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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Zu viel Phosphor in Gewässern
 
Phosphor in Flüssen: Sind Bauern schuld?
Zwischenüberschrift:
Neue Untersuchung zu Überdüngung aus Hessen
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück Phosphor schädigt die Ökosysteme erheblich. Während die Landwirtschaft bislang als Hauptverursacher galt, stellen Untersuchungen vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie diese Annahmen nun jedoch in Frage.

In deutschen Gewässern landet zu viel Phosphor. Er schädigt die empfindlichen Ökosysteme, weil er Algenwachstum fördert. Als Hauptschuldige galten bislang die Landwirte. Untersuchungen aus Hessen legen jetzt aber nahe, dass es auch ganz anders sein könnte.

OsnabrückDie Ergebnisse machen bereits seit einigen Tagen die Runde. Die Stuttgarter Zeitung″ hatte zunächst darüber berichtet. Bauernverbände wie der in Schleswig-Holstein griffen den Bericht auf und verbreiteten die Kernaussage in sozialen Netzwerken: Landwirte sind nicht schuld an der Überdüngung der Gewässer, es sind die Kläranlagen! Hauptsächlich Bauern drücken seitdem auf Gefällt mir″ und teilen die Ergebnisse, die immer weitere Kreise ziehen.

Sie scheinen der bislang gängigen These zu widersprechen, dass Kläranlagen und Landwirtschaft in etwa gleichermaßen an der Überdüngung mit Phosphor schuld sind. Und stellen damit auch die Sinnhaftigkeit strenger Gewässerschutz-Regeln für Landwirte infrage. Deutschland hat sich verpflichtet, bis 2030 einen Phosphor-Grenzwert in seinen Gewässern einzuhalten, sonst droht Ärger. Erst kürzlich war Deutschland vom Europäischen Gerichtshof verurteilt worden, weil Nitrat-Grenzwerte im Grundwasser nicht eingehalten worden waren. Hauptverursacher: die Landwirtschaft.

Ergebnisse aus Hessen

Was bei Nitrat unstrittig ist, scheint mit den neuen Ergebnissen für Phosphor plötzlich gar nicht mehr so sicher. Hinter den Untersuchungen stecken Peter Seel und sein Team vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Sie haben die gängige Aussage überprüft, die aus komplizierten Berechnungen abgeleitet wird. Die Erkenntnisse aus Hessen stellen die Ergebnisse der Rechenmodelle nun infrage. Seel und die Mitarbeiter des Landesamtes haben an mehreren hessischen Flüssen und über 300 Bächen nachgemessen und die Ergebnisse mit den bislang gültigen Modellrechnungen abgeglichen.

Sie fanden heraus, dass die Modelle deutlich höhere Phosphor-Jahresmengen prognostizieren, als tatsächlich in den Flüssen zu messen ist. Bei Kläranlagen ist der Beitrag indes sehr gut bekannt. Wenn insgesamt weniger Phospor nachzuweisen ist, muss ihr Anteil also prozentual größer sein.

Außerdem wurde ermittelt, dass bislang Phosphor-Verbindungen im Ackerboden in den Modellen eingerechnet werden, die aufgrund ihrer chemischen Beschaffenheit nicht für eine Überdüngung sorgen. Algen können sie schlicht nicht verarbeiten.

Herausgefunden wurde auch, dass sich die Phosphorkonzentration in den Flüssen bei starken Regenfällen nicht sonderlich erhöhen, obwohl mehr Phosphor von Ackerflächen in die Gewässer gelangt. Weil die Flüsse dann aber insgesamt mehr Wasser führen, wird dieses verdünnt. Zumindest für die Fließgewässer ist dies also kein Problem, wohl aber für Nord- und Ostsee, wo sich der Phosphor später ablagert.

