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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
„Hier wird genagelt und gehämmert″
Zwischenüberschrift:
Februar 1918: Schuhmacher-Kurs für Hausfrauen, Großküche für Massenspeisungen, Milde für Steuersünder
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Im vierten Kriegswinter bedrückt die Menschen neben dem täglichen Kampf um Nahrungsmittel auch der Mangel an vielen anderen Dingen des täglichen Lebens, der uns in der heutigen Überflussgesellschaft nur schwer vorstellbar ist.

Osnabrück. Der Osnabrücker Hausfrauenbund für Stadt und Land hat im Haus Große Gildewart 6 eine Schuhmacher-Lehrwerkstatt eingerichtet. Aus der Kriegsnot geboren, als Kriegshilfe gedacht, sollen hier Hausfrauen lernen, der immer dringender werdenden Not auf dem Gebiet der Fußbekleidung durch Selbsthilfe entgegenzuwirken″, wie die Osnabrücker Zeitung Kislings Osnabrückische Anzeigen″ schreibt. Zunächst wurde eine tüchtige Wanderlehrerin herbestellt″. Sie unterrichtet einige wenige ausgesuchte Hausfrauen, die dann das Erlernte in mehreren Kursen weitergeben sollen.

Das Haus, das bis 1909 Teil des ersten Osnabrücker Stadttheaters war, hat nach dem Neubau des Theaters am Domhof schon verschiedenen gemeinnützigen Zwecken gedient Volksküche, Trinkerfürsorge, Kindergarten, Jungfrauenverein. Mit den Schuhkursen tritt nun ein neues gemeinnütziges Unterfangen hinzu.

Erst wurden Hausschuhe hergestellt, denen nun die Anfertigung von Straßenschuhen folgen wird. Einige der im Lehrkursus angefertigten Schuhe werden im Schaufenster des Möbelhauses Schauenburg & Lambrecht in der Herrenteichsstraße ausgestellt. Mit Erstaunen wird man sehen, was geschickte Hände aus alten und neuen Resten fertigbringen können und wie das Praktische mit dem Schönen sich vereinen läßt″, schreibt die Zeitung.

Der Reporter stattet dem laufenden Kursus einen Besuch ab: Hier wird genagelt und gehämmert, dort wird genäht und geflochten, an anderer Stelle wird der spröde Stoff fein säuberlich über den Leisten gespannt, und auf der Nähmaschine werden die Flicken zusammengeheftet. Leichte Hausschuhe werden auch aus Geflecht von Krepppapier hergestellt, die in ihrer verschiedenen Form und Färbung einen wirklich reizenden Anblick bieten. Es ist ungewohnte, aber wichtige Arbeit, denn das Vaterland fordert sie. Mit Ernst und Eifer, aber auch mit Freude am Erfolg sind die Frauen dabei.″ Die Leiterin, Frau Oberstleutnant Schiller, bittet darum, dass sich jede Teilnehmerin das benötigte Material, also Stoffe, Linoleum, Leder und Pappe, selbst mitbringt.

Gerade Leder ist knapp und heiß begehrt. Die Polizei hat in Bramsche einen Dieb verhaftet. Ihm konnte nachgewiesen werden, dass er in einer Firma Treibriemen gestohlen hatte. Aus dem Material wollte er sich in Osnabrück seine Stiefel neu besohlen lassen.

Pflanzet Kartoffeln!″, ruft die Zeitung auf. Wollen wir im nächsten Winter wieder regelrecht mit Kartoffeln versehen sein, so ist es Pflicht sämtlicher Einwohner, denen ein größeres Stück Land oder Gartenplatz zur Verfügung steht, diesen durch Anpflanzen von Kartoffeln auszunutzen.″ Anträge auf Saatkartoffeln sind beim städtischen Lebensmittelamt zu stellen.

