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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Mit Geduld gegen Vorurteile
Zwischenüberschrift:
Osnabrücker weichen aufgeklärten Muslimen in der Fußgängerzone eher aus
Artikel:
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Originaltext:
Junge Muslime der Ahmadiyya-Gemeinde haben am Samstag in der Osnabrücker Fußgängerzone versucht, ihre Botschaft für religiöse und kulturelle Toleranz, Friedfertigkeit und mehr Miteinander in der deutschen Gesellschaft unter die Leute zu bringen. Jene aber, die sie vorrangig erreichen wollten, wichen dem Infostand eher aus.

Osnabrück Eine Handvoll junger Männer baut am Vormittag auf der Großen Straße den Büchertisch unter einem Pavillon auf. Rechts und links streben die Passanten ihren Einkaufszielen entgegen, ohne den eher indisch anmutenden Muslimen viel Beachtung zu schenken. Wir stammen ursprünglich aus Pakistan″, klärt Attaur Rehman, in der Gruppe zuständig für interreligiösen Dialog, bereitwillig auf.

Aufklärung gegen Vorurteile ist es generell, worum es den Mitgliedern von Ahmadiyya (gesprochen: Achmadee) geht. Sie leiden in jedem Sinne des Wortes darunter, dass der Islam für die deutsche Mehrheitsgesellschaft überwiegend militant und intolerant daherkommt. Sie selbst erkennen im Koran keine Basis für Hass, Krieg und Verfolgung. Mit ihren Grundwerten fügen sie sich in diese Mehrheitsgesellschaft nahtlos ein. Aber wer weiß das schon?

Ein Paar zeigt als Erstes Interesse an dem Stand, an dem der Satz Muslime für Frieden, Freiheit, Loyalität″ prangt. Olfa und Khaled Mardindi sind selbst Muslime, allerdings sunnitische, und fühlen sich angesprochen. Sie kam vor vier Jahren aus Tunesien, er vor drei Jahren aus Syrien; er arbeitet in einem Sanitärgroßhandel in Wallenhorst, sie in der Schokoladenfabrik in Georgsmarienhütte; beide sehen sich auf dem Weg zur Integration, fühlen sich aber gelegentlich noch ausgegrenzt. Damit sind sie aber nicht Zielgruppe für die Aufklärungsinitiative.

Völlig außerhalb dieser Zielgruppe ist eine ältere bekennende Atheistin, die den aufgeklärten und dennoch streng gläubigen Muslimen ihre Abneigung gegen jeden Gott″ nahebringen will. Das Gespräch mit ihr endet, als sie sagt, dass Ideologien wie der Kommunismus im Gegensatz zu den Religionen noch nie Krieg und Verfolgung ausgelöst hätten. Die jungen Männer wirken ein wenig befremdet. Zwei Baptisten, die als Nächste mit eigenen Flugblättern Kontakt aufnehmen, hellen die Mienen wieder auf: Man entdeckt Gemeinsamkeiten: Religionen verbinden die Menschen″, freut sich Attaur Rehman.

Nach knapp einer Stunde ist es endlich so weit: Mit Anke und Gert Otte treten die ersten Vertreter der Osnabrücker Mehrheitsgesellschaft an den Infotisch. Die beiden Achtziger plus minus ich über, meine Frau unter achtzig″ kommen aber mit konkretem Anliegen: Wir wollen uns bedanken″, sagt Gert Otte ehrlich begeistert. Ihr seid doch die muslimische Gemeinde, die jedes Jahr den Neujahrsputz macht. Das finden wir toll und wollten euch das sagen.″ Ohne Scheu lässt sich das Paar von den jungen Muslimen über ihren Glauben informieren: Wenn alle Muslime in Deutschland so wären, hätten wir all die Probleme nicht.″

Wenn alle Deutschen so wären, gäbe es auch deutlich weniger Probleme″, freut sich Hasib Ghaman anschließend über diese Besucher. Der 25-Jährige ist hauptamtlicher Imam und Theologe der Osnabrücker Ahmadiyya-Gemeinde. Nein, er ist kein Imam-Import aus der Türkei. Er wurde in Eberbach bei Heidelberg geboren, studierte 14 Semester an der Schule seiner nur in Hessen und Hamburg staatlich anerkannten Glaubensgemeinschaft in Darmstadt und fühlt sich voll und ganz als Deutscher.

Als eine junge Dame auf ihn zukommt und ihm die Hand reicht, schüttelt er diese, erklärt aber sogleich, dass ihm sein Glaube eigentlich untersage, die Hand einer Frau zu schütteln. Aber das stelle keine Ablehnung oder Missachtung dar. Er ist sich bewusst, dass das ein Integrationshindernis sein kann. Ich trinke auch keinen Alkohol und esse kein Schweinefleisch, fühle mich aber absolut als Deutscher. Das kann doch nicht entscheidend sein für die deutsche Identität.″

Hasib Ghaman versucht, der Frau zu erklären, dass jede religiöse Regel ihren Ursprung in einem kulturellen und historischen Umfeld habe, in dem sich ihr Sinn auch leicht erschließe. Seine Glaubensrichtung verlor 1974 in Pakistan ihre Anerkennung, weshalb viele Gläubige in alle Welt flohen. So auch seine Eltern. Weil ihm bewusst ist, dass diese pakistanische Tradition in Deutschland missverständlich sei, sehe er sich berechtigt, bei der ersten Begegnung die Regel zu verletzen, um sie dann zu erklären und so akzeptabel zu machen.

Der Imam bedauert, dass er an dem Infostand nicht sehr viel Gelegenheit erhält, Mitbürgern zu erklären, was es mit dem Verbergen weiblicher Reize, mit dem Essen im Ramadan, mit der Polygamie oder mit Kinderehen auf sich hat. Er kann das alles erklären, lehnt Burka, Viel- und Kinderehe selbst aber auch ab. Wichtiger ist ihm aber, dass der Koran die Gläubigen zu Toleranz und Frieden aufrufe, damit wir gemeinsam ein noch schöneres Deutschland und darüber hinaus auch eine noch schönere Welt bauen″.

Bildtexte:
Einen Dank hatten (von rechts) Anke und Gert Otte auf dem Herzen, den sie bei Moiz Ahmad und Attaur Rehman erfolgreich anbrachten.
Das Dialogangebot von Imam Hasib Ghaman wurde am Samstag in der Fußgängerzone nur zurückhaltend genutzt.
Die Dialogaktion der Ahmadiyya-Muslim-Jugendorganisation läuft bundesweit.
Leider lockte die frohe islamische Botschaft nur selten so viele Besucher an wie in dieser Situation.
Fotos:
Swaantje Hehmann
Autor:
Thomas Niemeyer


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