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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Braunes Schreckgespenst
Zwischenüberschrift:
Wie Fritz Wolf Rechtsradikale und ihre Helfershelfer demaskierte
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Seit Wochen wird die Republik durch rechtsorientierte und migrantenfeindliche Tendenzen in Atem gehalten begünstigt vor allem in Ostdeutschland durch einen fast unverhohlenen Schulterschluss zwischen politischen Rechtsauslegern und Neonazis. Der Karikaturist Fritz Wolf hat solcherlei Erscheinungen bereits in den 1990er-Jahren angeprangert.

Osnabrück Aufgeschreckt beobachtet der deutsche Michel die Szenerie am Straßenrand: Hier wird er Zeuge eines Aufmarsches, den zwei gesichtslose SA-Schergen in Uniform mit einem Transparent anführen. Sachsen Anhalt″ ist dort in großen Lettern zu lesen, wobei die beiden Anfangsbuchstaben des Landesnamens gefettet sind und so als Kürzel der seinerzeitigen NS-Sturmabteilung gelesen werden können. Unter dem Schriftzug marschiert Adolf Hitler mit zum Gruß ausgestrecktem rechten Arm gefolgt von kahlköpfigen Männern in Springerstiefeln. Ein Schreckgespenst marschiert″, hat der Zeichner sein Werk von 1998 betitelt, das durchaus Parallelen zur aktuellen Lage in Köthen oder Chemnitz aufweist.

In einer zweiten, ähnlichen Karikatur von 2001 steht neben dem ängstlichen Michel ein Richter als Repräsentant der Justiz und vielleicht auch der inneren Sicherheit. Mit einem Fernglas spürt er einer Gruppe von vier hintereinander marschierenden Männern nach, die vom mit einem Baseballschläger bewaffneten Hooligan über einen uniformierten Träger des Eisernen Kreuzes und einen SA-Mann zum NS-Führer mutieren. So demonstrieren sie ihre Geistesverwandtschaft, auch wenn Arm- und Fingerhaltung des deutschen Grußes″ variieren. Die Unterschrift Wir werden die weitere Entwicklung sehr sorgfältig beobachten! streift heute die Frage, ob der Verfassungsschutz nicht auch die AfD und ihre Gliederungen beobachten sollte.

Spiegeln diese beiden Karikaturen im Blick auf die Bevölkerung eher Wolf′sche Skepsis, so hatte der Karikaturist seinem Michel als Verkörperung des deutschen Durchschnittsbürgers 1992 eine aktive Rolle gewünscht und ihn sogar handgreiflich zur Tat schreiten lassen: Per kräftigen Fußtritt befördert er eine Gruppe von sechs Neonazi-Glatzen vom Schiff Bundesrepublik″ ins offene Meer und dies unter dem Motto Das Boot ist wirklich voll! Den Spieß einfach umdrehen? Ein gedanklicher Schwenk zu den Bootsflüchtlingen im Mittelmeer und ihrem ungewissen Schicksal liegt nahe.

Etwas subtiler, aber angesichts der bevorstehenden bayerischen Landtagswahlen nicht weniger aktuell erscheint eine Zeichnung von 1998, die einen gemütlich dreinschauenden bajuwarischen Petrijünger mit Lederhose und Gamsbart am Hut beim Fischen vor alpiner Kulisse zeigt. Das Anglerglück ist ihm offenbar hold, denn aus seinem Eimer winkt bereits ein kapitaler, glatzköpfiger Fang beim Siegesgruß, derweil ein zweiter schon an seinem Haken baumelt. Am rechten Bildrand stellt Bundeskanzler Helmut Kohl verwundert fest: Ich denke, wir wollten den braunen Sumpf austrocknen! Vielleicht sind Angela Merkel in den vergangenen Monaten ähnliche Worte in den Sinn gekommen, wenn sie ihren Heimatminister Horst Seehofer auf Stimmenfang im falschen Gewässer″ ertappte.

Im Kampf gegen Rechtsextremismus ist Fritz Wolf nicht erst in den 1990ern zur Höchstform aufgelaufen. Seit den 1950er-Jahren boten ihm schlampige Entnazifizierung, die Rolle der NPD oder die Blindheit von Politik und Justiz auf dem rechten Auge reichlich Stoff für sorgsam umgesetzte Zeichnungen, die er in diesem Themenfeld mit besonders gelungenem Wortwitz garnierte. Der Betrachter spürt: Hier ging einer zu Werke, für den Toleranz, Vielfalt und Nächstenliebe als Herzensanliegen im Wertekanon ganz oben standen. Dabei blieb er optimistisch: Während heute Deutschland-Alternative″ die Parlamente erobern, waren dies in den 1990er-Jahren die Republikaner. Einen von ihnen hat der Zeichner 1995 auf die eine Seite einer Wippe gesetzt. Auf das andere Ende packt der Michel das Grundgesetz und katapultiert den Rechtsausleger so dank der moralischen Kraft und des inhaltlichen Gewichts der Verfassung ins Nichts.

Zur Person: Hermann Queckenstedt ist Sprecher des Fritz-Wolf-Kuratoriums und Direktor des Diözesanmuseums Osnabrück.

Bildtexte:
Das Boot ist wirklich voll! (1992)
Stimmenfang im falschen Gewässer.″ (1998)
Ein Schreckgespenst marschiert.″ (1998)

100 Jahre Fritz Wolf

Die Neue Osnabrücker Zeitung″ widmet ihrem langjährigen Hauskarikaturisten Fritz Wolf anlässlich seines 100. Geburtstags eine Karikaturen-Serie. Das Stadtmuseum Quakenbrück präsentiert noch bis zum 4. November eine Fritz-Wolf-Ausstellung zum Thema Musik, während das Museum Industriekultur in Osnabrück im Rahmen seiner aktuellen Kneipenausstellung Wolf′sche Bierkarikaturen zeigt. Für Freunde des Karikaturisten ist zudem ein Ausblick ins neue Jahr möglich, denn der Fritz-Wolf-Kalender 2019 ist bereits im Buchhandel und an den derzeitigen Ausstellungsorten zum Preis von 18, 90 Euro erhältlich.

Informationen zu den Projekten der Fritz-Wolf-Gesellschaft erteilt Medienwissenschaftler Sebastian Scholtysek unter Telefon 0176/ 31110663 oder per E-Mail an post@ Fritz-Wolf.de
Autor:
Hermann Queckenstedt


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