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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Karmann verweigert Abfindung
 
Karmann geht nicht auf die IAA
 
Sie wollen um die Abfindung kämpfen
 
Europa soll Karmännern helfen
Zwischenüberschrift:
Von Entlassung Bedrohten nur Einstieg in Transfergesellschaft angeboten
 
Konzentration auf Genfer Salon
 
Karmann-Mitarbeiter fordern Hilfe von Gesellschafterfamilien
 
Politik verspricht Unterstützung
Artikel:
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Originaltext:
OSNABRÜCK. Der Osnabrücker Autobauer Karmann bietet den 1390 von Entlassung bedrohten Mitarbeitern den Einstieg in eine Transfergesellschaft an, will allerdings nicht die von Betriebsrat und Gewerkschaft geforderte Abfindung zahlen.

Allein für die Finanzierung der Karmann-Beteiligung an der Gesellschaft sei die Aufnahme von 30 Millionen Euro notwendig, erläuterte die Geschäftsführung gestern auf einer Betriebsversammlung in Osnabrück. Die laufenden Kosten für diesen Kredit, der innerhalb von fünf Jahren zurückgezahlt werden soll, will das Unternehmen aus dem Weiterbetrieb mit den zwei Säulen Fahrzeugentwicklung und Dachfertigung bezahlen, erläuterte Karmann-Personalchef Jochen Voß unserer Zeitung.
Ein Sprecher des Unternehmens bestätigte weiter, dass die Banken für die Gewährung dieses MillionenKredits natürlich Sicherheiten verlangten. In der Betriebsversammlung war von Bürgschaften, etwa des Landes Niedersachsen, die Rede, wie Insider berichteten.
Die Ankündigung der Geschäftsführung, diesen dritten Karmann-Sozialplan innerhalb weniger Jahre ohne die bisher übliche Abfindung von etwa einem halben Monatsgehalt pro Jahr der Betriebszugehörigkeit abzuwickeln, stieß bei Arbeitnehmern, dem Betriebsrat und der IG Metall auf Ablehnung. Hartmut Riemann, erster Bevollmächtigter der IG Metall in Osnabrück, und Betriebsratschef Wolfram Smolinski betonten auf Nachfrage, dass für sie nur die Einrichtung einer Transfergesellschaft plus einer Abfindung für die bewährten Mitarbeiter des Traditionsunternehmens infrage komme. Immerhin seien die jetzt von der Maßnahme betroffenen Kollegen mehr als 25 Jahre bei Karmann beschäftigt. Sie hätten die Erfolgsstory Karmann erarbeitet und die Gesellschafterfamilien bestimmt nicht ärmer gemacht″, betonte Riemann. Die Gesellschafter dürften sich in dieser Situation nicht aus der Verantwortung stehlen, machte Smolinski deutlich. Riemann bedauerte in diesem Zusammenhang, dass es keine rechtliche Möglichkeit gebe, die Gesellschafter dazu zu zwingen, den Sozialplan finanziell mitzutragen.
Für den Betriebsbereich Metal-Unit (Werkzeugbau, Presswerk etc.) mit geplant 750 Mitarbeitern würden Verkaufsverhandlungen mit mehreren Interessenten geführt, betonte Peter Harbig, Sprecher der Geschäftsführung.
Die Ankündigung, keine Abfindung zu zahlen, quittierten die Mitarbeiter in der Betriebsversammlung mit lauten Buhrufen. Vor dem Werkstor ließen Beschäftigte ihrem Zorn freien Lauf und forderten die Gesellschafterfamilien auf, sich in dieser schweren Phase finanziell für ihre Mitarbeiter zu engagieren. Irgendwo gibt es noch versteckte Schatullen″, vermutet ein 48-jähriger Mitarbeiter aus dem Fahrzeugbau, der im Mai seinen Job verliert.

Bildtext:
Wenden nicht mehr drin beim Osnabrücker Autobauer Karmann endet im Mai die Fahrzeug-Komplettfertigung.
Foto:
Gert Westdörp

