User Online: 1 | Timeout: 08:40Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Blumen für das letzte Karmann-Auto
 
Karmann braucht Daimler-Millionen
Zwischenüberschrift:
Offene Rechnungen sollen Start der Transfergesellschaft retten
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Trauriger Anlass: Nach 108 Jahren Fahrzeugbau ist gestern Mittag unter Ausschluss der Öffentlichkeit das letzte Karmann-Auto vom Band gelaufen ein schwarzer Mercedes-Benz CLK 200 Kompressor. Insgesamt 3, 3 Millionen Autos sind allein in den letzten 60 Jahren bei Karmann produziert worden. Das erfolgreichste Modell war der VW Scirocco, der von 1974 bis 1992 vom Band lief. Karmann fertigte davon fast 800 000 Autos. Jetzt hofft der Autobauer, dass Daimler zumindest teilweise offene Rechnungen in Höhe von rund 40 Millionen Euro bezahlt, um ab Juli eine Transfergesellschaft für rund 1500 Gekündigte aus der Taufe heben zu können.
Foto:
Karmann

OSNABRÜCK. Alle schauen auf Daimler: Der Start einer Transfergesellschaft für rund 1500 gekündigte Karmänner hängt jetzt davon ab, ob Daimler diese Woche offene Rechnungen in Höhe von 18 Millionen an Karmann überweist. Bis jetzt hüllt sich der Autobauer mit dem Stern in Schweigen.

Das Handy von Thomas Fiedler ließ gestern über 1000 Karmänner verstummen. Als der Mitarbeiter von Insolvenzverwalter Ottmar Hermann während einer Betriebsversammlung am Rednerpult stand, läutete sein Mobiltelefon. Er unterbrach seine Rede. Und die ganze Belegschaft hörte mit. Sekunden später war die Enttäuschung in den Augen Fiedlers abzulesen. Nein, es war nicht der erhoffte Anruf aus Sindelfingen. Frust und Wut machten sich unter den Zuhörern breit.
Karmann braucht Daimler jetzt ganz dringend. Denn die Nobelmarke schuldet den Osnabrückern noch Geld. Viel Geld. Wir haben offene Rechnungen in Höhe von 40 Millionen Euro gegenüber Daimler″, sagt Thomas Fiedler. Karmann wäre bereit, diese Forderungen um etwa die Hälfte zu reduzieren, wenn Mercedes sofort zahlen würde. Der Osnabrücker Autobauer benötigt das Geld, um nächste Woche die Transfergesellschaft für rund 1500 gekündigte Mitarbeiter aus der Taufe heben zu können. Von dort sollen die Entlassenen weiterqualifiziert und in neue Jobs vermittelt werden.
In den vergangenen drei Monaten ist es Karmann wegen fehlender Aufträge nicht gelungen, genügend Geld für die Transfergesellschaft anzusparen. Bis gestern Vormittag um 11 Uhr sollte Daimler erklären, ob die Firma das lukrative Angebot annimmt. Nachmittags wollte das Insolvenzverwalter-Team die Betroffenen informieren. Der Anruf kam nicht. Weder eine Absage noch eine Zusage. Wir wissen jetzt nicht, woran wir sind″, sagt Fiedler mit einem Schulterzucken.
Heute trifft sich der Gläubiger-Ausschuss von Karmann in Frankfurt, um über die Zukunft des Osnabrücker Traditionsunternehmens zu beraten. An diesen Gesprächen nimmt auch Daimler teil. Wir hoffen noch sehr auf eine Zusage.″
Der Insolvenzverwalter steht vor einem gewaltigen Geld-Problem. Die Wilhelm Karmann GmbH hat derzeit Rücklagen in Höhe von 20 Millionen Euro. Eigentlich genug Geld, um die Transfergesellschaft zu finanzieren. Aber: Dieses Geld benötigen wir, um das laufende Geschäft aufrechtzuerhalten″, so Fiedler: um Löhne und Rechnungen von Zulieferern zu bezahlen. Für die Transfergesellschaft bleibt von diesem Geld also nichts. Deshalb sind die Millionen aus Sindelfingen so wichtig.
Insolvenzverwalter, Betriebsrat und IG Metall kämpfen weiter um den Erhalt von Karmann. Wir verhandeln in alle Richtungen, betont der Insolvenz-Spezialist. Es gibt auch Gespräche mit möglichen Investoren.″ Dabei sind rund 1000 Kündigungsschutzklagen von entlassenen Karmännern im Weg. Dieses Problem lässt sich nur mit Start einer Transfergesellschaft lösen. Käme sie zustande, würden wahrscheinlich auch die Klagen zurückgenommen. Und Karmann künftig für Investoren wieder viel interessanter.

Bildtext:
Damit ist jetzt Schluss: Nach dem Ende der Autoproduktion benötigt Karmann jetzt dringend das Geld von Daimler.
Foto:
ddp

KOMMENTAR
Ein unglaubliches Angebot

Das Angebot klingt unglaublich: Karmann verzichtet auf rund 20 Millionen Euro, wenn Daimler das Geld sofort auf den Tisch legt. Und trotzdem zögert Daimler. Mehr noch: Die schwäbischen Autobauer antworten gar nicht. Da stellt sich die Frage nach dem Warum. Lässt Daimler die Not leidenden Osnabrücker nur zappeln, um die Summe noch weiter zu drücken? Oder gibt es ganz andere Gründe? Das Schweigen von Daimler macht den Insolvenzverwalter zum Bettler. Er kann das Angebot nicht zurückziehen. Es gibt kurzfristig keine andere Geldquelle. Notfalls wird er im Laufe der Woche sogar nachbessern müssen.
Das Angebot zeigt jedenfalls, dass Karmann bereit ist, für die Transfergesellschaft einen sehr hohen Preis zu zahlen ganz sprichwörtlich. Kurzum: Insolvenzverwalter, Betriebsrat und IG Metall wollen die Transfergesellschaft. Unbedingt.
Dass sie damit den gekündigten Karmännern einen würdigen Abgang verschaffen wollen, ist bekannt. Das kann aber nicht der einzige Grund sein. Vielleicht sind die Verhandlungen mit Investoren weitaus konkreter, als die Beteiligten zugeben wollen.
Daimler muss jetzt zahlen. Im eigenen Interesse. Sonst verspielen sie nicht nur ein gutes Geschäft. Sondern verbauen einem guten Geschäftspartner auch die Zukunft.
Autor:
Stefan Prinz


Anfang der Liste Ende der Liste