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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Razzia, Pizza, Buddha
Zwischenüberschrift:
Der Osnabrücker Festsaal am Schlosswall bot vielen Kulturveranstaltungen eine Bühne
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Bevor das Osnabrücker Vereinshaus″, die Stadthalle am Kollegienwall, im Jahr 1900 ihre Türen öffnete, profitierten auch kleinere Säle als Veranstaltungsräume vom aufblühenden Vereinsleben der Gründerzeit. Einer davon war der Osnabrücker Festsaal″ am Schlosswall.

Osnabrück Um 1898 erwarb der Osnabrücker Arbeiter-Bildungsverein (ABV) das Grundstück gegenüber von Ratsgymnasium und Plümersturm und ließ darauf ein zweigeschossiges Wohn- und Wirtshaus im neoklassizistischen Stil und etwas zurückliegend ein Saalgebäude errichten.

Erster Pächter war Albert Böttcher, schon bald gefolgt von Fritz Hockemeyer, wie auf der im Stil der Zeit idealisierenden Lithografie zu ersehen ist. Der ABV war zu der Zeit bereits ein weitgehend unpolitischer Verein geworden. Er stand für Fortbildung und Geselligkeit im Milieu der Arbeiterschaft, so wie auch die Kaufmannsgehilfen oder die sangesfreudigen Bäckermeister ihre Vereine für Gleichgesinnte aufmachten. Klassenkämpferische Parolen waren nicht mehr zu vernehmen.

Das war ein halbes Jahrhundert zuvor noch anders. Vom Geist der Revolution von 1848 beseelt, kam 1849 der aus Thüringen stammende Tischlergeselle Johann Heinrich Schucht nach Osnabrück. Vermutlich hatte ihn die Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung″, eine nationale Organisation der Arbeiterbewegung, in die Region geschickt, um für feste Bildungsangebote zu gängigen Schulfächern oder berufsfördernde Lehrgänge zu sorgen.

Im November 1849 ließ er sich zum Gründungspräsidenten des Osnabrücker Arbeiter-Bildungsvereins wählen. Der ABV wuchs schnell und kam bald auf 150 Mitglieder angesichts einer Einwohnerzahl Osnabrücks von 12 000 eine beachtliche Zahl. Man engagierte Lehrer des Ratsgymnasiums, die klassische Schulfächer unterrichteten, die Arbeiter aber auch in politischer Bildung und Buchführung schulten. Der ABV sorgte für die erste Volksbibliothek und stieß die Gründung der späteren Volkshochschule und des ersten Sportvereins der Stadt, des MTV, an. Auf dem Gebiet der Politik sorgte er dafür, dass Arbeiter und Handwerksgesellen ein proletarisches Klassenbewusstsein entwickelten. So wurde der ABV zu einer Keimzelle für Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung in Osnabrück.

Das blieb dem konservativen Innenminister des Königreichs Hannover und früheren Osnabrücker Bürgermeister Johann Carl Bertram Stüve nicht verborgen. Auf der Suche nach aufrührerischen Schriften kam es mehrfach zu Razzien. Schucht wurde 1851, nachdem er den Meistertitel erworben hatte, aus dem Königreich ausgewiesen. Der Arbeiterbildungsverein wurde zwar nicht aufgelöst, aber nach und nach dessen Führung mit von der Obrigkeit favorisierten Personen besetzt.

Wenn anderswo in Deutschland die Arbeiterbewegung in der sozialen Frage eindeutig Position gegen Kapital und Bürgertum bezog, blieb der Osnabrücker ABV unpolitisch. Er gehörte auf der legendären Bundesversammlung, als die Eisenacher Sozialdemokratie 1869 unter Bebel gegründet wurde, zu der Minderheit der Nein-Stimmen.

Unter der Zielsetzung eines Bildungsvereins ohne politischen Anspruch baute der Osnabrücker ABV sich den Festsaal am Schlosswall zu seinem Stammsitz aus, in dem auch Vortrags- und Musikveranstaltungen anderer Vereine und Institutionen abgehalten wurden. So fanden die sogenannten Volks-Sinfoniekonzerte ab 1930 im Festsaal statt. Anders als etwa das Gewerkschaftshaus am Kollegienwall war der Festsaal kein Ziel politisch motivierter Angriffe in der Nazizeit. Relativ geräuschlos wurde der Arbeiter-Bildungsverein zum Volksbildungsverein″ gleichgeschaltet.

In der Abfolge der Pächter tauchen in den 1920er-Jahren die Namen Friedrich Vathauer und Bernhard Wilhelm auf, in den 1930ern und 1940ern Karl Kreibohm, Hermann Röntker, Karl Liese und Gerhard Stumpenhorst. 1938 erwarb die Osnabrücker Aktien-Bierbrauerei (OAB) das Eigentum am Festsaal.

Den Bombenkrieg überlebte nur der vordere Bau am Schlosswall, nicht jedoch der Saalbau. Gleichwohl hielt sich bis etwa 1955 der Name Osnabrücker Festsaal″. Danach ist von der Bergquell-Schänke″ die Rede. Nachkriegs-Wirte unter Regie der OAB sind Gerhard Stumpenhorst, Josef Spinger, der aus Bad Laer stammende Gastwirt und Konditor Adolf Dosenbach sowie Walter Müller. Anton Brinkhege wurde neuer Eigentümer, seine Kalksandstein-Vertriebsgesellschaft zog über der Schänke ein.

Nachdem es mit dem Bier aus den tiefen Quellen des Westerberges″ nichts mehr war, wurde die Küche international: Nach den Pizzerias Fantasia″, Vecchia Roma″ und Fellini″ bat das Japan-Restaurant Buddha″ zu Tisch. Seit etwa 2008 wird die Immobilie nicht mehr gastronomisch genutzt, sondern von Versicherungsbüros und Gesundheitsdienstleistern genutzt.

Bildtexte:
Die Osnabrücker Festsäle″ lagen am Schlosswall 28 gegenüber dem Plümersturm. Eigentümer war der Arbeiterbildungsverein (Ausschnitt aus der Ansichtskarte des Verlags H. Wehmann, Osnabrück, die der Sammlung von Dieter Mehring entstammt).
Erster Wirt des Festsaals war Albert Böttcher (Lithografie des Verlags H. Paal, Osnabrück, aus der Sammlung von Dieter Mehring).
Der Vorderbau an der Straßenfront hat den Krieg überlebt, während der zurückliegende Saalbau nur stark reduziert als eingeschossiger Zwischentrakt wiederaufgebaut wurde. Versicherungsbüros und Gesundheitsdienstleister haben die traditionsreiche Gastronomie abgelöst.
Foto:
Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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