KOMMENTAR
Alte Fehler rächen sich

Ausgerechnet in der Himmelfahrtswoche endet bei Karmann die Fahrzeugproduktion, nach 106 Jahren.
Trotz des auch gestern in der Betriebsversammlung allseits gelobten Einsatzes aller Beteiligten ist es dem Osnabrücker Traditionsunternehmen nicht gelungen, einen Anschlussauftrag reinzuholen. Karmann-Chef Peter Harbig und sein Team gingen monatelang rund um die Welt Klinken putzen letztlich erfolglos.
Woran liegt das? In den letzten Jahren kursierten auf dem Markt für Komplettfertiger weltweit noch nicht einmal eine Handvoll Aufträge und alle Jobs hat der Karmann-Konkurrent Magna Steyr bekommen. Letztlich geht es nur noch um den Preis, weil Qualität sowieso vorausgesetzt wird. Und da konnten die Grazerdurch schiere Größe und viele Leiharbeiter aus dem benachbarten Ex-Jugoslawien punkten.
Aber die Gründe sind nicht nur global bedingt, sondern auch in Fehlern der Vergangenheit zu suchen, als die damalige Unternehmensführung die Akquirierung von Aufträgen nur nebenbei″ betrieb, wie ein erfahrener Karmann″ einmal sagte. Die anerkannt hohe Qualität der Autos aus Osnabrück und Rheine, zu der alle Mitarbeiter ihren Teil beigetragen haben, ist bestimmt nicht der Auslöser der Karmann-Krise. Und das müssen die Gesellschafter auch anerkennen. Durch die Zahlung einer Abfindung.

OSNABRÜCK. Die Wilhelm Karmann GmbH wird in diesem Jahr nicht mit einem eigenen Stand auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt vertreten sein.

Peter Harbig, Sprecher der Geschäftsführung, begründete diesen Schritt gegenüber unserer Zeitung gestern in Osnabrück mit der allgemeinen Unsicherheit innerhalb der Automobilbranche. Nach Absagen von großen Unternehmen wie Continental und Mitsubishi befinde man sich hier in guter Gesellschaft″, sagte der 50-Jährige weiter. Sein Unternehmen konzentriere sich in diesem Jahr auf einen Auftritt beim Genfer Salon im März. Mit in diese Entscheidung eingebunden sei auch eine Kosten-Nutzen-Analyse″, ergänzte Personalchef Jochen Voß. Harbig schloss allerdings nicht aus, dass es zusammen mit dem Energiekonzern EWE zu einem Messeauftrittt in Frankfurt kommen werde. Bis zum Herbst wollen die beiden Unternehmen das erste Modell eines gemeinsamen Elektroautos präsentieren.
Harbig und Voß schlüsselten gemeinsam mit Betriebsratschef Wolfram Smolinski und dem ersten Bevollmächtigten der IG Metall in Osnabrück, Hartmut Riemann, die Karmann-Pläne für die Zukunft auf. Nach der Überführung von bis zu 1390 Mitarbeitern vorwiegend aus der Komplettfertigung in dieTransfergesellschaft verbleiben noch 1150 Arbeitsplätze am Standort Osnabrück. Diese Jobs sind in den Sparten Cabrio-Dachsysteme und Fahrzeugentwicklung sowie der Verwaltung angesiedelt.
Dazu kommen 750 Mitarbeiter der Metal-Unit″ mit den Sparten Werkzeugbau, Presswerk, Module, Produktionssysteme und Ersatzteile. Diese Abteilungen stehen, wie von der Geschäftsführung bereits im Spätsommer vergangenen Jahres angekündigt, als Paket zum Verkauf. Harbig sprach von mehreren Interessenten. Die Verkaufsverhandlungen würden sehr sorgfältig betrieben.
Die Transfergesellschaft soll nach dem Plan der Geschäftsführung eine Laufzeit von zwölf Monaten haben. Die Vergütung der dort Beschäftigten will Karmann um 18 Prozent auf in der Regel 85 Prozent des bisherigen Nettoeinkommens aufgestocken.
Riemanns Dank galt besonders dem Osnabrücker Bundestagsabgeordneten Martin Schwanholz (SPD), der sich in Berlin um EU-Mittel für die Transfergesellschaft bemüht habe. Auch den Geleitschutz″ von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU für dieses Projekt hob Riemann hervor. Für Gewerkschaft und Betriebsrat gehöre zu einer solchen Gesellschaft allerdings zwingend eine Abfindung, wie sie die Kollegen des ersten Sozialplanes in Osnabrück und aktuell die Mitarbeiter im Karmann-Werk Rheine, wo bereits heute die Fahrzeug-Komplettfertigung endet, bekommen.
Personalchef Voß sieht das offenbar anders. In der Betriebsversammlung habe er anklingen lassen, dass er ein Karmann-Engagement bei der Hilfe für Mitarbeiter aus der Fahrzeugproduktion sinnvoller in einer Transfergesellschaft angelegt sehe als in Abfindungen, die eh schnell aufgebraucht seien, wie Insider berichteten.

