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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Was auf dem Neumarkt alles schiefläuft
 
Fehl am Platz
Zwischenüberschrift:
Seit Jahren streitet Osnabrück über die Zukunft des Neumarkts. Bleibt der zentrale Platz eine der wichtigsten Verkehrsadern oder wird er zur Fußgängerzone?
 
Wallanwohner fühlen sich von der Politik alleingelassen. Über eine Debatte, die kaum Gewinner kennt.
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Was wird aus dem Neumarkt? Bleibt der zentrale Platz eine Verkehrsader, oder wird er zur Fußgängerzone? Auf einer Doppelseite stellt unsere Redaktion unterschiedliche Perspektiven zusammen. Da ist Ted Wilker, der am Wallring wohnt und sich vom zunehmenden Autoverkehr erdrückt fühlt. Deshalb hat er gegen die Neumarktsperrung geklagt und gewonnen. Da ist die Taxifahrerin Marie-Luise Grihn, die sich über Behinderungen ärgert. Da ist der Stadtbahn-Befürworter Thomas Polewsky, der ein grundsätzliches Umdenken in der Verkehrspolitik fordert. Und da sind Unternehmer, die durch ihre Bürofenster im Hasehaus auf den Neumarkt schauen und der Stadt leere Versprechungen vorhalten. Die Neumarkt-Story eine scheinbar unendliche Geschichte, die keine Gewinner hat.

Der Wallanrainer: Zwei Tage vor Weihnachten setzte sich Ted Wilker aus reiner Verzweiflung einfach mitten auf die Straße. Irgendwas muss ich doch machen″, sagte sich der 36-Jährige. Er bastelte ein Schild, zog seine orangefarbene Warnkleidung an, stülpte eine Atemschutzmaske über, schnappte sich einen Stuhl und platzierte ihn auf der Fahrbahn vor seiner Haustür. Aktion Ruhe und Lebensqualität″ taufte er seinen Protest. Der Klingensberg ist vorübergehend gesperrt″ war auf seinem Schild zu lesen. Autofahrer, die nicht durchkamen, hupten Wilker an, aber das sei ihm egal gewesen, erzählt er nun, gut zwei Monate später. Alles sei besser gewesen, als untätig in der Wohnung auszuharren und dem Verkehrslärm ausgesetzt zu sein. Er habe es einfach nicht mehr ausgehalten.

Wilker wohnt in einer Nebenstraße des Hasetorwalls. Laut ist es dort immer. Aber so schlimm wie zwischen Oktober und Dezember sei es noch nie gewesen, sagt der 36-Jährige. Da war der Neumarkt gesperrt, und der Verkehr habe sich auch vor seine Haustür verlagert, ist der Osnabrücker überzeugt. Nachts habe er es nur auf drei bis vier Stunden Schlaf gebracht in Summe. Wenn er es mit Ohrstöpseln versuchte, schlief er besser, aber nach einigen Nächten wurden dafür die Ohrenschmerzen unerträglich.

Die Wohnung am Klingensberg gehört zum Haus seiner Eltern. Wilker zog dort ein, um sie im Haushalt zu unterstützen. Jetzt legt er sich morgens manchmal bei ihnen ins Schlafzimmer im Hinterhaus, wenn er nachts keine Ruhe finden konnte.

Für knapp 5000 Euro lässt sein Vater Schallschutzfenster einbauen. Dass die Stadt die Kosten übernimmt, sei das Mindeste, findet Wilker. Dort habe man ihm aber bereits signalisiert, dass er auf eine Antwort noch warten müsse. Doch warten will der 36-Jährige nicht mehr. Deshalb zog er vor Gericht.

Wilker ist einer der Osnabrücker, die als Wallanrainer gegen die Sperrung des Neumarkts klagten. Man kann doch nicht einfach eine der Hauptverkehrsadern dicht- machen, ohne ein Konzept in der Tasche, wie man die Wallanwohner entlastet″, sagt er aufgebracht. Seine Mitstreiter und er feierten Ende Januar einen Teilerfolg. Die Stadtverwaltung hatte den Autoverkehr im Oktober mit sofortiger Wirkung vom Neumarkt verbannt und damit den Willen der Ratsmehrheit umgesetzt, ohne den Ausgang der Gerichtsverfahren abzuwarten.

