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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Politischer Zankapfel und Sorgenkind
Zwischenüberschrift:
Von der schwierigen Geburt des Naturkundemuseums am Schölerberg
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Vor 30 Jahren wurde das Museum am Schölerberg Natur und Umwelt″ eröffnet. Der Bau war sogar schon drei Jahre zuvor fertig gewesen, aber die Innengestaltung zog sich endlos hin. Wiederholt mahnte der Rat bei den Verantwortlichen die baldige Eröffnung an. Die konterten, ihnen seien nicht genug Geld und Personal bewilligt worden.

Osnabrück. Zur Eröffnung am 6. Mai 1988 waren längst noch nicht alle Ausstellungsbereiche vorzeigbar. Man rettete sich in die Namensgebung eines Museums im Werden″, das den permanenten Wachstumsprozess in der Natur auch zum eigenen Lebensprinzip gemacht habe, also niemals fertig″ sein wolle. Gerade so wie unser aller als Ausstellungsgegenstand gezeigter Lebensraum in Stadt und Land sich permanent entwickle und verändere.

Der damalige städtische Kultusdezernent Reinhard Sliwka gab sich damit jedoch nicht zufrieden. Mehrfach griff er in den Organisationsprozess ein und versuchte, die innerhalb des wissenschaftlichen Personals umstrittenen Ausstellungskonzepte auf einen Nenner und vor allem auf die Zielgerade zu bringen.

Sliwkas Vorgänger Heinz Heumann hatte noch ein halbes Jahr vor der Eröffnung ein externes Gutachten in Auftrag gegeben, das Planung, Organisation und Durchführung des Museumsprojekts durchleuchtete. Das Papier der Museumsfachleute aus Braunschweig und Mainz ließ kaum ein gutes Haar an dem Prozess. Angesichts der unglücklichen Personalentscheidungen der Vergangenheit″ müsse nun mit eisernem Besen ausgekehrt werden, um den Laden wieder in den Griff zu bekommen.

Abmahnungen und Urlaubssperren wurden vorgeschlagen, der Museumspädagoge müsse entmachtet und die Autorität des Museumsdirektors wiederhergestellt werden. Seit einem Jahr war Direktor Horst Klassen nämlich für wissenschaftliche Forschungen freigestellt. Der damalige Kultusdezernent Siegfried Hummel hatte ihn vorsichtig aus dem Projekt hinausbugsiert. Dies vor dem Hintergrund, so war zu hören, eines Generationenkonflikts: Klassen sei es mehr um die wissenschaftliche Fundierung gegangen, während das junge Team zu öko-pädagogischen Experimenten geneigt habe.

Eine versöhnliche Perspektive zeigte das Gutachten jedoch auch auf: Das Osnabrücker Museum ist in seiner Architektur und seiner Grundkonzeption ein so großer Wurf, dass es jeden Einsatz lohnt, aus ihm ein gut gestaltetes und lebendiges Museum zu machen.″

Wie ein Ammonit

Aus dem Entwurfswettbewerb war 1979 das Architekten-Ehepaar Brigitte und Christoph Parade als erster Preisträger hervorgegangen. Bei ihrem Entwurf stand ein Ammonit, ein versteinerter Tintenfisch, Pate. Das zentrale Treppenhaus gestalteten sie entsprechend spiralförmig. Fächerartig aufsteigend zeigen die einzelnen Ausstellungsbereiche ab. An das große Eingangsfoyer gliederten sie einen Raum für das Planetarium an.

Ersatz für Haus am Wall

Bis Oberbürgermeister Ernst Weber am 4. Juli 1981 den Grundstein zur Ausführung dieses Entwurfs setzen konnte, war indessen noch manche Auseinandersetzung zu führen.

Anfangs hatte in der Kommunalpolitik noch Einigkeit geherrscht: Mit dem alten Naturkundemuseum am Wall könne es so nicht weitergehen. Im Herbst 1976 besichtigen OB Weber (SPD) und sein Widersacher von der CDU, Konrad Schneller, die Sammlungen und Magazine in der Schlikker′schen Villa und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, als sie sehen, wie dort einzigartige zoologische Raritäten aus Platzmangel zusammengepfercht kopfüber unter der Decke hängen. In den Aquarien gehen die Fische ein, weil sie nicht genug Platz haben. Nicht viel besser sind die Schulklassen dran, die sich vor den Vitrinen gegenseitig auf die Füße treten. Und: Wegen der geplanten Verschwenkung der Lotter Straße müssen die Politiker davon ausgehen, dass die Villa Schlikker bald abgerissen wird.

Doch wohin dann mit dem Museum? Museumsdirektor Klassen spricht sich für einen Neubau am Schölerberg aus, wo ein naturwissenschaftliches Zentrum″ mit Zoo und Botanischem Garten entstehen könne. Andere sind dafür, dass das Naturkundemuseum im Stadtzentrum in der Nähe der Schulen bleibt.

