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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Als Integration reibungslos klappte
Zwischenüberschrift:
Im „Forum Migration″ erzählen Flüchtlinge aus Vietnam über ihre Ankunft in Deutschland
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wie war es um die deutsche Flüchtlingspolitik vor rund 40 Jahren bestellt? Mit dieser Frage hat sich das Osnabrücker Forum Migration″ im zweiten Teil seiner Veranstaltungsreihe über die Boatpeople″ aus Vietnam beschäftigt.

Osnabrück. Mein Gott, wovon sollen wir bloß leben?″, war der erste Gedanke, der Suicu Cheng bei ihrer Ankunft in Hannover in den Sinn kam. Mitten im Jahrhundertwinter 1978/ 79 kam die damals 24-jährige chinesische Vietnamesin mit ihren zwei kleinen Kindern nach Deutschland. An den Bäumen hingen hier und da noch ein oder zwei Äpfel, ansonsten versank das Land unter einer dicken Schneedecke.

Das Deutsche Rote Kreuz nahm sich der jungen Mutter und ihrer Kindern an, kümmerte sich in der ersten Zeit um Unterkunft und Verpflegung. Nach einem knapp einjährigen Sprachkurs fand Cheng einen Arbeitsplatz in einer Näherei, wo sie bis zu ihrer Rente rund 40 Jahre lang arbeitete.

Duyen Pham-Nguyen und ihr Onkel Hoang Quang Tran waren noch Kinder, als sie 1980 nach Deutschland kamen. Enorm erleichtert, dass die Strapazen der Flucht hinter ihr lagen, habe Pham-Nguyen sich damals gefühlt. Beide landeten im Auffanglager Friedland, bevor sie ins Haus Nazareth in Norden-Norddeich kamen. Beim ersten Mittagessen gab es dort für jeden ein halbes Hähnchen″, erinnerte sich Tran noch ganz genau. Eine solche Portion habe in Vietnam für eine ganze Familie gereicht.

Im Haus Nazareth gab es sofort Sprachkurse für alle Flüchtlinge. Das war enorm wichtig, um hier anzukommen und sich zurechtzufinden″, bemerkte Pham-Nguyen, die heute als Dolmetscherin arbeitet.

Roman Siewert, langjähriger Leiter des Hauses Nazareth, erklärte, dass die Vietnam-Flüchtlinge damals in ein optimales System″ in Deutschland kamen: Sie hatten sofort Bleiberecht, die Kernfamilie sogar bis hin zur vierten Tante durfte nachziehen, sie bekamen 1200 Stunden Deutschunterricht, es gab eine Begabtenförderung für die akademische Laufbahn und Ausbildungskooperationen mit Industrie- und Handels- und Handwerkskammern. Niemand aus den ersten Flüchtlingswellen aus Vietnam hat jemals Angst haben müssen, dass es morgens um 4 Uhr an der Tür klingelt und die Abschiebung droht.″

Insgesamt habe das Haus Nazareth 3155 Vietnam-Flüchtlingen Obdach geboten, davon 550 unbegleitete Kinder. Später habe das Haus über 1800 Asylbewerber aus 90 verschiedenen Nationen aufgenommen. Für diese Menschen würde ich mir wünschen, dass sie nur einen Anteil der Traumkonditionen bekommen hätten, die es damals für die Vietnamesen gab″, bemerkte Siewert.

Die zahlreichen Erfolgsgeschichten lagen aber nicht nur an den guten politischen und gesellschaftlichen Konditionen, stellte die ehemalige Lehrerin Anke Fedrowitz klar. Über 25 Jahre lang unterrichtete sie Deutsch als Zweitsprache an der Hans-Calmeyer-Orientierungsstufe Innenstadt. Unter ihren Schülern waren auch viele Flüchtlingskinder aus Vietnam. Die Vietnamesen sind Experten für unauffälliges Anpassen″, bemerkte sie. Fleißig, ehrgeizig, pünktlich, immer freundlich und sehr zurückhaltend so seien sie ihrer Erfahrung nach. Die anderen Kinder haben auch mal geweint oder vor Wut getobt, vietnamesische Kinder nie.″

In asiatischen Ländern ist es sehr wichtig, nie das Gesicht zu verlieren″, ergänzte Siewert. Wann immer er heute Flüchtlinge von damals besuche, bekomme er als Erstes stolz Haus, Auto und die Abschlusszeugnisse der Kinder präsentiert. Erst wenn ich dann nach einer Stunde frage, bist du glücklich?′, kommen die Tränen.″

Kamen damals also ideale Aufnahmebedingungen und Flüchtlinge mit einer den Deutschen sehr vertrauten Mentalität zusammen? Waren deswegen so viele Erfolgsgeschichten möglich? Tut sich die deutsche Gesellschaft mit heutigen Flüchtlingen aus Afrika oder dem Nahen Osten einfach schwerer als mit den Boatpeople? Was hat sich seitdem in der deutschen Gesellschaft und Politik so stark verändert? Um diese Fragen drehte sich die anschließende Diskussion mit dem Publikum im Forum Migration″.

Ich würde mir in Deutschland mehr Neugier gegenüber Fremden wünschen und weniger Panik″, schloss Fedrowitz die Runde.

Bildtexte:
Lehrerin Anke Fedrowitz berichtete von ihren Erfahrungen mit vietnamesischen Flüchtlingskindern.
Suicu Cheng kam im Dezember 1978 mit ihren beiden kleinen Kindern nach Deutschland.
Fotos:
Swaantje Hehmann
Autor:
Regine Hoffmeister


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