Das sei rechtswidrig gewesen, urteilte das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Lüneburg. Es sei nicht ausgeschlossen, dass das Grundrecht der Wallanwohner auf körperliche Unversehrtheit durch die Neumarktsperrung verletzt werde, was die Gerichte noch zu prüfen hätten. So lange habe der zentrale Platz für Autos befahrbar zu sein. Seit Anfang Februar rollt dort wieder der Verkehr. Die Stadt kostete das Scharmützel mal eben knapp 44.000 Euro.

Es war die jüngste, aber wahrscheinlich nicht die letzte Volte im Streit um den Neumarkt, der sich inzwischen seit vielen Jahren an einer entscheidenden Frage entfacht: Bleibt der Platz der zentrale Verkehrsknotenpunkt in der Innenstadt oder wird er zur Fußgängerzone?

Die Politik: Die Debatte erhitzt die Gemüter, dabei dreht sie sich um gerade einmal 250 Meter Straße. Doch wenn es um die Strecke zwischen Lyrastraße und Kollegienwall geht, wollen alle ein Wörtchen mitreden: Baustellen-, Verkehrs- und Stadtplaner, Klimaschützer und Radaktivisten, Anwohner, Geschäftsleute und Juristen. Und auch in der Verwaltung ist man sich uneins. Stadtbaurat Frank Otte ist ein klarer Fürsprecher des autofreien Neumarkts, Oberbürgermeister Wolfgang Griesert gilt als Gegner. Er hatte stets Bedenken gegen eine vorschnelle Sperrung geäußert und machte die Entwicklung des Platzes einstweilen zur Chefsache. Unzählige Masterpläne, Expertenbefragungen, Ausschusssitzungen und Ratsdebatten beschäftigten sich in den vergangenen 20 Jahren mit dem Neumarkt. Getan hat sich seitdem: nicht viel. Dabei gibt es Visionen.

Der Entwurf: Ein Windhauch geht über den Platz. Blätter rascheln, Wasserfontänen plätschern, an runden Tischen haben sich Einkaufsbummler niedergelassen, um bei einem Kaffee zu entspannen. Kinder hopsen über helle Betonplatten, ihre Eltern bewundern die moderne Architektur. Lachend erinnern sie sich daran, wie es hier noch vor ein paar Jahren zuging und schütteln ungläubig den Kopf.

So in etwa malte man sich 2013 den Osnabrücker Neumarkt der Zukunft aus. In einem Wettbewerb hatte die Stadt Landschaftsplaner träumen lassen. Der Entwurf der Gewinner zeichnete ein Bild von großstädtischem Flair: eine weite, offene Fläche, die Landgericht und Große Straße miteinander verbindet.

Die Zukunft sollte damals, als man den Gewinner des Planungswettbewerbs auslobte, 2016 beginnen. So lange, schätzten sie in der Verwaltung, werde es brauchen, um den Neumarkt auf seine Modernisierung vorzubereiten. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2018. Und der Traum vom attraktiven Neumarkt ist weiterhin genau das: ein Traum.

Die Realität sieht anders aus. Der Platz ist ein Dauerprovisorium. Fußgänger, Radfahrer, Autos, Taxen und Busse schieben sich auf eilig aufgebrachten Fahrspuren aneinander vorbei, warten an Baustellenampeln und passieren behelfsmäßig aufgestellte Absperrungen. Möglichst schnell weiter. Besucher der Innenstadt stoßen hier auf Osnabrücks wenig einladende Seite: grau, schäbig, ungemütlich. Seit Jahren stehen im Herzen der Innenstadt abrissreife Immobilien wie das grüne Kachelhaus und das alte Wöhrl-Kaufhaus leer, ohne dass sich etwas tut.