OSNABRÜCK. Wenn er einen Wunsch frei hätte, sagt Karmann-Mitarbeiter Berthold Schulz, dann wäre ich gern drei Jahre älter″. 55 ist er erst und lebt deshalb in der Angst, in zwei Jahren auf Hartz IV zu rutschen und dann alles zu verlieren, was ich in vierzig Berufsjahren erarbeitet habe″.

Die Stimmung unter den Karmänner ist so frostig wie das Wetter. Kein Kommentar″, winken viele ab und gehen den Reportern am Werkstor aus dem Weg. Die Betriebsversammlung ist erst ein paar Minuten vorüber. Jetzt wissen die Mitarbeiter, dass Karmann keine Abfindung zahlen kann oder will, wie viele glauben. Nichts Positives, alles negativ. Das muss man erst einmal verdauen″, sagt Berthold Schulz, bleibt stehen und erzählt.
Der Georgsmarienhütter ist Konstrukteur im Werkzeugbau, also in jener Metalleinheit („ Metal unit″), die verkauft werden soll. Was mit den dort beschäftigten 750 Leuten geschehen wird, weiß noch keiner. Berthold Schulz, der in 39 Jahren Arbeit für Karmann viele Höhen und Tiefen live erlebt hat, rechnet mit dem Schlimmsten. Kündigung. Transfergesellschaft. Arbeitslosigkeit. Und in zwei Jahren bin ich auf Hartz IV.″ Seine Frau verdient etwas Geld als geringfügig Beschäftigte, sein älterer Sohn (20) will demnächst studieren, der jüngere (16) geht noch zur Schule. Wie soll das mit Hartz IV gehen?″, fragt er. Wäre er drei Jahre älter ja, das wäre sein Wunsch gewesen –, dann hätte er einen reibungslosen Übergang in die Rente gehabt.
Schulz ist auf Kurzarbeit. Drei Tage hat er in diesem Monat erst gearbeitet. Am Ende des Monats bringt er nur 67 Prozent seines früheren Nettolohns nach Hause.
Wenn es doch wenigstens eine Abfindung gäbe. Unfair″, findet er das. Die Kollegen in Rheine schließen heute ab und gehen alle mit Abfindungen nach Hause. Auch die Ex-Karmänner aus den früheren Entlassungswellen erhielten einen halben Monatslohn pro Beschäftigungsjahr. Jetzt sollen die Kassen leer sein und die Augen richten sich auf die Gesellschafterfamilien. Ich bin sehr gespannt, ob sich die Familie Karmann finanziell engagiert.″ Schulz wiegt den Kopf: Ich schätze, die Chancen stehen fünfzig: fünfzig.″
Roland Vogel (48) aus Ibbenbüren will die Karmann-Nachkommen nicht aus der Verantwortung entlassen. Ob es eine Abfindung gibt, sei letztlich eine Machtfrage″, sagt der Familienvater kämpferisch: Da ist das letzte Wort beileibe noch nicht gesprochen.″ Aber die Firmenkassen sind leer? Das wird den Arbeitnehmern so suggeriert″, kontert Vogel. Er glaube nicht daran. Irgendwo, so mutmaßt er, werde es schon noch versteckte Schatullen geben, deren Inhalt für eine faire Abfindung ausreiche.
Roland Vogel ist seit 25 Jahren bei Karmann und arbeitet im Fahrzeugbau, der im Mai definitiv ausläuft. Ob er in die Transfergesellschaft wechseln wird, weiß er noch nicht. Umgesehen habe er sich schon, aber: Bei Karmann hat man gutes Geld verdient. Die Abstriche bei anderen Firmen, die tun richtig weh.″
In der Betriebsversammlung hätte man die Stecknadel fallen hören können, berichtet Reimund Tölle (51) aus Wallenhorst. Die Anspannung habe sich dann in lauten Buhrufen entladen, als Karmann-Chef Peter Harbig über die Sache mit den Abfindungen ansprach. Aber es hat ja keinen Zweck.″ Tölle glaubt nicht, dass Druck aus der Belegschaft die Gesellschafter bewegt, Geld lockerzumachen. Die identifizieren sich nicht mehr mit dem Unternehmen.″ Wilhelm Dietrich Karmann der Einzige aus der Familie, der in der Unternehmensspitze tätig ist nahm an der Betriebsversammlung aus terminlichen Gründen, wie es hieß, nicht teil.
Ihm hätten wohl die Ohren geklungen angesichts der direkten Forderungen der Gewerkschafter an die Familie. Hartmut Riemann, IG-Metall-Bevollmächtigter, hätte, wenn es eine rechtliche Möglichkeit gäbe, die Gesellschafter zwingen wollen, sich ihrer sozialen Verantwortung zu stellen. Betriebsratsvorsitzender Wolfram Smolinski sagte, die Entlassung treffe ältere Kollegen mit langen Beschäftigungszeiten, die über Jahrzehnte das Rückgrat des Unternehmens bildeten. Diesem Personenkreis verdanken die Gesellschafter ihren persönlichen Reichtum.″
Tölle trägt eine Karmann-Tüte. Sie ist für einen Kollegen, der krank zu Hause sitzt. Er hat 25-jähriges Arbeitsjubiläum. Inhalt der Tüte: Eine Tasse, eine Uhr, ein Dankschreiben mit dem Hinweis auf das übliche zusätzliche Monatsgehalt als Treuegratifikation ausgehändigt ausgerechnet an diesem Tag.

