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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Unsichtbar in Osnabrück
Zwischenüberschrift:
In Osnabrück leben etwa 35 Menschen aufder Straße, so viele wie seit Jahren nicht.Wie kommt man klar ohne fließend Wasser,ohne Strom, ohne Kühlschrank, ohne Bett?Einblicke von einem, der Platte machte
Artikel:
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Originaltext:
15 Monate lang war Olaf Bentgerodt untergetaucht. Niemand wusste, dass er immer noch in Osnabrück lebte, dass er überhaupt noch lebte, weder Behörden noch Freunde oder Bekannte, nicht mal die gut vernetzte Wohnungslosenhilfe. Familie? Er hat noch einen Bruder, aber zu dem habe er keinen Kontakt mehr, sagt der 56-Jährige. Er hatte sich für ein Leben auf der Straße entschieden. Geld vom Staat? Wollte er nicht. Olaf Bentgerodt lebte vom Flaschensammeln.

Heute kehrt er zurück an seinen alten Schlafplatz, zum ersten Mal seit Dezember. Eine Brücke im Hasepark. Sein Gang ist schleppend, aber als er sich dem Brückenpfeiler nähert, wird er schneller. Jeden Abend zog er seinen Militärschlafsack aus der Nische über dem Brückenpfeiler. Und jeden Morgen verstaute er seine Sachen dort wieder, machte sich auf den Weg in die Stadt. Immer mit dem unguten Gefühl im Bauch, seine einzigen Habseligkeiten könnten am Abend verschwunden sein. Acht bis neun Stunden war er täglich unterwegs, um Flaschen zu sammeln. Vom Marienhospital zum Dom und wieder zurück, das war seine Route, die Brücke sein Zuhause. Eine Matratze, die er geschenkt bekam, liegt dort immer noch.

Der Platz unter der Brücke ist weitab vom Schuss und dann wieder nicht. Er liegt direkt am Haseuferweg gegenüber der Autowerkstatt Restemeier. Ein Radfahrer nach dem anderen düst vorbei. Erst wenn die Dunkelheit einbricht, wird es ruhig.

In direkter Nähe hatte Olaf Bentgerodt alles, was er zum Leben brauchte: Bei Aldi, Lidl oder Real kaufte er sich von dem Geld, das er durchs Flaschensammeln eingenommen hatte, Dosengerichte, die er dann kalt aß, und zwei, drei Flaschen Bier für abends. Im Winter ist immer eine Frau gekommen, die hat warmen Tee gebracht″, erinnert er sich. Wenn er zur Toilette musste, ging er auf das Kunden-WC bei Real, und wenn der Markt zuhatte, zum Schinkeler Friedhof. Eine funktionierende Infrastruktur: Darauf kommt es an, wenn man Platte macht. Und Sauberkeit. Keine Lust auf vierbeinigen pelzigen Besuch.″

Ob Sommer ist oder Winter, mache gar keinen großen Unterschied, sagt Bentgerodt. Das Wichtigste ist ein trockener Schlafplatz, einigermaßen windgeschützt. Gegen Kälte kann man sich schützen, aber gegen Nässe nicht.″ Und sicher muss es sein. Dass nicht Leute kommen und dich im Schlaf zusammentreten.″ Im Schlossgarten übernachten? Undenkbar.

Wohnungslos waren laut dem katholischen Verein für soziale Dienste (SKM) in Osnabrück im vergangenen Jahr 175 Menschen, 2015 waren es noch 113. Der Mangel an günstigen Wohnungen macht sich bemerkbar. Man müsste in jedem Haus fünf Prozent Sozialwohnungen haben″, meint Heinz-Hermann Flint, beim SKM zuständig für die ambulante Wohnungslosenhilfe. Stattdessen fallen bis 2022 mehr als 1000 weitere Wohnungen in Osnabrück aus der Sozialbindung. Nicht alle der 175 Wohnungslosen machen Platte, viele schlagen sich so durch, kommen irgendwo bei Freunden oder Bekannten unter.

Beliebt ist der Hasefriedhof. Vögel zwitschern, ein leichter Wind lässt die Blätter rauschen und unter dem Vordach des ehemaligen Toilettenhauses schläft unter einer Bank ein Mann, die Wolldecke über das Gesicht gezogen. Das muss Richie sein″, sagt Flint. Der Friedhof dient vielen als Schlafplatz und Treffpunkt. Ich war einmal hier, da war besetzt″, berichtet Bentgerodt. Gibt es Konkurrenz um den besten Schlafplatz? Der 56-Jährige versteht die Frage nicht. Wir sind doch alle gleich.″

Auf Anfrage bietet der SKM Gruppen alternative Stadtführungen an. Dann führt Heinz-Hermann Flint die Teilnehmer auch unter die Brücke am Hasetorwall, gleich hinter der Ladestation für Elektroautos, wo der Verkehr dröhnend laut ist. Hier schlafen die?″, fragte bei einem Rundgang im Frühjahr entsetzt eine Dame vom katholischen Frauenverband Belm. Oh Gott.″ Flint nahm die Reaktionen ungerührt zur Kenntnis: Eine Frau hat hier mal zwei Jahre gelebt.″ Ein paar Schritte weiter, im Garten des Benediktinerinnenklosters, kommen auch immer einige unter. Mit den Stadtführungen will der SKM sensibilisieren und aufklären, Verständnis herstellen für die Wohnungslosen, die im Umgang nicht immer einfach sind. Alkohol ist ein Problem. Die Gefahr ist, dass du in der Szene kaum daran vorbeikommst″, sagt Flint.

