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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Nachkriegsöde in südlicher Altstadt
Zwischenüberschrift:
Vor 50 Jahren war die Straße Kamp noch von großen Baulücken gekennzeichnet
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Der Bombenkrieg hatte die ehemals geschlossen bebaute südliche Altstadt ausgelöscht. Im Schatten der rasch wiederaufgebauten Großen Straße blieben die Nebenstraßen des Quartiers auch noch 20 Jahre nach Kriegsende von Parkplätzen, Behelfsbauten und anderen städtebaulichen Provisorien gekennzeichnet.

Osnabrück. Der Straßenname Kamp″ oder Aufm Camp″ gehört zu den ältesten der Stadt. Er taucht schon im Schwedenplan″ von 1633 auf. Kamp steht für ein kleineres, meist eingezäuntes Stück Feld oder Weide. Wie auch beim Grünen Brink″ verrät der Name, dass hier am südlichen Rand der Altstadt der Neue Graben war die Grenze zur Neustadt noch im späten Mittelalter Freiflächen zur landwirtschaftlichen Selbstversorgung der Bürger lagen.

In der Neuzeit blieben davon allenfalls Gärten übrig. Entlang der Straßen stand Haus an Haus. Vielfach waren es Handwerker, die neben oder über ihren Werkstätten wohnten. Ein Beispiel ist das Haus Kamp 31, das sich etwa dort befand, wo auf dem älteren Foto der DKW parkt oder wo auf dem aktuellen Foto die vielen Fahrräder vor dem Eingang zur Universitätsbibliothek stehen.

1901 kauft der gelernte Stellmacher Wilhelm Karmann (1871–1952) die Wagenfabrik Klages am Kamp 31 und führt zunächst die Produktion von Pferdekutschen auf drei Stockwerken fort. Im Erdgeschoss sind Schmiede, Lackiererei und das Fahrradgeschäft untergebracht, im ersten Stock die Stellmacherei, im Dachgeschoss Lager und Wohnung. Ein handbetriebener Aufzug transportiert die fertigen Wagenkästen nach unten. Mit zehn Mitarbeitern baut Karmann 1902 die ersten Automobilkarossen im Auftrag der Dürrkopp-Werke Bielefeld. 1905 fertigen 30 Karmänner die Aufbauten für Opel, Adler und Mercedes. Das Werk I″ am Kamp 31 platzt aus allen Nähten, die Kunden empfängt durchgehend ohrenbetäubender Lärm. Um ihnen das zu ersparen, eröffnet Karmann an der Möserstraße 44 seinen ersten Präsentationsraum. 1911 folgen Werk II″ an der Martinistraße und 1936 der Schritt in den Fledder.

Karmann ist derweil nicht der einzige Wagenbauer am Kamp. Im Haus mit der Nummer 17/ 18 fertigt Johann Gustav Kühndelt alle Arten von Luxus-, Reise-, Geschäfts- und Reklame-Wagen″, vollzieht aber schließlich nicht mehr den Umschwung zu Motorwagen.

Ebenfalls mit Mobilität zu schaffen haben Fuhrwerksbesitzer und später Autovermieter Hermann Siebert in Nummer 25 und Lohnfuhrwerksbesitzer Heinrich Brehe in Nummer 72. Andere Gewerbe: Schlachtermeister Wilhelm Essen und Bierverleger Carl Lange in Nummer 20, Schneiderei und Tuchhandlung Jakob Prass in Nummer 27, Böttchermeister Johann Conrad Schomaker in Nummer 63, Selterswasserfabrikant Clamor Dierker in Nummer 64.

Der Krieg lässt nur wenig an älterer Bausubstanz stehen, wie auf dem Foto aus der Zeit um 1968 zu erkennen ist. In dem Häuserkomplex auf der rechten Straßenseite wirken zu der Zeit an vielleicht noch bekannten Namen Malermeister Heinz Wissmann, Friseur Heinz Schönemann (Nummer 57/ 58) und Uhrmacher Günter Reinecke (Nummer 62). Auf abgeräumten Trümmergrundstücken entstehen Parkplätze wie der zwischen Kamp und Großer Hamkenstraße, der am rechten Bildrand hinter der Pfostenreihe beginnt.

Ziel der in den 1970er-Jahren einsetzenden Altstadtsanierung ist es, städtebauliche Brachen wie diese aufzulösen. Die neu gegründete Universität übernimmt 1974 das Gebäude der ehemaligen Taubstummenanstalt an der Alten Münze und richtet darin die Uni-Bibliothek ein, wobei von Anfang an klar ist, dass größere Bestände darin nicht unterzubringen sind. Zwischen 1982 und 1986 erstellt das Land den Bibliotheksneubau östlich des Altbaus auf der Freifläche zum Kamp hin. Die Kamp-seitige Fassade ist auf dem aktuellen Bild auf der linken Straßenseite zu sehen.

Bis der Parkplatz auf der rechten Straßenseite überplant wird, dauert es noch etwas länger. Um 1991 steht das Projekt eines Kulturellen Zentrums Alte Münze″ zur Diskussion, das neben der Universitätsbibliothek die Volkshochschule und die Stadtbibliothek aufnehmen soll. Doch es scheitert an den zu hohen Kosten. Oder ein neuer zentraler Busbahnhof…? Die Stadtwerke schütteln den Kopf, die Verkehrsführung sei nicht darstellbar.

Schließlich macht ein Einkaufszentrum das Rennen, die Kamp-Promenade. Im Juni 2002 ist der Vertrag mit dem niederländischen Entwickler MDC unter Dach und Fach, der für 60 Millionen Euro 11 000 Quadratmeter an Einzelhandels- und Gastroflächen sowie 2000 Quadratmeter Büroflächen baut.

Bildtexte:
Keine Paradestrecke war der Südabschnitt des Kamps um 1968. Die Spuren der Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs waren zu dieser Zeit noch längst nicht vollständig getilgt. Der Blick geht entlang städtebaulicher Brachen nach Norden in Richtung Nikolaiort.
Einziger optischer Anker ist das Wohnhaus Kamp 34 am linken Bildrand, das auch schon 1968 stand.
Der alte Kamp, hier in den 1930er-Jahren, war eng bebaut. Links steht heute die Bibliothek. Das Foto von Hans Andres ist Wido Sprattes Bildarchiv Alt-Osnabrück, Band 2″ entnommen, Verlag H.Th. Wenner, 1997.
Fotos:
Archiv Manfred Külker/ Liesel Städing, J. Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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