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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Warum kommen weniger Kunden?
Zwischenüberschrift:
Einzelhandelsexperte Martin Franz: Der Osnabrücker Innenstadt fehlt ein Gastro-Magnet
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Die Osnabrücker City verliert Kunden. Das zeigen die Passantenmessungen. Uni-Professor Martin Franz greifen die bisherigen Erklärungsversuche zu kurz. Er sagt: Die Politik blickt zu sehr auf den Einzelhandel und vernachlässigt die Gastronomie, die ein starker Magnet sein kann.

Osnabrück. Die lasergestützte Passantenzählung hat es an den Tag gebracht: 2017 sind im Vergleich zu 2016 fast zwölf Prozent weniger Menschen durch die Osnabrücker Fußgängerzone geschlendert. Was sind die Ursachen? Marketingchefin Petra Rosenbach erklärt den Rückgang mit dem wachsenden Onlinehandel und der zunehmenden Sorge vieler Kunden, die mit dem Auto kommen, im Stadtverkehr stecken zu bleiben. Außerdem habe es 2017 zwei verkaufsoffene Sonntage weniger gegeben, und das Winterdorf sei als Frequenzbringer auf dem Neumarkt ausgefallen.

Prof. Dr. Martin Franz, Wirtschaftsgeograf an der Universität Osnabrück und Mitherausgeber des Buches Online-Handel ist Wandel″, verfolgt die Entwicklung im Einzelhandel mit wissenschaftlichem Auge. Franz lebte und lehrte in Bochum, Marburg und Bayreuth, ehe er nach Osnabrück wechselte und sehr beeindruckt″ war: Als ich vor dreieinhalb Jahren nach Osnabrück kam, habe ich gedacht: tolles Angebot für eine Stadt dieser Größenordnung.″

Dass die Passantenfrequenzen in der Innenstadt zurückgehen, überrascht den 43-jährigen Professor nicht. Er ist überzeugt, dass die Debatte um die Erreichbarkeit der City als Ursache für den Kundenschwund überschätzt wird, und geht mit seiner Ursachenforschung deutlich tiefer als das Stadtmarketing in seiner Erstanalyse.

These 1: Ein spannendes gastronomisches Angebot bildet ein gutes Gegengewicht zum Onlinehandel. Doch Osnabrück fehlt in der City ein gastronomischer Magnet.

Grundsätzlich macht Franz dem stationären Handel wenig Hoffnung: Der Siegeszug des Onlinemarktes werde sich fortsetzen und einen Teil der Einzelhändler zur Aufgabe zwingen. Das zeigten die Entwicklungen in den USA und Großbritannien. Auch die Annahme, dass Klein- und Mittelstädte die großen Verlierer und die Großstädte die Gewinner sein werden, teilt Franz nicht. Es werden alle verlieren.″ Die einen mehr, die anderen weniger. Weniger verlieren nach seiner Einschätzung die Städte, die hohe Aufenthaltsqualität und Erlebnisfaktoren bieten. Die Welle bei L & T ist von der Grundidee her super″, sagt Franz, aber reicht ein Magnet?

Aufenthaltsqualität werde im besonderen Maße von einer interessanten Gastronomie geschaffen, in der auch in den Abendstunden Leben herrscht. In der Osnabrücker Fußgängerzone finde sich überwiegend Systemgastronomie ausgenommen die neu konzipierte L & T-Markthalle, die aber abends nicht komplett geöffnet ist. In einem noch nicht veröffentlichten Aufsatz, in dem auch Erkenntnisse aus der Osnabrücker Gastroszene verarbeitet werden, weist der Professor darauf hin, dass die Nachtökonomie″ in Politik, Wirtschaftsförderung und Stadtplanung bislang nicht als eigenes Thema wahrgenommen wird. Auch in der Wissenschaft sei die Rolle der Gastronomie für die lokale Ökonomie noch zu wenig untersucht. Und wenn sich Lokalpolitik mit Gastronomie befasse, dann meist in negativen Zusammenhängen: Wenn es zu laut ist abends, Hygienestandards oder der Jugendschutz missachtet werden.