Diesen Stillstand wollte die Ratsmehrheit von SPD, Grünen, FDP, Linken und UWG/ Piraten im Mai 2017 endlich beenden und Fakten schaffen. Ohne Autos werde der Platz für Radfahrer und Fußgänger sicherer und die Luft für alle sauberer. Es stimmt: Wir belasten die Menschen am Wall mit einer Sperrung mehr. Aber wir entlasten gleichzeitig 50 000 Menschen, die täglich den Neumarkt nutzen″, sagte der Grünen-Ratsherr Volker Bajus in der entscheidenden Debatte. Seit Jahren werden am Neumarkt gesundheitsgefährdende Werte für Stickstoffdioxid gemessen, die auch auf schmutzige Autoabgase zurückzuführen sind.

Gegen den Willen von CDU und BOB (Bund Osnabrücker Bürger) setzte die Regenbogenkoalition eine Sperrung des Platzes für den sogenannten motorisierten Individualverkehr durch. Doch mit dem sofortigen Vollzug des Beschlusses im vergangenen Oktober manövrierte sich die Politik in eine Sackgasse, wie der Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg zeigt.

Ted Wilkers Klage-Verbündete sind allesamt Menschen, die direkt am Wall oder in unmittelbarer Nähe der Ringstraßen wohnen und sagen: Bis hier hin und nicht weiter. Verkehrslärm und Abgase seien ohnehin schon kaum auszuhalten. Jeder Lastwagen mehr, der vor ihren Fenstern entlangbrettert: unzumutbar.

Der Anwalt: Rechtsanwalt Jan Kuhlmann vertritt für die Osnabrücker Kanzlei Roling & Partner″ gleich mehrere Mandanten, die Immobilien am Wall besitzen. Für ihre Situation bei einem gesperrten Neumarkt findet der Verwaltungsrechtler einen anschaulichen Vergleich: Man kann nicht irgendwo einen Stöpsel ziehen und schauen, wo es hinläuft. Dort ist die Wanne schon voll und läuft über.″

Beispiel Schlosswall. Hier übersteigen Verkehrslärm und Abgase regelmäßig Grenzwerte, die eine Gesundheitsgefährdung markieren. In den Wallwohnungen herrscht tagsüber ein Lärmpegel, der einer permanent rumpelnden Waschmaschine gleicht. Sie können sie nur nicht abstellen″, sagt Kuhlmann. Ein geschlossener Neumarkt verschärfe den unhaltbaren Zustand noch einmal. Zwar will die Stadt einen Teil der Wohnhäuser am Wall mit Lärmschutzfenstern ausstatten. Die kommen aber frühestens, wenn die Gerichtsverfahren abgeschlossen sind.

Und zur Luft: 109 direkte Neumarkt-Anwohner könnten bei einer Sperrung wieder durchatmen, so das OVG in seiner Begründung. Demgegenüber ständen aber 2684 Anwohner des Wallrings, die einer zusätzlichen Belastung ausgesetzt würden. Für Anwalt Kuhlmann und seine Mandanten ist der OVG-Beschluss ein wichtiger Etappensieg. Ob die Richter im Hauptsacheverfahren ähnlich entscheiden, ist allerdings völlig offen. Denn sie werden sich intensiv mit den Argumenten beider Seiten auseinandersetzen müssen. Auch die Sperrungsbefürworter werden Punkte machen können. Die Neumarktschließung habe eine Menge Autos komplett aus der Innenstadt herausgehalten, ist zum Beispiel Stadtbaurat Frank Otte überzeugt. Wir haben nur einen Bruchteil des Neumarktverkehrs auf dem Wall wiedergefunden″, sagte er jüngst bei einer Debatte über den Luftreinhalteplan für die Stadt. Der Plan soll dazu führen, dass flächendeckend bis spätestens 2022 der Grenzwert für Stickstoffdioxid eingehalten wird.

