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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Inhalt:
Überschrift:
Als der „Trümmer-Express″ rollte
 
Einmal Tongrube und zurück
Zwischenüberschrift:
Weltkriegsschutt wurde in Loren nach Hellern und in die Wüste gekarrt
 
Zeitzeuge Jürgen Korte erinnert sich an den Trümmerexpress
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Vor 73 Jahren erlebte Osnabrück den finalen und schwersten Bombenangriff des Zweiten Weltkriegs. Am 25. März 1945 fielen innerhalb von 27 Minuten 2553 Luftminen und Sprengbomben, 1500 Brandbomben und geschätzte 200 000 Stabbrandbomben.

Osnabrück. Weil es der Palmsonntag war, hat sich der Begriff Palmarum Qualmarum″ für den wohl schwärzesten Tag in der Geschichte Osnabrücks ins Langzeitgedächtnis der Stadtgesellschaft eingeprägt.

Nicht nur waren 178 Tote, 241 Verletzte und 15 000 Obdachlose zu beklagen. Dieser letzte Angriff und seine 78 Vorgänger hinterließen außerdem einen gigantischen Trümmerberg mit einem Volumen von rund 860 000 Kubikmetern. Das entspräche einem riesigen Quader auf einer Grundfläche von 91 mal 91 Metern, der bis zur Spitze des Katharinenkirchturms in 103 Meter Höhe reicht.

Nun wurden in Osnabrück die Schuttmassen nicht zu einem Berg aufgehäuft, wie das etwa in Berlin mit dem 55 Meter hohen Teufelsberg, in Frankfurt mit dem 47 Meter hohen Monte Scherbelino″ oder in München mit dem Olympiaberg von 60 Metern Höhe geschah. In Osnabrück nutzte man den Schutt in erster Linie, um ausgeteufte Tongruben in Hellern aufzufüllen. Aber auch, um Bombentrichter und Sumpflöcher zu egalisieren oder die Zuschauertribünen des VfL-Stadions anzulegen.

Im Dezember 1945 begann die planmäßige Enttrümmerung. Zum Transport der Massen in die Wüste und nach Hellern wurden Feldbahn-Gleise überwiegend in der Neustadt verlegt. Ein Schienennetz von bis zu 17 Kilometer Länge versorgte den Hauptstrang Rehmstraße–Wüste–Hellern.

In der Spitze 20 Lokomotiven zogen die Loren aus der Stadt. Zentraler Verschiebebahnhof″ war der Hoffmeyerplatz, wo die Zubringerzüge aus Parkstraße und Rehmstraße zu langen Durchgangszügen zusammengestellt wurden. Nur ein einziger Bagger konnte aufgetrieben werden, um die Loren zu beladen. Deshalb mussten die Loren wie auch zusätzlich eingesetzte Pferdefuhrwerke und Lastwagen fast ausschließlich per Hand gefüllt werden. Ein Vorteil der Handarbeit: Dabei konnte man noch verwendbare Baustoffe aussortieren.

Zunächst musste jeder Betrieb, der die Arbeit wiederaufgenommen hatte, fünf Prozent seiner Belegschaft zur Enttrümmerung abstellen. Bis zu 600 Mann waren im Jahr 1946 ständig mit diesen Arbeiten beschäftigt. Daneben gab es eine Einreißkolonne″, die mit Drehleiter, Stahlseil und Winde einsturzgefährdete Mauerwände und Schornsteine niederlegte, damit in den Ruinenfeldern einigermaßen gefahrlos mit dem Wiederaufbau begonnen werden konnte.

Das Foto aus dem Frühjahr 1948 hat uns Leser Jürgen Telgkaemper zur Verfügung gestellt. Es zeigt eine Schar Aktiver des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) bei der Enttrümmerung des Eckgrundstücks Süsterstraße/ Schlosswall. Der damals 13-jährige Telgkaemper und seine Kameraden halfen kräftig mit, denn die Eigentümerin, eine ältere Dame, hatte das Grundstück dem CVJM versprochen. Leider kam der Deal dann doch nicht zustande. Als vorteilhaft erwies sich, dass Telgkaemper alle geleisteten Stunden fein säuberlich notiert hatte. Seine Aufzeichnungen bildeten die Grundlage einer Entschädigungszahlung für die vergeblichen″ Eigenleistungen.

Der CVJM kam dann zunächst in einer Baracke an der Spindelstraße und später auf dem Ledenhof unter, bis er 1964 das schöne Fachwerkhaus in der Rolandstraße als Vereinshaus erwerben konnte.

