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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Bier als Spiegel unseres Seelenfriedens
Zwischenüberschrift:
Wie Fritz Wolf den deutschen Hang zum „kühlen Blonden″ in Szene setzte
Artikel:
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Originaltext:
Prost!″, sagt derzeit das Museum Industriekultur in seiner Sonderausstellung über die Osnabrücker Kneipen- und Biergeschichte, während der langjährige Bierbrunnen der Osnabrücker Aktienbrauerei auf dem Markt mit seinem leckeren Maibock als Keimzelle der Maiwoche gilt. Für den Karikaturisten Fritz Wolf war indes ein kühles Blondes das wohl deutscheste aller Getränke.

Osnabrück. Seinem Volk rief Fritz Wolf als frisch gekürter Grünkohlkönig ein fröhliches Munter bleiben! entgegen und illustrierte diesen Wunsch mit drei Herren am Stammtisch seiner Lieblingskneipe Olle Use″. In gepflegtem Rhythmus ordern sie ihre Herrengedecke bestehend aus je einem Bier und einem Korn.

In Wolfs Zeichnungen ist der Gerstensaft mehr als nur ein Getränk: Er wird zum Gradmesser für die Gefühlslage der Nation und ihrer Akteure. So überrascht Willy Brandt seinen Gastgeber Leonid Breschnew 1971 mit einer Kiste Berliner Weiße, als dieser samt zwei Gläsern und einer Flasche Krimsekt am Strand auf ihn wartet: ein Verweis auf die Berlin-Frage.

Im Gegenzug reckt Michail Gorbatschow einen Krug Deutschen Biers″ in die Höhe, als das US-Magazin Time″ ihn 1989 nicht nur angesichts des Mauerfalls zum Mann des Jahres″ ausruft.

Dem Groko-Wirtschaftsminister Karl Schiller gerät 1971 eine gefüllte Biertulpe zur Fata Morgana, während er gemeinsam mit dem deutschen Michel in der Wüste nach stabilen Preisen sucht. Und bei Fritz Wolf kommt auch einem frommen Christenmenschen schon mal ein kühles Bier in den Sinn, wenn er im Gottesdienst das Gebetbuch zur Hand nimmt.

Die trinkfestesten und rustikalsten Biertrinker machte der Karikaturist indes in Bayern aus, mit dem in vielen Ämtern tätigen Politpolarisierer Franz-Josef Strauß an der Spitze. Ob als König der Bajuwaren mit Bier und Radi in der Hand, ob als unionsspaltender Krawallbruder im Clinch mit Helmut Kohl oder als Parteitags-Starkbierfässer anstechender Chefbrauer gemessen an der CSU-Ikone, wirken ihre Nachfolger Theo Waigel und Edmund Stoiber bei Wolf allenfalls wie Westentaschen-Biertrinker.

Auf dem Höhepunkt kontroverser Diskussionen vermittelt der künftige CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer 2000 per Zeigestock und Wandkarte die Elemente deutscher Leitkultur″: Neben Eisbein sind das Goethe, Boris Becker, Mercedes, Heino und natürlich Korn & Bier″. Letzteres erscheint dem Karikaturisten als so deutsch, dass er im selben Jahr einen glatzköpfigen Neonazi das Bier aus einem mit Hakenkreuz verzierten Krug trinken lässt.

Bei Fußball-Welt- und - Europameisterschaften spiegelt die Zahl der Bierflaschen neben dem Fernsehsessel die Gemütsverfassung des deutschen Michels und bisweilen lautet die: Flasche leer!

Zeichnerische Sorge bereitete dem Karikaturisten neben dem Reinheitsgebot die Konkurrenz ausländischer Biere, wenn ein Richter dem Michel mit EU-Verordnungen in der Hand erklärt: Du bist ja nicht gezwungen, dieses Zeug zu trinken!

Als der Bundestag die Promillegrenze 1973 von 1, 5 auf 0, 8 und 1992 gar auf 0, 5 herabgesetzt, rät Wolf den Autofahrern im Blick auf das rechte Verhältnis zwischen Körpergewicht und Blutalkoholgehalt: Erst wiegen, dann trinken!

Wer Wolf′sche Bierbilder″ betrachtet, entdeckt auch Wermutstropfen im Gerstensaft: Neben den Deutschen sind die Iren ebenfalls vernarrt in ihre speziellen Malzgetränke und das unabhängig von jeglicher Konfession. Selbst eher Weinfreund, setzte der Karikaturist 1998 in einer von acht Kalkriese-Zeichnungen für die Hotel-Remarque-Managerin Ira Klusmann das eklatante römisch-germanische Kulturgefälle in Szene: Während der wahrhaft kultivierte Römer sein Rotwein-Glas zu den sanften Tönen einer Laute erhebt und die alte bildungsbürgerliche Studentenhymne Gaudeamus igitur″ intoniert, trinken die in Felle gekleideten Germanen ihren Met aus Kuhhörnern und grölen dazu profane Gassenhauer wie Trink, trink Brüderlein trink …″ oder Heute blau, morgen blau und übermorgen wieder…″

Auswüchse der Maiwoche gehen also frei nach Fritz Wolf auf traditionsreiche historische Vorbilder zurück.

Zur Person: Hermann Queckenstedt ist Sprecher des Fritz-Wolf-Kuratoriums und Direktor des Diözesanmuseums Osnabrück.

Bildtext:
Franz Josef I., neuer König von Bayern

100 Jahre Fritz Wolf Ausstellungen im Jubiläumsjahr

Die Neue Osnabrücker Zeitung″ widmet ihrem langjährigen Hauskarikaturisten Fritz Wolf anlässlich seines 100. Geburtstags eine Karikaturen-Serie. Im Diözesanmuseum sind noch bis zum 15. Juli in der Sonderausstellung Er war ein Osnabrücker! Karikaturen des Altmeisters zu regionalen Themen zu sehen (darunter auch die interkulturelle Begegnung zwischen Römern und Germanen). Das Museum Industriekultur präsentiert derzeit 24 Zeichnungen Wolfs in der Sonderausstellung Prost!″. Weitere Fritz-Wolf-Ausstellungen sind im Stadtmuseum Quakenbrück, im Kunstverein Melle, im Ludwig-Windthorst-Haus in Holthausen-Biene bei Lingen sowie im Museum am Schölerberg zu sehen. Infos erteilt Sebastian Scholtysek, Telefon 01 76/ 31 11 06 63, oder per E-Mail an post@ Fritz-Wolf.de.
Autor:
Hermann Queckenstedt


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