Ottes Eindruck passt zu dreieinhalb Jahre alten Zählungen, die die Stadt im Mai und im September 2014 vornahm vor und während der damaligen Neumarktsperrung. Auf dem seinerzeit vierspurigen Neumarkt waren täglich rund 25 000 Autos unterwegs. Im Mai zählte man auf dem Schlosswall 24 900 Autos, im September 29 400 Autos, also nicht einmal 5000 Autos mehr. Welchen Weg hatten die restlichen Fahrzeuge gewählt? Ein Teil werde den nördlichen Wallring genommen haben, ein anderer Teil habe sich Schleichwege durch die City gesucht, wiederum ein anderer Teil habe offenbar die gesamte Innenstadt gemieden und war auf Autobahnen ausgewichen, lautete damals die Erklärung des städtischen Umweltamtes.

Ob die Gerichte die Effekte einer dauerhaften Sperrung nun für ähnlich geringfügig erachten werden? Bis zu einer Entscheidung können noch mehrere Jahre verstreichen. So lange muss der Stadtrat den Autoverkehr auf dem Neumarkt dulden.

Die Taxifahrerin: Für Taxifahrerin Marie-Luise Gruhn ist das die erste gute Neumarktnachricht seit Jahren. Die da oben in der Politik haben ja keine Ahnung, was bei uns hier unten los ist″, findet die 68-Jährige. Ihre Fahrgäste seien oft ältere Bürger. Stammgäste, die für Arztbesuche in die Innenstadt müssten. Die wussten oft gar nicht, wie sie uns finden sollten, als der Neumarkt gesperrt war″, sagt Gruhn. Auch für Taxen war der Platz tabu gewesen. Statt am zentralen Halterondell direkt an den Bussteigen mussten die Wagen abseits an der Möserstraße und am Neuen Graben auf ihre Fahrgäste warten. Für Leute, die nicht mehr gut zu Fuß sind, war das richtig übel″, glaubt Gruhn.

Viele ihrer Kunden schätzten ein nettes Pläuschchen, während Gruhn sie von A nach B kutschiert. Doch die jüngste Neumarktsperrung habe einige Gäste schmallippig werden lassen. Auf den Wällen ging es nicht voran, und die Kunden mussten mehr berappen. Ich habe denen immer gesagt: Nehmen Sie eine Quittung und beschweren Sie sich bei der Stadt′″, erinnert sich Gruhn.

Die Hasehaus-Mieter: Vom Taxistand aus überblickt Gruhn den Neumarkt bis hin zum eleganten Hasehaus, das herrschaftlich über dem ansonsten trostlosen Platz thront. Wenn Marco Barenkamp sich hier an die deckenhohen Fenster im dritten Stockwerk lehnt, könnte er theoretisch zu den Taxifahrern hinunter- winken. Aber die Lust am Ausguck über die Innenstadt ist dem 41-jährigen Mitgründer und Vorstand des IT-Dienstleisters LMIS vergangen. Sein Unternehmen bezog 2014 als Hauptmieter drei Etagen in dem Vorzeigehochhaus am Kollegienwall. Barenkamp hat heute das Gefühl, man lockte ihn mit falschen Versprechungen in die Immobilie. Die Hochglanzprospekte, die er damals zu sehen bekam, seien nur schwer in Einklang zu bringen mit dem, was sich nun vor dem Büroeingang abspiele. Da gab es einen hübsch gepflasterten Vorplatz, einen verkehrsberuhigter Bereich mit Gastronomie und Wasserspielen″, erinnert sich der 41-Jährige. Das, was man jetzt vor sich hat, ist das Gegenteil.″

Barenkamp kann sich für beide Lösungen erwärmen: einen Neumarkt mit und einen ohne Autos. Fürs Ambiente wäre die autofreie Variante von Vorteil, für die Erreichbarkeit seines Unternehmens wären Fahrspuren über den Neumarkt praktisch. Nur eine Entscheidung müsse endlich her, findet er. Diese Notlösung, diese Dauerbaustelle: Das ist der Worst Case für alle.″ Für Barenkamp führt die bescheidene Situation am Neumarkt″, wie er es selbst ausdrückt, nach dreieinhalb Jahren zu einer bitteren Erkenntnis: Wir haben nicht den Eindruck, angekommen zu sein.″

