User Online: 1 | Timeout: 12:01Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Durchsichtig und bombensicher
Zwischenüberschrift:
Gepanzerte Mülleimer und solide Bänke: Runge möbliert Deutschlands Städte
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Durchsichtig und bombensicher: Der Abfallhai kann Menschen das Leben retten.

Osnabrück. Der Abfallhai ist nur ein Mülleimer. Ein sehr eleganter allerdings. Die kleine Osnabrücker Firma Runge liefert ihn mit glänzender Edelstahloberfläche, geräuschfreier Einwurfklappe, gern auch gepanzert, mit Hundekot-Tütenspender und integriertem Werbefenster. Ganz wie gewünscht. Wer mit offenem Auge durch Osnabrück geht, erblickt den Hai zum Beispiel vor den Eingängen der Sparkasse.
Auch vor den Eingängen der BMW-Welt in München stehen Mülleimer aus der Familie der Abfallhaie. Sein Name: Protectus″. Äußerlich unterscheiden sie sich nicht von ihren Osnabrücker Verwandten. Aber im Innern. Die in München sind die Lebensretter.
Sprengsätze im Müll
BMW will die höchste Sicherheitsstufe in seiner im vergangenen Jahr eröffneten Autostadt, die über 800 000 Menschen im Jahr besuchen sollen. Jeder Mülleimer auf einem belebten Platz ist ein potenzieller Sprengkörper. Wo sonst könnten Terroristen unauffälliger eine Bombe deponieren? Der Panzer-Mülleimer, Stückpreis 2400 Euro, bewehrt mit dreifach verstärkten Schweißnähten, zehn Millimeter dicken Platten und mit Stahlseilen von zwei Tonnen Zugkraft, fängt Bombensplitter auf und lenkt die Druckwelle nach oben ab.
Der Protectus″ ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem Sortiment von Runge in Osnabrück. Das Familienunternehmen wird am 1. Juli 100 Jahre alt. Wenige kennen den 30-Mann-Betrieb, aber bestimmt haben die meisten Deutschen schon auf einem der Runge-Produkte gesessen. Der Großteil der Parkbänke in Deutschland, so sagt Seniorchef Dr. Joachim Runge, kommt aus seiner Werkstatt am Großen Fledderweg 89. Und in Osnabrück steht an jeder Ecke ein Runge-Produkt.
Design-Auszeichnung
Runge baut Dinge, die man dann bemerkt, wenn sie fehlen: die Ruhebank für müde Beine, den Mülleimer für die Kippe, den Ständer fürs Fahrrad. Gegenstände des Alltags im öffentlichen Raum, mehr eigentlich nicht. Aber hinter jeder Produktfamilie steckt eine Geschichte.
Protectus aus der Familie der Abfallhaie haben wir schon kennengelernt. Er hat einen leichteren Bruder aus geschliffenem Edelstahl mit einem schrägen Dach und einem Maul, dessen Form ihm den Namen gab. Die schnittige Hülle steht im krassen Gegensatz zur simplen Funktion. Eine internationale Fachjury adelte den Abfallhai 2006 mit dem red dot product design award 2006″. Oliver Runge, der seit 2001 die Geschäfte führt, vermeidet das Wort Mülleimer. Abfallbehälter lässt er durchgehen, aber der treffende Sammelbegriff muss noch erfunden werden. Deshalb trägt jedes Mitglied der Abfallbehälter-Familie einen eigenen Namen: Arosa, Swing, Euroline, Luna, Smoky, Rundboy.
Fly ist der jüngste Spross und ein durchschlagender Erfolg. Die Stadt Coburg hat vom Fleck weg 700 Stück bestellt. Der Name Fly bezieht sich auf den flügelartigen Deckel. Auch dieses Design überzeugte eine Jury, diesmal die des if product design award″. Runge erntete Titel Nummer zwei. Fly steht damit auf einer Stufe mit dem iPhone von Apple und dem 3er-Cabrio von BMW.
Der Compactboy ist der Klassiker, gleichsam der Vater aller Mülleimer. Er wurde 1973 aus einem zufälligen Zusammentreffen zweier Tüftler geboren. Auf einer Messe präsentierte Runge einen Abfallbehälter eigener Bauart, der einfach schlecht war″, wie der Seniorchef einräumt. Am Nachbarstand hörte ein gewisser Werner Hülsmann aus Bissendorfdie Kritik an dem Behälter mit und machte sich seine eigenen Gedanken. Einige Wochen nach der Messe bot der Bissendorfer Ingenieur heute ein erfolgreicher Metallbau-Unternehmer im Gewerbegebiet an der Autobahn eine Lösung an. Runge und Hülsmann begannen eine Kooperation, und der Compactboy eroberte die Welt. Robust, einfach zu leeren, günstig im Preis. Über 150 000 Stück hat Runge bislang produziert. 4000 stehen allein in Stuttgart.