Bildtexte:
Berthold Schulz, 55, seit 39 Jahren bei Karmann: Keine Abfindung zu zahlen ist unfair.″
Roland Vogel, 48, seit 25 Jahren bei Karmann: In irgendeiner Schatulle ist noch Geld.″
Reimund Tölle, 51, seit 31 Jahren bei Karmann: Die Familien identifizieren sich nicht mit dem Unternehmen.″ Tölle trägt eine Tüte mit Treuegeschenken von Karmann für einen kranken Kollegen, der 25-jähriges Arbeitsjubiläum feiert.
Fotos:
Gert Westdörp

OSNABRÜCK. Politiker aller Parteien haben gestern ihr Bedauern über die Entwicklung bei Karmann zum Ausdruck gebracht, aber zugleich den Blick nach vorn gerichtet: Die Transfergesellschaft solle zusätzlich mit europäischen Geldern ausgestattet werden, um die Entlassenen noch besser für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren.
Das Zauberwort heißt Europäischer Globalisierungsfonds″. Es steht jenen Branchen zur Verfügung, die Opfer des Globalisierungsprozesses geworden sind und dies nachweisen können. Der Osnabrücker SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Schwanholz hatte nach eigenen Angaben diesen Gedanken schon vor zwei Jahren an Karmann und den Bund herangetragen, um auf den schlimmsten Fall vorbereitet zu sein. Schwanholz ist sehr optimistisch, in Brüssel Gelder aus dem Topf lockermachen zu können: Wir haben gut vorgearbeitet, Berlin steht in den Startlöchern.″ Wie viel Geld aus Brüssel zu erwarten wäre, wollte Schwanholz nicht beziffern. Bei der Nokia-Schließung in Bochum waren für 2000 Beschäftigte etwa zwölf Millionen Euro geflossen.
Auch der FDP-Bundestagsabgeordnete Carl-Ludwig Thiele unterstützt die Forderung an Brüssel und die Weiterführung der Transfergesellschaft. Da die Firma Karmann in den vergangenen Jahrzehnten im global vernetzten Automarkt tätig war und die Schließung auch eine Folge des weltweiten Absatzeinbruchs bei Kraftfahrzeugen ist, sollte hier der europäische Globalisierungsfonds helfen″, erklärte Thiele. Er setze sich schon seit Längerem″ bei der Landesregierung und beim Bundesarbeitsminister dafür ein.
Meine Gedanken gelten den Mitarbeitern und deren Familien, die mit Kündigung rechnen müssen″, sagte Oberbürgermeister Boris Pistorius. Es müssten alle Anstrengungen unternommen werden, die Menschen wieder in Jobs zu bringen. Pistorius brachte eine Wiederauflage der Arbeitsmarkt-Konferenz ins Spiel. Nach den ersten Kündigungswellen hatten Stadt und Landkreis Arbeitgeber aus der Region zusammengerufen, um den Karmännern dort Türen zu öffnen.
Die Stadt-CDU sprach gestern von einem traurigen Tag für Karmann, für Osnabrück und die Mitarbeiter. Es gibt wohl nur wenige Unternehmen in Niedersachsen, für die sich die Landesregierung unter Ministerpräsident Christian Wulff so stark eingesetzt hat wie für Karmann″, teilten Kreisvorsitzender Burkhard Jasper und Bundestagskandidat Mathias Middelberg mit. Die Wiedereingliederung von mehr als 80 Prozent der bisher entlassenen Mitarbeiter sei ermutigend für die jetzt Betroffenen, betonte Middelberg.
Autor:
Wilfried Hinrichs, Gerhard Placke


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