416 Euro im Monat stehen den Obdachlosen zu, sie müssen aber für das Jobcenter erreichbar sein. Viele geben die Tageswohnung des SKM als Adresse an, Bramscher Straße Nummer 11, unweit der Eisenbahnbrücke. Die Tageswohnung hat täglich im Schnitt 60 Besucher. Sie kommen zum Frühstück oder Mittagessen, zum Klönen oder Wäschewaschen. In der Wärmestube des Bistums im Franziskanerkloster, Bramscher Straße 158, seien es noch mal mindestens doppelt so viele, sagt Flint. Im Vorgarten der Wärmestube steht eine Weihnachtskrippe, darin haben einige ihre Sachen deponiert.

Olaf Bentgerodt nutzte die Angebote nicht, er blieb für sich. Es war nicht sein erstes Mal auf der Straße. Vor sieben oder acht Jahren war er schon einmal obdachlos, für sechs Wochen, erzählt er. Der Klassiker: Job weg, Wohnung weg, dann war ich auf der Straße.″ Viel mehr will er nicht preisgeben. Seit 20 Jahren lebt er in Osnabrück, ursprünglich kommt er aus dem Harz. Gelernter Koch ist er, jahrelang arbeitete er bei der Kette Kochlöffel. Ich hatte über 30 Jahre ein bürgerliches Leben″, sagt er. Wenn ich Obdachlose gesehen habe, bin ich auf die andere Straßenseite gegangen.″ Und dann war er plötzlich einer von ihnen. Der erste Griff in einen Abfallbehälter, in dem eine Pfandflasche lag, kostete ihn Überwindung. Hoffentlich guckt keiner.″

Nach den ersten sechs Wochen ohne Dach über dem Kopf lebte er anderthalb Jahre lang im Laurentiushaus, dem Wohnheim des SKM, und fand danach wieder eine Wohnung. Als wir erfahren haben, dass Olaf wieder wohnungslos ist, war der schon 14 Monate auf der Straße″, sagt Heinz-Hermann Flint. Die meisten Leute haben mich gar nicht gesehen″, sagt Bentgerodt. Ich war quasi unsichtbar.″ War das nicht fürchterlich einsam? Er schweigt, blickt nach vorne. Dann antwortet er doch: Ich habe da kein Problem mit.″

Irgendwann im Dezember traf er auf Frankie Frank Loges, der jahrelang in Osnabrück auf der Straße lebte und vor Kurzem nach Hamburg ziehen wollte. Und der erzählte ihm von der warmen Platte, wo Obdachlose im Winter die Nacht verbringen können. Kurz vor Weihnachten schaute Bentgerodt sich das einmal an und kam wieder. Ich werde ja auch nicht jünger. Mit 65 immer noch auf der Straße rumhängen, ist nicht so pralle.″ Jetzt lebt er in einer Wohngruppe der Wohnungslosenhilfe über der Tageswohnung. Für Leute wie ihn, die lange alleine Platte gemacht haben, ist es der erste Schritt zurück in ein normales Leben. Auch beim Amt ist er jetzt wieder gemeldet, bekam erst einmal eine saftige Rechnung, weil er seine Krankenkassenbeiträge nicht gezahlt hatte. Er würde gern wieder arbeiten, irgendwo an der Kasse. Aber ich bin ja langzeitarbeitslos. Nach zwölf Monaten verlierst du jede Chance.″

Hat er einen anderen Blick auf die Stadt, wenn er heute durch die Straßen läuft? Olaf Bentgerodt überlegt. Ich habe einen anderen Blick aufs Leben.″ Konsumgüter, Handy: Das brauche ich gar nicht.″ Der Gedanke, irgendwann wieder auf der Straße zu landen, macht ihm keine Angst mehr. Ich weiß jetzt, wie das geht.″

Bildtext:
Rückkehr an den Ort, der über ein Jahr lang sein Zuhause war: Olaf Bentgerodt (links) lebte unter einer Brücke im Hasepark. Für viele Menschen kaum vorstellbar. Ab und zu bietet Heinz-Hermann Flint (rechts) vom SKM alternative Stadtführungen an, bei denen er Gruppen an Schlafplätze führt, die mitten in der Stadt, aber doch verborgen sind.
Fotos:
David Ebener

Für Redakteurin Sandra Dorn war es eine Gratwanderung: Wie berichtet man über Obdachlose, ohne ins Voyeuristische abzugleiten? Wie tief darf man in dem Leben eines Menschen herumstochern? Olaf Bentgerodt ist kein Mensch, aus dem es sofort heraussprudelt. Er ist zurückhaltend, aber er hat viel zu sagen. Darüber, wie unwichtig Konsum in Wahrheit ist und worauf es ankommt im Leben. Wer ihm zuhört, könnte fast glauben, dass es nichts Einfacheres gibt, als auf der Straße zu leben. Doch sein trauriger Blick sagt etwas anderes.

Der Obdachlose als Klischee Fotograf David Ebener hatte wie viele andere Menschen unbewusst eine Schublade dafür. Darin bedauernswerte Figuren mit immergleicher Vita und identischen Problemen: Alkohol und Betteln bestimmen den Alltag. Wer sich jedoch auf einen Stadtrundgang abseits der touristischen Pfade begibt und die Menschen auf der Straße kennenlernt, merkt schnell, dass es so einfach nicht ist. Die Geschichten der Wohnungslosen sind so vielfältig wie ihre Lebensweisen. Es gibt ihn nicht, den Obdachlosen.
Autor:
Sandra Dorn


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