München 1972
Mülleimer und Sitzbank bilden meist ein Ensemble. Zum Beispiel auf der Großen Straße, aber nicht nur dort. Egal, auf welcher Parkbank Sie in Osnabrück Platz nehmen, mit hoher Wahrscheinlich steht irgendwo das Markenzeichen Runge darauf.
In Grüneck, einem Flecken 25 Kilometer nördlich von München, hat Oliver Runge neulich die wohl älteste Bank aus der Produktion seiner Vorfahren ausfindig gemacht. Die Bank mit der Seriennummer 324 stammt aus den Kunstgewerblichen Werkstätten Osnabrück″. Zwischen 1908 und 1911 hatte sich die Firma diesen Beinamen gegeben.
Wer Bänke baut, muss mit Moden, Trends und politischen Erregungen leben. Über Jahrzehnte waren Holz und Metall die einzigen Materialien für Parkbänke. In den 60er Jahren entdecken die Kommunen den Kunststoff als billigere Lösung. Plastikbänke müssen nicht jährlich frisch gestrichen werden. Runge baute unverwüstbare Polyesterbänke mit Stahlkern und lange Bänke für Tribünen, zum Beispiel für das VfL-StadionDoch dann kamen die Olympischen Spiele in München. Zum ersten Mal fanden die Zuschauer Sitzschalen statt Bänke in einem Stadion vor. Auch Runge musste sich neu orientieren.
Die 80er Jahre brachten die Rückbesinnung auf Holz als natürliches Baumaterial. Am besten geeignet: Tropenholz. Das rief Umweltschützer auf den Plan. Wo die Grünen Sitze im Stadtrat hatten, war an Tropenholzbänke im Stadtpark nicht mehr zu denken. Heute bietet Runge auch vom Forrest Stewardship Council (FSC) zertifiziertes Tropenholz aus nachhaltiger Bewirtschaftung″. Dieses Holz dominiert auch die Tribünen und Sitzmöbel, die Runge für die Landesgartenschau in Bingen am Rhein produziert hat. Am nächsten Freitag wird die Gartenschau eröffnet.
Runges Geschäftspartner sind in der Regel Landschaftsarchitekten, die im Auftrage der öffentlichen Hand Flächen oder Stadtteile gestalten. Ihnen muss Runge die eigenen Produkte schmackhaft machen, dann müssen sie die Ämter, Politiker und Gartenbauunternehmen überzeugen.
Handarbeit pur
Fachleute würden Runge eine große Produktionstiefe″ attestieren. Im Klartext: Fast alles wird selbst gebaut. Das Holz zum Beispiel wird im Rohzustand geliefert. Die Rinde hängt noch an den Brettern. Die Runge-Leute schneiden zu, imprägnieren, streichen, fügen zusammen. auch die Metallprodukte entstehen aus Stangen und Rohren, die in der Werkstatt zugeschnitten, gebogen, geschweißt, verzinkt, lackiert und vor Ort zusammengefügt werden. Das ist Handarbeit pur.
Von den 15 Leuten in der Produktion sind die meisten seit über 20 Jahren dabei. Das Klima ist gut im Hause, die Geschäfte sind es auch: Der Jahresumsatz 2007 stieg um 20 Prozent auf rund fünf Millionen. Der Export legte um fast 40 Prozent zu. Einigermaßen erfolgreich″ liefen die Geschäfte, sagt Oliver Runge. Er lacht dabei. Das sagt alles.
Internet www.Durch-die-Bank-gut.de

Bildtexte:
Bombensicher: Oliver Runge präsentiert den gepanzerten Abfallhai, der Terroristen das Handwerk legen soll. Die Panzerung dämpft die Wirkung von Bomben. Die Fenster erlauben Sicherheitskräften von außen einen Blick auf den vielleicht verdächtigen Inhalt.
Heger-Tor-Viertel: Mülleimer Arosa.
Krahnstraße: Stilvoll pausieren mit Venecia.
Am Haarmannsbrunnen: Standardtyp Evita.
Redlinger Straße: Compactboy der Klassiker.
Große Straße: Großbehälter Matrix.
Schillerstraße: Fahrradständer Arc.
Große Straße: Sonderanfertigung für die Fußgängerzone.

So wird′s gemacht

Die Wirtschaftsreportage
Wir schauen in dieser Serie in unregelmäßigen Abständen über die Zäune Osnabrücker Firmen, die für die Welt produzieren und in ihrer Branche Maßstäbe setzen.
Autor:
Gert Westdörp, Wilfried Hinrichs


Anfang der Liste Ende der Liste