User Online: 1 | Timeout: 23:24Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Als die Spanische Grippe Osnabrück erreichte
Zwischenüberschrift:
Juli 1918: Epidemie fordert erste Tote, Wucher mit Altmöbeln, Kartoffeln als Zahlungsmittel
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Erstmals ist im Juli 1918 in einer Osnabrücker Zeitung von einer Spanischen Grippe″ die Rede. Deren Symptome seien zuvor in Berlin und München beschrieben worden, hätten nun aber auch Osnabrück erreicht.

Osnabrück Die Osnabrücker Volkszeitung″ (OVZ) benennt als typische Symptome Fieber, grenzenlose Abgespanntheit, tränende, oft anschwellende Augenlider″. Am 3. Juli 1918 heißt es, in München werde nach 1500 Fällen bereits von einer Epidemie gesprochen, in Berlin würden sich die gemeldeten Krankheitsfälle von Stunde zu Stunde mehren. Alle Osnabrücker Hospitäler, die über Isolierzimmer verfügten, stünden zur Aufnahme von Infizierten bereit.

Noch weiß man wenig über die Erkrankung. Die OVZ″ zitiert den Bremer Obermedizinalrat Prof. Tjaden mit beruhigenden Worten: Die Erreger stellen nichts Neues dar. Sie haben Ähnlichkeit mit der Influenzawelle Anfang der 1890er. Der Verlauf ist aber leichter. Die vielfach mit hohem Fieber einsetzenden Krankheitserscheinungen pflegen bald abzuklingen. Bei der starken Ansteckungsfähigkeit sind Isolierungsmaßregeln zwecklos, wenngleich unnötiges Aufsuchen von Kranken durch Gesunde vermieden werden sollte. Eine sofortige Inanspruchnahme der Ärzte, zumal nachts, beim Eintreten des Fiebers, ist meistens unnötig. Bettruhe ist das beste Mittel. Ein Grund zu Befürchtungen liegt, soweit sich die Sache bis jetzt übersehen lässt, nicht vor.″

Mit dieser Einschätzung liegt Tjaden ziemlich daneben, wie sich in den folgenden Monaten erweisen soll. Im Juni und Juli 1918 sind es erst 26 Todesfälle, aber bis zum Jahresende soll sich die Zahl der Grippetoten in Osnabrück auf 415 erhöhen. In manchen Wochen löst die Spanische Grippe die Kampfhandlungen an der Front als Todesursache Nummer eins ab.

Damit nicht genug, vergeht kein Tag ohne Zeitungsberichte über die Not der Menschen durch fehlende Nahrungsmittel. Auf dem Land werden noch eher Reserven vermutet als in der Stadt. Der Landrat richtet einen Aufruf an die Bewohner des Landkreises: Jetzt kurz vor der Ernte befinden wir uns in der kritischsten Zeit der Volksernährung. Leider sind auch in unserem Kreise teils durch die schlechte Haltbarkeit der Kartoffeln, teils durch eigenes schlechtes Haushalten viele in eine direkte Notlage geraten, da sie schon tagelang keine Kartoffeln mehr haben. Da uns keine anderen Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, muss die Allgemeinheit helfen. Wir rufen deshalb alle Bewohner des Landkreises zur Hülfe auf. Die Herren Gemeindevorsteher werden gebeten, in den nächsten drei Tagen eine Kartoffel-Haussammlung zu veranstalten, mit zehn Pfennig das Pfund zu bezahlen und die gesammelten Mengen der Kreiswirtschaftsstelle sofort telefonisch zu melden. Jedes Pfund ist willkommen! Helfe also jeder nach seinen Kräften.″

Auf einen zeitgemäßen Gedanken ist ein Karussellbesitzer gekommen: Er nimmt als Bezahlung für eine Fahrt eine Kartoffel. Auf diese Weise hat der Mann an einem Nachmittag mehr als 300 Kilo Kartoffeln eingenommen. Das ist gewiss ein guter Verdienst bei dem gegenwärtigen Kartoffelpreis″, meint die OVZ″. Was aber auch zu bedenken sei: Böse Buben hätten die Kartoffeln bestimmt bei ihren Eltern aus der Kartoffelkiste gestohlen, um aufs Karussell zu kommen.

