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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Abschied von einem der letzten Traditionshäuser
Zwischenüberschrift:
Textilgeschäft Kurtz in der Großen Straße schließt nach 180 Jahren
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Eines der letzten inhabergeführten Einzelhandelsgeschäfte in bester Lage sieht für sich keine positive Zukunft mehr. Das Fachgeschäft für Wäsche und Bademoden Kurtz in der Großen Straße 50/ 51 schließt zum Jahresende. Der Räumungsverkauf hat begonnen.

Osnabrück Kurtz bietet nach eigenen Angaben Ware im mittleren bis gehobenen Preisniveau″ an. Doch Seniorchef Jörg Kurtz beobachtet schon seit einigen Jahren den Trend, dass die hochwertig kaufenden Kunden weniger werden: Die Stammkunden sind mit uns älter geworden, und es kommen keine Jüngeren nach″, stellt er fest, die junge Generation kennt zum Teil überhaupt keine Fachgeschäfte mehr, sie bevorzugt die Billig-Ketten.″

Jörg Kurtz und seine Frau Helga sind zusammen über 100 Jahre im Textileinzelhandel tätig. Sie freuen sich darauf, demnächst nicht mehr sechs Tage in der Woche an Deck stehen zu müssen. Und Tochter Nina, die seit 2010 das Geschäft leitet, strebt eine berufliche Neuorientierung an. Einen Nachfolger für die Fortführung des Geschäfts in ähnlichem Zuschnitt zu finden erscheint aussichtslos: Wir sind bislang nur deshalb betriebswirtschaftlich klargekommen, weil wir drei Familienmitglieder unsere Arbeitszeit nicht so genau abgerechnet haben″, gesteht Kurtz mit einem Augenzwinkern.

Geschäfte wie Tepe oder Damenmoden Holthaus sprachen einen ähnlichen Kundenkreis an wie wir″, konstatiert der Seniorchef, wir haben in gewisser Weise voneinander profitiert. Aber sie sind nicht mehr, auch sie mussten die Zeichen der Zeit erkennen.″

Dabei hatte auch Kurtz schon vor Jahren die Zeichen erkannt und sein Sortiment auf Bademoden, Nachtwäsche und Dessous verschlankt. Die Flächen im Erdgeschoss, für Laufkundschaft besonders attraktiv, vermietete man an Filialisten und beschränkte sich auf die Obergeschosse.

Die Neuvermietung der insgesamt 300 Quadratmeter in den drei Obergeschossen sieht Kurtz als unproblematisch an. Der über zwei Etagen reichende Glaserker mache die Flächen für Einzelhandel jeglicher Couleur attraktiv. Aber auch eine Vermietung an Mediziner oder Rechtsanwälte sei denkbar.

Im September wird das Handelshaus Kurtz 180 Jahre alt. Der Urururgroßvater von Nina Kurtz, Karl-Martin Kurtz, gründete es 1838 im westpreußischen Bromberg (Bydgoszcz). Er hatte Färber und Blaudrucker gelernt und verkaufte die von ihm veredelten Stoffe nicht nur im Laden, sondern auch auf Märkten und Messen. Spätere Generationen erweiterten das Sortiment um Schürzen, Wollstrümpfe, Strickwolle, Pferdedecken und Bettfedern. Christian Otto Kurtz aus der dritten Generation baute eine Bettfedern-Reinigungsfabrik an. Die Aussteuerabteilung besaß einen guten Ruf in der ganzen Provinz Posen. Für die Aussteuer fuhr man zu Kurtz das war ein ungeschriebenes Gesetz. Sogar Damen aus Berlin kamen und kauften elegante Tisch- und Bettwäsche.

Nach dem Krieg wurde Bromberg polnisch und das Geschäftsklima für einen deutschen Unternehmer immer ungünstiger. C. O. Kurtz verkaufte 1920 das Anwesen und zog nach einem Zwischenspiel in Sondershausen/ Thüringen 1930 nach Osnabrück. Hier bot sich die Gelegenheit, das eingeführte Textilgeschäft Max Blank zu übernehmen.

Nach dem Zusammenbruch 1945 trat Sohn Walter (1918–1999) in die C. O. Kurtz OHG ein. Er hatte ein juristisches Vollstudium absolviert und stand nun angesichts des Trümmerhaufens, den das einst stolze Geschäftshaus an der Großen Straße darstellte, vor der Frage: Jurist bleiben oder Einzelhandelskaufmann werden? Der Familiensinn obsiegte, er begann 1949 zusammen mit den Eltern mit dem Wiederaufbau. Schon bald erreichte das Textilfachgeschäft C. O. Kurtz unter seiner Leitung wieder das Vorkriegs-Ansehen.

Auch ehrenamtlich war Walter Kurtz sehr engagiert: Er bekleidete leitende Positionen im Einzelhandelsverband, in der IHK und im Verkehrsverein VVO. Mit dem bunt bemalten VVO-Bulli fuhr er in die Niederlande, um die Nachbarn in die Hasestadt zu locken. Dabei musste er diplomatisches Geschick walten lassen, denn das deutsch-holländische Verhältnis war noch vom Krieg belastet. Der Erfolg gab ihm recht. Ohne derartige Pioniertaten würde der Osnabrücker Weihnachtsmarkt heute wohl kaum solche Besucherströme aus den Niederlanden erleben.

1978 stieg mit Jörg Kurtz die fünfte Generation ins Unternehmen ein. Zunächst noch mit Vater Walter, dann mit Ehefrau Helga an seiner Seite, leitete er die Verschlankung des Sortiments ein. Kleiderstoffe und Kurzwaren wie Knöpfe und Nähgarn liefen nicht mehr, nachdem die Nachkriegswelle selbst genähter Bekleidung abgeebbt war und Konfektion immer preiswerter wurde. Bald war auch die große Zeit der Gardinen vorbei. Kurtz konzentrierte sich fortan auf Wäsche. 1992 fand eine abermalige Sortimentsverlagerung statt. Badeanzüge, Nachtwäsche, Hausmäntel, Hausanzüge und Miederwaren traten in den Vordergrund.

So ist die Geschichte des Textilhauses Kurtz die Geschichte einer beständigen Anpassung an sich wandelnde Kundenwünsche. Und auch der jetzt folgende letzte Schritt ist richtig, meint Jörg Kurtz: Gegen Trends könne man nicht ankämpfen, und das Rad der Geschichte lasse sich nicht zurückdrehen.

Bildtexte:
Weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und hoch angesehen: Das Textilfachgeschäft Christian Otto Kurtz in der Großen Straße auf einem Foto aus dem Jahr 1963.
Der größte Teil des Erdgeschosses wird schon lange an Filialisten vermietet. Nun verlässt Kurtz auch die oberen Etagen.
Walter Kurtz (1918–1999)
Fotos:
Firmenarchiv, Gert Westdörp
Autor:
Joachim Dierks


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