Unter Berücksichtigung der drei Faktoren kommt das Team Seel bei den Flüssen Fulda, Lahn, Main, Nidda und Kinzig zu dem Schluss: Der Anteil der Phosphor-Jahresfracht aus kommunalen Kläranlagen liegt bei diesen fünf Flüssen zwischen 50 und 80 Prozent.″ Die Einträge aus der Landwirtschaft seien hingegen in der Vergangenheit deutlich überschätzt worden.

Seel kann belegen, dass er recht hat. Denn als Folge seiner Untersuchungen wurden Kläranlagen umgerüstet und die Betriebsweise optimiert, sodass sie Phosphor nun erheblich besser herausfiltern. Und siehe da: Seitdem nehmen die Phosphor-Konzentrationen in den Flüssen und Bächen tatsächlich deutlich ab. Grenzwerte werden plötzlich eingehalten, die zuvor noch unerreichbar schienen.

Was in Hessen funktioniert, sollte doch für ganz Deutschland gelten, sollte man meinen. Doch Seel schränkt selbst ein: Die Ergebnisse sind wahrscheinlich auf andere Mittelgebirgsregionen übertragbar. Die Situation im norddeutschen Tiefland dagegen können wir von Wiesbaden aus nicht beurteilen. Das müssen die Behörden dort selbst prüfen″ Hier wird nämlich vielerorts auf alten, trockengelegten Moorböden Landwirtschaft betrieben, die nach wie vor große Mengen Phosphor freisetzen. Und es gilt laut Seel auch nicht für die Regionen, in denen besonders viel Vieh gehalten wird. Also beispielsweise in der Region Weser-Ems in Westniedersachsen.

Zudem muss man auch immer berücksichtigen, wie die Kläranlagen in Sachen Phosphor aufgestellt sind. Da gibt es Bundesländer etwa Schleswig-Holstein –, in denen schon vor Jahren entsprechende Umrüstungen stattgefunden haben″, sagt Seel. Mecklenburg-Vorpommern kündigte kürzlich ein entsprechendes Programm an.

Während nun vor allem in Süd- und Mitteldeutschland Diskussionen um die Ergebnisse aus Hessen entbrannt sind, bleibt es in norddeutschen Behörden vergleichsweise ruhig. So hält beispielsweise der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz auf Nachfrage an seinen bisherigen Modellberechnungen fest. Für die Weser etwa bedeutet das: 49 Prozent der Phosphor-Einträge haben ihren Ursprung unmittelbar in der Landwirtschaft. 20 Prozent finden ihren Weg über das Grundwasser in die Weser. Davon stammt ein Anteil unbekannter Größe ebenfalls aus der Landwirtschaft. Kläranlagen hingegen machen nur elf Prozent aus.

Genau hinschauen

Die FDP im Landtag in Hannover will es trotzdem genau wissen. Agrarpolitiker Hermann Grupe hat eine entsprechende Anfrage an die Landesregierung eingereicht. Und Albert Stegemann, Agrar-Experte im Bundestag für die CDU, merkt an: Die Ergebnisse aus Hessen machten deutlich, dass man sehr genau hinschauen müsse. Es wird deutlich, dass es am Problem vorbeigeht, wenn man die Landwirtschaft als alleinigen Verursacher brandmarkt″, so der Parlamentarier auf Anfrage unserer Redaktion.

Es gibt aber auch in Niedersachsen Orte, an denen ganz genau gemessen wurde. Beispielsweise am Problem-See Dümmer ein großer, aber sehr flacher See, der immer wieder mit Blaualgen-Wachstum zu kämpfen hat. Messungen haben gezeigt, dass hier weniger als zehn Prozent des Phosphors aus kommunalen Kläranlagen kommen. Der Hauptanteil stammt aus der Landwirtschaft.

Landwirtschaft und ihre Folgen: Mehr auf noz.de/ landwirtschaft

Bildtext:
Bei Untersuchungen des Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie wurde auch die Phosphorkonzentration in Kläranlagen untersucht.
Foto:
dpa/ Frank Rumpenhorst
Autor:
Dirk Fisser


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