Die Zeitung bricht eine Lanze für die Kommunalverwaltung. Sie zitiert aus einer Denkschrift des städtischen Kriegsernährungsamtes Danzig, in der einmal aufgezählt wird, welche zusätzlichen Aufgaben durch die Kriegsbedingungen auf alle Städte zugekommen sind, und bezieht die Aussagen ausdrücklich auch auf die Leistungen des Osnabrücker Magistrats:

Durch die Hand der Stadt gehen heute fast alle Nahrungsmittel, sie beschafft Kohlen und Gummisauger, Spiritus und Petroleum, alte Kleider und Holzsohlen; sie mästet Schweine und Gänse und beschafft und verteilt Futtermittel, sie züchtet Hühner und Kaninchen, sie kocht täglich für viele 1000 Menschen das Mittag- und Abendessen, sie beschafft Arbeitskräfte und Pferde, sie vermittelt Aufträge für Heereslieferungen, sie schätzt die Ernte und zählt das Vieh, sie gewinnt Fett aus Knochen und hökert in eigenen Läden Obst und Gemüse aus.

Sie stellt Dörrgemüse her und macht Wurst, sie verteilt Gartenland zur Kartoffel- und Gemüseerzeugung, sie sammelt und organisiert die Sammlung von Brennnesseln und Obstkernen, sie kauft Holz im Inland und im besetzten Gebiet auf, sie schlachtet selbst Vieh und kocht Marmelade, sie prüft Urlaubsgesuche für ihre militärisch eingezogenen Bürger und beschafft Düngemittel für die Landwirtschaft, sie prüft die Preise für Brot und Zündholzer, für Fleisch und Stiefel, für Mühlenwaren und Seife, sie lässt für den Bedarf ihrer Einwohner Fische fangen und anliefern, sie beschafft Maschinen für Privatfirmen, sie führt die Sammlung und Beschlagnahme von Kupfer, Aluminium und Messinggeschirren durch, sie verteilt Einmachzucker und regelt die Ernährung von Kranken und Säuglingen. Und neben dieser Fülle von Aufgaben beschäftigt sie sich mit vielen hunderten von Sonderwünschen, die täglich aus der Bevölkerung heraus vorgetragen werden. Deutschland darf stolz darauf sein, dass seine großen Gemeinden auf dem Wege der Selbstverwaltung unter starker ehrenamtlicher Beteiligung der Bürgerschaft diese gewaltigen Leistungen zu vollbringen imstande sind!

In der Turnhalle an der Heinrichstraße 48 geht eine Ausstellung preiswerter Möbel ihrem Ende entgegen. Es handelt sich um eine Serie, die die Tischlerinnung speziell für Kriegsgetraute″ in Kleinwohnungen entworfen hat. Durch Vermittlung der Stadt seien die Möbel besonders billig und dabei qualitativ hochwertig, wobei die Innung auf Serienfertigung durch größere Stückzahlen setzt. Jetzt ist die letzte Gelegenheit, sich in die Sammelbestellung bei der Tischlerinnung einzutragen. Nach dem Krieg wird die Innung die jetzigen billigen Preise nicht halten können″, wirbt die Zeitung.

Gebrauchtmöbel sind so begehrt, dass sie Geschäftemacher auf den Plan rufen. Ein Leser („ Einsender″) schildert seine Erfahrungen: Die Althändler versuchen alles an sich zu reißen. Einsender hatte ein gebrauchtes Sofa zu verkaufen. Und schaltete eine Verkaufsanzeige. Natürlich erschienen zuerst die Althändler auf der Bildfläche, wurden jedoch abgewiesen.

Ein Händler schickte dann nachmittags seinen Vater vor, der eine rührselige Geschichte erzählte. Aber auch der wurde erkannt und der Preis so gesetzt, daß er unverrichteter Sache abziehen mußte. Am Tag darauf erschien eine Frau, gab sich als Kriegerfrau aus und erzählte, sie wolle das Sofa für ihren verwundeten Mann gern haben. Man ließ es der Frau für 70 Mark. Wie erstaunte Einsender aber, als er nach einigen Tagen das nämliche Sofa im Laden der Althandlung P. an der Johannisstraße sah, zum Preis von 150 Mark! Das könne man nur als unmoralisch und verwerflich bezeichnen.

Bildtexte:
Ansicht der Stadt vom Westerberg. Auf das Stadtkrankenhaus (rechts vor der Katharinenkirche, die heutige Volkshochschule) und insbesondere sein Isolierhaus (Giebelansicht etwas weiter links) kamen große Belastungen durch die Spanische Grippe zu.
Gute Noten von der OVZ″ bekommt die Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Julius Rißmüller (1863–1933) für effizientes Arbeiten unter erschwerten Kriegsbedingungen.
Fotos:
Alois Wurm (1894), gedruckt auf Leporello des Verlags G. Pillmeyer, Osnabrück, Sammlung H. Kümper, Archiv
Autor:
Joachim Dierks


Anfang der Liste Ende der Liste