Nur wenige Kommunen setzten sich ernsthaft mit der Förderung von Gaststätten auseinander. Franz zieht als Beispiel für ein gelungenes städteplanerisches Projekt das Bermudadreieck″ in Bochum heran. In einer Brache in der Innenstadt konnte sich ein Ausgehviertel entwickeln, weil Betreiber, Immobilienbesitzer und die Stadt Bochum eine Standortgemeinschaft gründeten. Wer in dem Viertel aktiv ist, muss Mitglied werden und ist zur Kooperation verpflichtet. Franz sagt, Osnabrück verfüge über eine spezielle und interessante Gastronomie″, aber die befinde sich nicht in der Fußgängerzone, sondern außerhalb der Kernlagen. Das Problem sei, dass ortsunkundige Besucher diese Lokale nicht fänden und beim Bummeln durch die Einkaufsmeile auch nicht zufällig auf solche Angebote stießen.

These 2: Moderne Nahversorgungszentren am Stadtrand und große Outlet-Center an den Autobahnen konkurrieren mit der City um Kundschaft.

In Ochtrup an der Autobahn 31 ist ein Outlet-Center entstanden, dass weiter vergrößert werden soll. Seit Jahren warnen Experten, Einzelhändler und die Industrie- und Handelskammer (IHK) vor den negativen Folgen für die Innenstädte in der Region. Für Osnabrück kommt erschwerend hinzu, dass in umliegenden Städten wie Bielefeld, Münster, Rheine oder Lingen in den vergangenen Jahren Shoppingmalls entstanden sind. Diese Center ziehen Kunden an, die zuvor durchaus bereit waren, für ein großstädtisches Shoppingangebot den Weg nach Osnabrück auf sich zu nehmen.

Konkurrenz haben die City-Händler auch in der eigenen Stadt bekommen. An der Blankenburg in Hellern, in Nahne, an der Hannoverschen Straße oder Pagenstecherstraße sind Nahversorgungszentren in jüngster Zeit neu entstanden oder aufgewertet worden. Viele Kunden sähen gar keine Notwendigkeit mehr, in die Innenstadt zu fahren, sagt Franz. Mit dem Märkte- und Zentrenkonzept versucht die Stadt, solche Entwicklungen zu steuern und innenstadtrelevante Sortimente″ auf der grünen Weise zu verhindern. Franz findet das Konzept sehr, sehr gut″ und trotzdem lasse es Entwicklungsmöglichkeiten offen, die die Discounter genutzt hätten.

These 3: Die Diskussion um die Erreichbarkeit der City wird zu sehr auf das Auto zugespitzt. Es muss mehr Service und Bequemlichkeit für Kunden geschaffen werden, die mit Bus oder Rad in die Innenstadt kommen.

Erklärtes Ziel der Stadtpolitik ist es, den Radfahreranteil am Verkehr zu erhöhen. Aktuell liegt er bei 23 Prozent, bis 2030 soll der Radleranteil 30 Prozent erreichen. Dazu ist es nach Auffassung des Geografie-Professors auch nötig, radfahrenden Kunden einen bequemen Service und bessere Infrastruktur zu bieten.

Service heißt zum Beispiel: Gekaufte Ware kann der Kunde komplikationslos zwischenlagern oder sich nach Hause liefern lassen. Auch Kunden, die mit dem Bus kommen, würden solche Angebote sicher in Anspruch nehmen. Sichere Radverkehrswege und ausreichende Abstellplätze im Herzen der Stadt sollten selbstverständlich sein, so Franz. Eine engere Verflechtung des Nahverkehrs mit dem Umland wäre wünschenswert.

Bildtext:
Martin Franz ist Wirtschaftsgeograf und lehrte als Professor an der Uni Osnabrück. Er betrachtet die Entwicklung des Einzelhandels mit wissenschaftlichem Auge.
Foto:
Gert Westdörp
Autor:
Wilfried Hinrichs


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