Auf der zweiten Etage des Hasehauses hat Zahnarzt Jochen Zech seine Gemeinschaftspraxis mit Hans-Rüdiger Wolf. Möglich, dass wir die ältesten Mieter am Neumarkt sind″, sagt der 62-jährige Zech. In seinem Büro hängt ein Bilderrahmen mit vier Fotoporträts. Sie zeigen Zechs Großvater, seine Großmutter, seinen Vater und ihn selbst. Eine Zahnärzte-Dynastie in Osnabrück, die ganz nebenbei den Wandel des Neumarkts durchs Praxisfenster beobachten konnte. Denn exakt an der Stelle, an der heute das Hasehaus über den Platz ragt, stand in den 1930ern ein zweigeschossiger Backsteinbau, in dem die Zechs ihre erste Praxis eröffneten. Mit dem Drama um den Neumarkt″, wie Zech es nennt, sei er quasi aufgewachsen. Sein Eindruck: Seit den 1960er-Jahren gibt es große Pläne für den Platz aber die Politik scheitert an der Umsetzung. Jahr für Jahr, Wahlperiode für Wahlperiode, Jahrzehnt für Jahrzehnt.

Den Neumarkt teilen sich täglich Zigtausende Menschen. Knapp 15 000 Fahrzeuge sind hier pro Tag unterwegs, seit der Neumarkt nur noch zweispurig befahrbar ist. So zeigte es eine Messung vom September 2017. Wie viele Radfahrer und Fußgänger sich über den Platz bewegen, lässt sich nur schätzen. Allein rund 45 000 Buspassagiere steigen täglich am Neumarkt ein und aus.

Für Busfahrer sei die Situation am Neumarkt deutlich unübersichtlicher, seit dort wieder Autos unterwegs sein dürfen, heißt es bei den Stadtwerken. Besonders beim Linksabbiegen auf die Johannisstraße müssten die Fahrer nun noch aufmerksamer sein. Auch auf die Pünktlichkeit der Busse schlage sich die Neumarkt-Öffnung nieder.

Bis vergangenen Sommer hatte der Platz als alternativloses Drehkreuz für Busse gegolten. Doch das Denkverbot ist aus den Köpfen verbannt: In einem Interview hatte Stadtwerke-Vorstand Christoph Hüls bekundet, er könne sich auch einen Neumarkt ohne Busse vorstellen, wenn die Politik das wolle. Und die will nun prüfen lassen, was sich machen lässt: eine Wallringlinie etwa oder der Hauptbahnhof als einziger Knotenpunkt? Das Ziel der Auslotung müsse klar sein, heißt es in dem Ratsbeschluss. Die Innenstadt solle mindestens genauso gut erreichbar bleiben wie aktuell. Und: Die Fahrgastzahlen sollen zukünftig weiter steigen. Denn die Stadt hat sich ehrgeizige Ziele beim Klimaschutz gesetzt, die ohne einen stärkeren ÖPNV Makulatur wären.

Der Stadtbahner: Bis 2050 will Osnabrück die CO2-Emissionen um 95 Prozent im Vergleich zu 1990 zurückfahren das zumindest ist im Masterplan 100 % Klimaschutz″ festgehalten. Thomas Polewsky ist überzeugt: Das geht nur über die Stellschraube Verkehr″. So, wie es der 69-jährige Pensionär sieht, denken Politik und Verwaltung in diesem Punkt aber nicht weit genug. Der ehemalige Ratsherr der Grünen engagiert sich in zahlreichen kommunalen Arbeitsgruppen zu den Themen Mobilität und Klimaschutz. Er sagt: Wir dürfen vor dieser enormen Herausforderung nicht mehr die Augen verschließen.″ Und: Wir müssen endlich die Systemfrage stellen″.

