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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Der Glockenturm blieb erhalten
Zwischenüberschrift:
Vor zehn Jahren wurde die Gnadenkirche entwidmet und später teilweise abgerissen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Alle christlichen Religionsgemeinschaften bekamen in Zeiten zurückgehender Mitgliederzahlen den Kostendruck zu spüren, den die in besseren Zeiten gebauten Peripherie-Kirchen ausüben. Die evangelisch-reformierte Gemeinde blieb davon nicht verschont. Das Foto zeigt die Gnadenkirche im Februar 2008 kurz nach ihrer Entwidmung.

Osnabrück. Im Oktober 2007 beschlossen Kirchenrat und Gemeindevertretung der Evangelisch-Reformierten den Verkauf von dreien ihrer fünf Gotteshäuser an die Evangelischen Stiftungen, um die eigenen Kräfte ganz auf die Renovierung der beiden verbleibenden Kirchen konzentrieren zu können.

Erhalten blieben die Bergkirche am Westerberg als Mutterkirche″ der rund 6000 reformierten Protestanten in Stadt und Landkreis Osnabrück sie war 1893 der erste protestantische Kirchenneubau in Osnabrück seit der Reformation –, und die Friedenskirche von 1926 an der Klöntrupstraße, die im Zuge der Umstrukturierung ihre neue Bestimmung als Jugendkirche erhielt.

Die drei Neubaukirchen der Nachkriegszeit, die der pastoralen Versorgung in zentrumsferneren Stadtteilen dienten, wurden hingegen entwidmet: die Atterkirche an der Karl-Barth-Straße in Atter (jetzt gemeinnütziger Stadtteiltreff Atter″ des Trägervereins Wir in Atter″), die Erlöserkirche an der Lerchenstraße in der Dodesheide (jetzt Zentrum einer rum-orthodoxen Kirchengemeinde arabischen Ursprungs) und die Gnadenkirche an der Rappstraße.

Die gemeinnützigen Evangelischen Stiftungen verpflichteten sich in den Kaufverträgen, für dem Gemeinwohl dienende zukünftige Nutzungen zu sorgen. Im Falle der Gnadenkirche war keine Nutzung in Sicht, die sinnvoller gewesen wäre als in Osnabrücks kinderreichstem Stadtteil Schinkel neue Kita- und Krippenplätze zu schaffen.

Anders als bei der Atterkirche und der Erlöserkirche war hier die neue Nutzung als Kita nicht im bestehenden Kirchengebäude zu verwirklichen. Deshalb wurden Abriss und Neubau beschlossen. Am 6. Januar 2008 hielt Pastorin Ilse Landwehr den Abschiedsgottesdienst in der überfüllten Gnadenkirche und entwidmete sie. Für viele war es ein sehr emotionaler Moment, als Tischbibel, Abendmahlsgeräte und Taufschale feierlich hinausgetragen wurden. Die Gemeinde nahm sie mit in das neue gemeinsame Zentrum Bergkirche eine sinnfällige Parallele zur Predigt, in der die Pastorin an das Wagnis der drei Weisen aus dem Morgenland erinnert hatte, die aufbrachen um des neu geborenen Heilandes willen.

Dann ging es mit Abriss und Neubau aber doch nicht so zügig. Niemand hatte bei den Planungen daran gedacht, dass oben in dem 25 Meter hohen Turm eine langfristig vermietete Mobilfunkstation installiert war. Die Stiftungen ließen den Vollzug des Kaufvertrages ruhen, bis die Gemeinde eine Lösung mit der Mobilfunkgesellschaft herbeigeführt habe. Die bestand jedoch auf Erfüllung des bis 2021 laufenden Mietvertrags. Drei Jahre gingen ins Land, bis man sich darauf verständigt hatte, den Turm samt Mobilfunkantenne einfach stehen zu lassen und den Baukörper der neuen Kita entsprechend anders auf das 4000 Quadratmeter große Grundstück zu stellen.

Im Nachhinein konnten Bauherr und Architekt der neuen Lage positive Seiten abgewinnen: So könne mit dem Turm ein Merkzeichen für das Siedlungsgebiet″ (Architekt Wilhelm Pörtner) und eine Erinnerung an den früheren Kirchenstandort erhalten bleiben. Pastor Günter Baum von der evangelisch-reformierten Kirche regte an, eine Rutsche für die Kinder an den Turm zu bauen.

Wie kaum anders zu erwarten, traten Besorgnisse wegen einer möglichen Gesundheitsgefährdung der Kinder durch die Strahlung der Sendestation auf. Sie konnten jedoch durch ein Gutachten weitgehend zerstreut werden. Die Antenne strahle seitlich ab und nicht nach unten, erläuterte Stiftungs-Vorstand Eckhard Fasold.

Im Juni 2011 besiegelte der Abrissbagger das Schicksal des Schiffs der Gnadenkirche, am 1. November 2011 wurde bereits der Grundstein gelegt und im Oktober 2012 die Paulus-Kita mit 100 Betreuungsplätzen eingeweiht. Träger ist die evangelisch-lutherische Paulus-Gemeinde.

Mit der Trägerschaft und dem Namen schließt sich zugleich der Kreis zum Standort der Kita in der Rappstraße. Pastor Hans-Albrecht Rapp (1897–1961) war zusammen mit Pastor Karwehl treibende Kraft für den 1929 vollendeten Bau der Pauluskirche.

Im Jahr 1959, als der Grundstein der Gnadenkirche gelegt wurde, umfasste die reformierte Gemeinde 12 000 Seelen. Der Bau einer dritten reformierten Kirche im Osten der Stadt schien dringend geboten, nachdem die reformierten Christen sich dort jahrelang behelfsmäßig erst in der Schule Widukindland und dann in der Schule am Heiligenweg versammelt hatten.

Am 18. September 1960 wurde die Gnadenkirche am Westhang des Schinkelbergs, in der damals noch so heißenden Schwanenburgstraße, feierlich eingeweiht. Der Kirchraum war zugleich Gemeindesaal, die 350 Sitzplätze ließen sich um 180 Grad drehen, um bei Gemeindeveranstaltungen den Blick auf die rückwärtige Bühne zu eröffnen. Den Architekten Hudel und Richter wurde bescheinigt, die Bauaufgabe in schlichter, harmonischer und feierlicher Form″ gelöst zu haben.

Die Stadtgeschichte im Blick: Lesen Sie mehr auf www.noz.de / historisch-os

Bildtexte:
Die evangelisch-reformierte Gnadenkirche im Stadtteil Schinkel wurde vor zehn Jahren entwidmet. 2011 erfolgte der Abriss.
Der Glockenturm blieb als Erinnerungsposten stehen nicht zuletzt wegen einer darin installierten Mobilfunkantenne. Zu seinen Füßen ist die Paulus-Kindertagesstätte entstanden.
Fotos:
Archiv/ Gert Westdörp, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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