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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Die Hausnummer blieb, der Straßenname wechselte
Zwischenüberschrift:
Siegfried Kühn im Zeitzeugen-Gespräch über Vertreibung
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Zweimal passierte seine Familie die Grenze, beim dritten Mal endgültig. Die Vertreibung aus Niederschlesien war das Thema im Zeitzeugengespräch in der Villa Schlikker. Siegfried Kühn aus Waldau, heute Wyloty, sprach über seine Erlebniss im Februar 1945. Es war Glück, dass sie der Vater fand.
Siegfried Kühn spricht sehr offen über die Kriegsjahre, das Grauen der Vertreibung, den schwierigen Neustart und den Verlust der Heimat. Ich war erst zwölf″, sagt der heute 73-Jährige, da sei der Verlust eher zu verkraften gewesen. Für ihn war schlimm, dass er zwei Jahre nicht zur Schule gehen konnte, so viel nachholen musste.
Nach zwei Lehren studierte Kühn dann an der Fachhochschule, heiratete eine Bissendorferin, baute hier ein Haus. Und 1974 reisten die Kühns erstmals mit Campinganhänger nach Polen zum Geburtshaus im alten Heimatort. Die Hausnummer war noch gleich, nur der Straßenname hatte sich geändert″, sagt Siegfried Kühn, und beschreibt den freundlichen Empfang der polnischen Familie, die 1945 zu den Kühns in das Haus einquartiert worden war und sich auch noch an die Kühns erinnerte.
Die Polen haben das alles vom polnischen Staat abgekauft, sie haben nichts geschenkt bekommen″, sagt Siegfried Kühn. Er sah seine häufigen Reisen eher als Tourist denn als Vertriebener, schließlich war Osnabrück seine neue Heimat.
Die Integration verlief gut für ihn. Das war nicht für alle so. Allgemein schwierig″ sei das Kennenlernen der Osnabrücker damals gewesen, meint eine ältere Dame im Publikum leise. Sie kennt die Fluchtwege, nickt öfter mit dem Kopf, als Siegfried Kühn erzählt. 20 Personen sind gekommen, 11 ältere Herrschaften haben selbst oder als Ehepartner eine eigene Vertreibungsgeschichte″, wie Siegfried Kühn es nennt.
Nicht alle sind bei der Rückschau so ruhig wie der 73-Jährige, sie nicken zwar bei den Beschreibungen, fügen aber Details ihrer persönlichen Erinnerungen hinzu, die viel mit erlebter Schikane, Gewalt und Vergewaltigung zu tun haben. So musste man sich als Deutscher unter polnischer Verwaltung mit weißen Armbinden kennzeichnen. Ohne Armbinde, aber auch allein durch das Deutschsein waren Schikanen die Folge.
Ob er finde, dass sein Opfer größer als das anderer Deutscher gewesen sei, fragt eine Zuhörerin. Eine Frage, die offenlegt, was den Vertriebenen in Deutschland oft angekreidet wird. Ihr eigenes Schicksal schwerer zu bewerten als das anderer Opfer der Zeit des Krieges, des Nationalsozialismus. Siegfried Kühn ist über die Frage etwas verwundert, denn alle hätten gelitten, nicht nur er. Man müsse schon realistisch sein: Für die Polen, die in seinem ehemaligen Elternhaus einquartiert wurden, habe es auch kein Zurück und vor allem noch weniger Zukunft gegeben. Und die Opfer des Nationalsozialismus hätten nichts mit dem Leid der Vertriebenen zu tun.
Eine Dame im Publikum sieht aber doch einen Zusammenhang. Die Kriege und Verbrechen der Nazis seien verantwortlich für die Vertreibungen, und das wolle sie, selbst vertriebene Schlesierin, auch erwähnt wissen. Beim Stichwort historische Verantwortung″ sei es wichtig, dass heute Ausländer als gleichwertig angesehen und nicht diskriminiert würden, sagt sie und zieht den Vergleich zum Judenhass im Nationalsozialismus.

Bildtext:
Siegfried Kühn war Gast beim Zeitzeugengespräch in der Villa Schlikker.
Foto:
Seiler
Autor:
Maja Weber


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