An der Buerschen Straße im ehemals Japing′schen Haus ist eine neue Kriegsküche″ in Betrieb gegangen. Die moderne Großküchenanlage wurde vom sozialen Hilfswerk der Osnabrücker Kriegsmassenspeisung eingerichtet. Dem Koch- und Hausvater Abeling untersteht die Ausgabe des warmen Essens mittags von 11 bis 1.30 Uhr und abends von 5.30 bis 7.30 Uhr. Fünf Kochkessel sind vorhanden, für weitere wäre noch Platz. Die jetzigen Kochkessel fassen je 500 Liter. Wenn der sechste Kessel eingebaut ist, dann steigt die Kapazität auf vormittags und nachmittags je 3000 Liter, also 6000 Liter täglich.

Das Hilfswerk strebt eine Zentralisierung an: Der gesamte Bedarf der Stadt an Massenspeisungen soll hier gekocht werden, um dann in Transportkesseln an die Ausgabestellen in den Stadtteilen gebracht zu werden.

Die Ausgabestelle an der Großen Gildewart, die bis zum 24. Januar noch selbst kochte, tut dies nicht mehr und erhält jetzt 600 Portionen täglich von hier. Ab 5. Februar erfolgt in gleicher Weise die Belieferung der Ausgabestelle Sutthauser Straße, die dann ebenfalls nicht mehr selbst kocht. Die Transportkessel halten den Inhalt sechs Stunden heiß.

Der Reporter der Osnabrücker Zeitung″ beobachtet: Während der Ausgabe sind an der Schalterwand junge Mädchen, bezahlte und treu mitarbeitende freiwillige Hilfskräfte, emsig tätig, den Abholern die Portionen in die mitgebrachten Geschirre zu schöpfen. Oft stehen sie, die regelmäßig diese einfache und billige Beköstigungsart suchen, draußen in der Speisehalle in langen dichten Reihen. In ununterbrochener Kette zieht langsam Person um Person am Schalter vorüber.″ Jedermann darf sich Essen abholen. Aber nur für Minderbemittelte gilt der gestützte Preis von zehn Pfennig pro Portion.

Sämtliche grobe Hauptarbeit wie das Kartoffeln- und Rübenschälen wird durch Maschinen geleistet. Die Kartoffelschälmaschine schafft 30 Pfund in der Minute. So findet auch der weitere Kampf, der hinter der Front gegen die Bedrängnisse der Nahrungsversorgung geführt werden muss, die Stadt dank vorausschauender Vorkehrungen mit den denkbar zweckmäßigsten Einrichtungen gut gerüstet″, lobt die Zeitung.

Für die oberen Klassen der städtischen Volksschulen finden Gratis-Nachmittagsaufführungen von Lessings Minna von Barnhelm″ im Stadttheater statt. Durch eingehende Besprechung in den Schulen waren die Kinder in den Geist des Lustspiels eingeführt worden, und deshalb folgten sie der Aufführung mit verständnisvoller Hingabe. Lessing hat seine Absicht, die Herzen für die höhere Idee eines gemeinsamen deutschen Vaterlandes zu begeistern und das deutsche Nationalgefühl zu stärken, an diesem Abend voll erreicht″, heißt es in der Zeitung. Dem Magistrat und dem Theaterdirektor Ulrichs wird im Namen der Kinder bestens gedankt.

Gnade vor Recht: Um der Schwere der Zeiten Rechnung zu tragen, hat der preußische Finanzminister verfügt, dass bei der Beitreibung fälliger Steuern jetzt mehr als je mit Milde und Entgegenkommen verfahren werden muss. Die Finanzämter werden zu großzügigen Stundungen ermächtigt.

Die Stadtgeschichte im Blick: Lesen Sie mehr auf noz.de / historisch-os

Bildtext:
In den beiden Giebelhäusern Große Gildewart 6 und 7 befand sich von 1780 bis 1909 das erste Osnabrücker Stadttheater. 1918 wurde im rechten der beiden Häuser eine Schuhmacher-Lehrwerkstatt für Hausfrauen eingerichtet. Das Foto von Rudolf Lichtenberg ist erschienen im Bild-Archiv Alt-Osnabrück″, Band 1, Hrsg. Wido Spratte, Verlag Wenner 1996.
Autor:
Joachim Dierks


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