweise erlaubte große Gärten zur Selbstversorgung.

Osnabrück Die Wohnungsnot in Osnabrück nach dem Ersten Weltkrieg war zwar längst nicht so groß wie nach dem Zweiten, als 60 Prozent aller Wohnungen durch die Bombenangriffe der Alliierten zerstört waren. Doch sie war auch damals schon durchaus erheblich und stellte den Magistrat vor bis dato nicht gekannte Probleme.

Während des ganzen Ersten Weltkriegs war kaum gebaut worden, während die Verluste an Wohnraum durch Baufälligkeit naturgemäß stetig weitergingen. Nun bekam die Stadt fast ein Viertel ihrer Einwohnerzahl durch entlassene Soldaten und Zivilangestellte aus der Etappe hinter der Front dazu. Es strömten auch viele Familien aus den abgetretenen Gebieten ein, aus Elsass-Lothringen, Oberschlesien, Posen, Westpreußen und Danzig. Man behalf sich mit Schulräumen und Baracken. Der Wohnungsneubau lahmte in der Inflationszeit und nahm erst mit dem neuen Geld ab 1923 Fahrt auf.

Osnabrück hatte es besser als größere Städte, in denen man sich nicht anders als mit dem Bau riesiger Mietskasernen zu helfen wusste. Hierzulande lautete der sozialpolitische Auftrag, Eigenheime mit relativ großen Selbstversorger-Grundstücken zu bauen. An den Stadträndern entstanden zahlreiche neue Siedlungen, insbesondere für kinderreiche Familien. Baugenossenschaften reichten die staatlichen Hilfsprogramme weiter. An der Wersener Straße war es zum Beispiel der Gemeinnützige Osnabrücker Bauverein, der die aus sieben Doppelhäusern bestehende Kriegerheimstätten-Siedelung″ errichtete.

Wie es in der Wersener Straße in der Zwischenkriegszeit aussah, lässt sich anhand der Chronik des Bürgervereins Eversburg von Friedhelm Groß, Folkert Klaaßen und Bernd Thober in Wort und Bild gut nachempfinden. Darin beschreibt es Schuhmacher Gustav Geist, damals Wersener Straße 64, folgendermaßen: Seit meiner Kindheit ich bin 1911 geboren hatte die Wersener Straße schon einen durchgehenden Bürgersteig nordseitig bis zum Gehöft Johannes Kampmeyer. Auf der Südseite war ein Sommerweg, der vorwiegend zum Viehtreiben zum Markt benutzt wurde. An den Rändern standen Straßenbäume: auf der Südseite sehr alte Birken und auf der Nordseite Apfelbäume. Die letzten Birken wurden Mitte der Fünfzigerjahre gefällt. Ganz außen waren Gräben für den Wasserabfluss. Die Vorgärten hatten meistens Lattenzäune, Weißdorn- oder Ligusterhecken. Die Fahrbahn war nach dem Ersten Weltkrieg lediglich mit Schotter bedeckt.″

Der 1894 gegründete Gemeinnützige Osnabrücker Bauverein verfolgte satzungsgemäß den Zweck, den weniger bemittelten Einwohnern der Stadt Osnabrück […] billige, gesunde, gut eingerichtete, das Familienleben fördernde Wohnungen zu verschaffen″.

Sozialreformerische Vorstellungen drückt der Bauverein in einer Denkschrift zu seinem 25-jährigen Bestehen 1919 aus: Der Alleinbesitz eines Hauses auf eigenem Grund und Boden bietet neben in die Augen springenden gesundheitlichen Vorzügen auch die Grundlage für höhere sittliche und geistige Güter. Für ein geordnetes und glückliches Familienleben ist eine Häuslichkeit unerlässlich, in der die Frau mit Lust und Liebe schalten und der Mann nach vollbrachtem Tagewerk sich wohlfühlen kann, in der die Kinder ein wirkliches Elternhaus gewinnen und die Alten den Feierabend ihres Lebens im Kreise der Ihrigen behaglich verbringen können.″

Ein ausgeklügeltes Finanzierungssystem ermöglichte es Mietern, später Eigentümer des Hauses werden zu können, wenn sie ein Drittel der Kaufsumme aufgebracht hatten. Das war 1918 bereits bei drei Vierteln aller Bauvereinshäuser der Fall.

An der Wersener Straße befinden sich einige Häuser noch immer in der Hand der Familien der Erstbezieher, heute in dritter oder vierter Generation. In andere sind im Laufe der Jahrzehnte neue Familien eingezogen.

Baulich hat sich vieles verändert. Fensterteilungen, Fassadenanstriche und Hauseingänge zeugen von individuellem Geschmack, aus Gemüsegärten ist Zierrasen geworden, Schweineställe wurden zu Garagen umgebaut, und vor den geschrumpften Vorgärten brausen heute auf vier Spuren die Autos vorbei. Aber die charakteristische Krüppelwalm-Mansard-Dachform ist geblieben.

Bildtexte:
An den Dachformen ist die frühere Kriegerheimstättensiedlung weiterhin gut zu erkennen, auch wenn sich an Fenstern und Fassaden sonst viel verändert hat. Die einst üppigen Vorgärten sind durch den Ausbau der Wersener Straße zum vierspurigen Autobahnzubringer arg geschrumpft.
Beschauliches Wohnen an einer Landstraße fast ohne Verkehr das boten die sieben gleichartigen Doppelhäuser des Gemeinnützigen Osnabrücker Bauvereins an der Wersener Straße um 1928.
Blick vom heutigen Eversburger Platz stadtauswärts in die Wersener Straße. Rechts ein geschotterter Bürgersteig, links ein unbefestigter Sommerweg″, auf dem vielfach das Vieh zum Markt getrieben wurde. Einem Verkehrszähler wäre hier wohl der Arm eingeschlafen. Die Ansichtskarte aus den 1920er-Jahren entstammt dem Archiv des Bürgervereins Eversburg.
Fotos:
J. Dierks, Museumsquartier Osnabrück/ Rudolf Lichtenberg
Autor:
Joachim Dierks


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