Polewskys Vorschlag ist für Osnabrück so exotisch wie geschichtsträchtig: Er setzt auf eine Stadtbahn. Straßenbahnen sollen die Innenstadt mit den Außenbezirken verknüpfen. Zentraler Halt in der City: der Neumarkt. Nur so ließen sich langfristig höhere Kapazitäten im ÖPNV erreichen. Bis 1960 hatten sich in Osnabrück Straßenbahnen durch die Innenstadt bewegt. Um mehr Platz für den Autoverkehr zu schaffen, war der Betrieb eingestellt worden.

Eine neue Stadtbahn wäre teuer. Zu teuer, schätzen sie in der Stadtpolitik und beschäftigen sich mit der Idee aktuell nicht weiter. Eine neue Baustelle lässt die Stadtbahn-Vision möglicherweise in noch weitere Ferne rücken. Noch in diesem Jahr sollen die Arbeiten an dem Geschäftshaus vor dem Neumarkt-Carrée (H& M als Mieter) beginnen. Die Immobilie würde den Platz neben den Bussteigen erheblich verjüngen und die Planungen für zentrale Bahnhaltepunkte erschweren.

Neben dem zentralen Geschäftshaus plant Immobilienkaufmann Theodor Bergmann noch ein weiteres Projekt am Neumarkt. Das Eckhaus Öwer de Hase (die frühere Sportarena) will er abreißen lassen und stattdessen einen Hotelkomplex hochziehen. Für Beobachter der Neumarkt-Debatte ist dabei vor allem eine Frage spannend: Führen die Großbaustellen zu einer erneuten Vollsperrung?

Im Spätsommer soll endlich der Platzumbau beginnen. Es geht um jenen Entwurf, der aus der grauen Asphaltfläche einen großstädtischen Wohlfühlort machen soll. Weil aber bis dahin noch längst nicht klar sein wird, ob auf der Fläche künftig Autos unterwegs sein dürfen oder nicht, müssen die Städtebauer eine Kompromisslösung in Beton gießen. Vorerst werden Fahrspuren für den Individualverkehr eingeplant. Je nach Ausgang der Gerichtsverfahren sollen diese aber verschwinden können, ohne dass es Unsummen kostet.

Es ist abzusehen, dass im Rahmen des Umbaus von Neumarkt und Neuer Graben eine baustellenbedingte Vollsperrung nötig sein wird, um die entsprechende Oberflächengestaltung herzustellen″, teilte die Stadt jüngst mit. Ein vollständiges Konzept für die Baustellen solle in einigen Wochen vorliegen.

Wallanrainer Ted Wilker beobachtet die Pläne mit Argwohn. Eine erneute Neumarkt-Sperrung will er sich nicht noch einmal bieten lassen wie auch immer sie begründet sein mag. Wenn es ihm zu viel wird, werde er wieder in seine orangefarbene Warnkleidung steigen und auf die Straße gehen, kündigt er an. Der Sitzstreik sei seine Form des zivilen Ungehorsams. Aber beim nächsten Mal bleibe ich nicht hier in der Seitenstraße. Dann setze ich mich direkt auf den Wall.″

Bildtexte:
Ein Dauerprovisorium: Für den Neumarkt gibt es große Pläne, aber seit Jahren sorgt eine zentrale Frage für Streit. Sollen künftig noch Autos über den Platz rollen?
Irgendwas muss ich doch machen″: Wallanrainer Ted Wilker protestierte vor seiner Haustür gegen den Verkehrslärm.
Deckenhohe Fester mit Blick auf ein Dauerprovisorium: LMIS-Gründer Marco Barenkamp im Hausehaus am Neumarkt.
Gemeinschaftspraxis am Neumarkt: Vor der Behandlung sei die Verkehrssituation ständiges Smalltalk-Thema mit Patienten, sagen Dr. Hans-Rüdiger Wolf und Dr. Jochen Zech.
Nehmen Sie eine Quittung und beschweren Sie sich bei der Stadt.″ Während der Neumarkt-Sperrung beklagten sich viele Fahrgäste bei Taxifahrerin Marie-Luise Gruhn.
Autor:
Sandra Dorn, Wilfried Hinrichs, Dietmar Kröger, Rainer Lahmann-Lammert, Sebastian Stricker, Jörg Sanders


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