Die Stadtgeschichte im Blick: Lesen Sie mehr auf noz.de/ historisch-os

Bildtexte:
Enttrümmerung des Eckgrundstücks Süsterstraße/ Schlosswall im Frühjahr 1948. Die Lore der Trümmerbahn wird per Hand beladen. Im Vordergrund erkennt man den Drehteller, auf dem die Lore aus der Süsterstraße in den Hauptstrang Schlosswall umgesetzt werden konnte. Im Hintergrund ist das unzerstört gebliebene Reichsdienstgebäude zu sehen, das später ausschließlich vom Finanzamt Osnabrück-Stadt genutzt wurde.
Nach dem Krieg entstand auf dem Eckgrundstück das inzwischen geschlossene Hotel Kulmbacher Hof″ von Helmut Saunus. Seit 2015 unterhält hier die Tagespflege Birkemeyer einen Stützpunkt.
Die zweigleisige Hauptstrecke″ der Trümmerbahn in der Rehmstraße in Blickrichtung Hoffmeyerplatz. Vorne kreuzt die Heinrichstraße.
Die CVJM-Jugend packt kräftig mit an, weil hier das neue CVJM-Domizil entstehen sollte. Jürgen Telgkaemper ist der Knabe vorne links mit den aufgekrempelten Hemdsärmeln.
Fotos:
Privatarchiv Jürgen Telgkaemper, Joachim Dierks, Archiv/ Karl Ordelheide

Osnabrück. Jürgen Korte aus der Laischaftsstraße war 1946 ein unternehmungslustiger Bursche von elf Jahren. Er schildert seine Erlebnisse mit dem Trümmer-Express″.

Die Hauptstrecke war zweigleisig und führte durch die Rehmstraße in die Wüste. Ab der Limberger Straße, wo damals ein Rumpfteil des beim Hof Nordhaus abgeschossenen Bombers niedergegangen war, führte das Trümmergleis parallel zu den Reichsbahngleisen und bog dann vor dem kleinen Waldstück rechts ab zur Tongrube.

Eine Firma Pape aus Bielefeld hatte die Trümmerabfuhr übertragen bekommen. Den Hoffmeyerplatz hatten sie sich zum Zentralpunkt ausgebaut. Zwischen dem Löschteich und der Villa Frömbling, neben dem Rundbunker, waren Bauwagen für das Büro und einige Unterkünfte aufgestellt. Diagonal gegenüber lagen der Lokschuppen, die Reparaturwerkstatt und das Kohlen- und Dieselöllager. Es war ein richtiger kleiner , Bahnhof′.

Für uns Jungens war das natürlich ein interessanter Spielplatz nicht immer zur Freude der Leute, die dort arbeiteten. Für die Enttrümmerung wurden auch entlassene deutsche Kriegsgefangene eingesetzt. Es waren wahrscheinlich Männer, die in den allgemeinen Wirren noch nicht wussten, wo sie hingehörten.

Inzwischen lief der Trümmerexpress, aus langen Kipplorenzügen bestehend, auf Hochtouren. Nach meiner Erinnerung wurden zwei Dampfloks und zwei Dieselloks eingesetzt. Für die lange Strecke zur Tongrube nach Hellern fuhren meistens die Dampfloks, für die kürzeren Zubringerdienste in der Innenstadt die Dieselloks.

Für uns Kinder war es reizvoll, hinten auf der letzten Lore zu stehen und mitzufahren ins Hörner Bruch oder bis zur Tongrube. Das war selbstverständlich verboten. Aber wenn der Zug lang genug war, beeindruckte uns das Schimpfen des Lokführers nicht. Wir fühlten uns ziemlich sicher, denn es würde bestimmt kein Lokführer anhalten und den ganzen Zug entlanglaufen, um uns zu verscheuchen.

Im Winter nutzten wir die Bahnfahrt auch, um auf den zugefrorenen Tümpeln in der Tongrube Schlittschuh zu laufen. Für die Rückfahrt verpassten wir manchmal den letzten Zug. Dann mussten wir den ganzen Weg zu Fuß an den Schienen entlang zurückmarschieren..

Manchmal erkauften wir uns wohlwollende Duldung der Lokführer mit Zigarettentabak. Den hatten wir auf dem OTV-Sportplatz an der Jahnstraße ergattert. Wenn englische Mannschaften ein Spiel austrugen, ging es auf der Holztribüne hoch her. Besonders, wenn ein Tor fiel, dann flogen aus Freude oder auch aus Enttäuschung manchmal nur halb angerauchte Zigaretten durch die Spalte der Holzkonstruktion. Wir krochen gebückt durch die Holzverstrebungen der Tribüne und warteten nur darauf.

Wir sammelten die Kippen ein, pulten zu Hause den Tabak sorgfältig heraus und bewahrten ihn in einer Zigarrenkiste auf. Das war unser Schatz.″
Autor:
Joachim Dierks


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