Wenn das Kulturgeschichtliche Museum in die Klosterkaserne in Nachbarschaft zur Kunsthalle Dominikanerkirche gehe, dann könnte die Naturkunde doch ins alte Museumshauptgebäude am Heger-Tor-Wall ziehen? Oder ins alte EMA-Gebäude an der Lotter Straße, das bald frei werden würde, wenn die Schule erst ins Schulzentrum Sebastopol umgezogen ist?

Unterdessen steuert die Verschuldung der Stadt auf neue Rekorde zu. Die CDU schwenkt um und erklärt eine Geldausgabe von 15 bis 20 Millionen DM für einen Neubau am Schölerberg für unverantwortlich. Die SPD hält am Schölerberg fest. Argumentative Unterstützung bekommt sie vom Naturwissenschaftlichen Verein und von der Zoogesellschaft, die sich bereits auf einen neuen Haupteingang im Zusammenhang mit dem Baukörper des Museums freut.

Rot-Grün macht Weg frei

Bei der entscheidenden Ratssitzung im Oktober 1980 wird die CDU überstimmt. Die Ratsmehrheit aus SPD und Grünen macht den Weg für den Baubeginn frei. Aber 1982 kommen neue Hiobsbotschaften aus der Kämmerei, die gleichzeitig die Eigenanteile der Stadt am Neubau des Krankenhauses auf dem Finkenhügel stemmen muss. Die CDU spricht sich für eine Streckung″ der Mittel für den Museumsneubau aus. Der geplante Eröffnungstermin 1983 sei nicht zu halten, am besten werde die Baustelle stillgelegt. Die SPD will die Kosten einer Winterfestmachung vermeiden und trotz allem zügig weiterbauen.

Das grundsätzliche Problem ist das historische Pech der Stadt, bei der Finanzierung auf sich allein gestellt zu sein. Nachbarstädte sind besser dran, weil ihre naturkundlichen Museen vom Land (Hannover, Oldenburg) oder von einem gut ausgestatteten Landschaftsverband (Münster) getragen werden. Die Gesamtkosten des Museums am Schölerberg von rund 23 Millionen DM lasten schwer auf der Stadt, zumal keine Fördertöpfe zur Verfügung stehen. Da hatte es beispielsweise das Museum Industriekultur am Piesberg besser. Auch dank einer anderen Trägerschaftskonstruktion kostete es die Stadt nur 2, 3 Millionen DM, also ein Zehntel des Naturkundemuseums.

Schlechte Ausstattung

Nur zäh geht es weiter am Schölerberg, das Raumprogramm schrumpft, und der zweite Bauabschnitt rückt in weite Ferne. Die Museumsleute beklagen, im Rückblick wohl zu Recht, die schlechte personelle Ausstattung ihres Stabes. Nur die wenigsten Beschäftigten haben eine feste Stelle. Dass sich mit Zeitverträgen und ABM-Stellen überhaupt ein so großes Projekt verwirklichen lässt, grenzt an ein Wunder.

Logischerweise kommt es zu Pannen: Die Bauleute wissen nicht, wo sie im fast fertigen Rohbau Wasser- und Stromleitungen hinlegen sollen, weil die Planungen für die Dauerausstellungen noch nicht fertig sind. Das wiederum liegt daran, dass die eigentlich vorgesehene Stelle des Museumsgestalters nicht besetzt wird.

Die Konzeptstreitigkeiten dringen auch nach außen. Der Kultusdezernent beruhigt: Nein, das Haus werde weder ein Raritätenkabinett″ oder ein Vitrinenmuseum″ noch eine Spielwiese für Kinder″ und auch keine Ökologie-Lehranstalt. Es werde ein lebendiges Museum, das allen etwas biete, aber natürlich auch zum Nachdenken über unsere Umwelt und unseren Lebensstil anregen werde.

So ist es gekommen. In den drei Jahrzehnten seit der Eröffnung hat sich das Museum am Schölerberg mit zahlreichen gelungenen Ausstellungen und Weiterentwicklungen wie den unter.welten″ einen festen Platz in der Osnabrücker Museumslandschaft erobert.

Die Stadtgeschichte im Blick: Lesen Sie mehr auf noz.de/ historisch-os

Bildtexte:
Eine Baustelle, über der nicht immer ein guter Stern stand: das künftige Museum am Schölerberg auf einem Foto aus dem Januar 1983.
Inspiriert von einem versteinerten Tintenfisch: Architekt Christoph Parade zeigt ein Gebäudemodell.
Fotos:
NOZ-Archiv, Archiv/ Westdörp
Autor:
Joachim Dierks


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