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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Keinen Schritt weiter
Zwischenüberschrift:
Runter vom Gas – Baustelle.Während sich viele Autofahrer darüber ärgern,auf der A1 ausgebremst zu werden, begeben sichdie Arbeiter an der Strecke tagtäglich in Gefahr.
 
Von Rüttelstreifen, Rasern und einer ausgetüftelten Baustelle
Artikel:
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Originaltext:
U nter der Talbrücke Exterheide auf der A 1 staubt es. Ein Bagger fährt über Geröll. Es knirscht, als der Fahrer mit seiner Schaufel Steine und Stahlstangen vom Boden hebt. Wie diese Talbrücke werden auch die beiden anderen, die Brücke Habichtswald und Smanforde, derzeit abgerissen. Eine Etage höher auf der Brücke der A 1 lassen sich die Autofahrer davon nicht stören: Dort rollt der Verkehr. Auto an Auto, Lastwagen an Lastwagen. Besonders schnell geht es an einigen Abschnitten zwischen Osnabrück und Münster jedoch nicht mehr voran, seit vor zwei Jahren mit dem ersten der vier Großprojekte begonnen wurde. Seit Mai 2015 wird an den Talbrücken gebaut, Anfang 2016 starteten die Arbeiten an der Dütebrücke. Seit vergangenem Jahr sind auch am Lotter Kreuz und der Ems-Umflut-Brücke Baustellen.

Für die Nerven mehrerer Zehntausend Auto- und Lkw-Fahrer wird die Fahrt auf der A 1 seit Beginn der Arbeiten täglich auf die Probe gestellt. In den Baustellen müssen sie den Fuß vom Gas nehmen: Hier sind meist nur 80 Stundenkilometer erlaubt, im Bereich der Ems-Umflut-Brücke sogar noch weniger. Das ist die engste Kiste. Wir haben an dieser Stelle nicht mehr Platz. Deshalb mussten wir die Geschwindigkeit auf 60 km/ h begrenzen″, sagt Josef Brinkhaus von Straßen NRW. Die linke Spur ist gerade mal 2, 10 Meter breit, die rechte 2, 50 Meter. Fährt da ein breiter Lkw, bekommt man als Fahrer auf der linken Spur automatisch das Zittern.″

Brinkhaus kann verstehen, dass Autofahrern all das keinen Spaß macht. Doch auch wenn diese häufig über solche Maßnahmen meckern: Für die Bauarbeiter sind sie wichtig, denn sie begeben sich zum Teil in gefährliche Situationen. Wenn sie direkt am fließenden Verkehr arbeiten müssen, zum Beispiel wenn sie gelbe Fahrbahnmarkierungen aufbringen , ist das sehr schwierig und anspruchsvoll″, sagt Projektleiter Bernd Heine. Die Arbeiter könnten sich zwar so gut wie möglich absichern, doch letztlich kommt es auch auf die Autofahrer an. Es gibt Tage, an denen sich die Leute an alle Regeln halten und gut durch die Baustelle fahren. Dann wiederum will sich jemand mit Gewalt durchtanken. Summa summarum sind die meisten hier aber diszipliniert″, sagt Heine . Außerdem arbeite man mit der Polizei zusammen. Sobald auffällig viele Menschen in den Baustellen zu schnell fahren, kann geblitzt werden.

Laut dem Statistischen Bundesamt sind 2016 im Baustellenbereich auf Autobahnen 1435 Unfälle mit einem sogenannten Personenschaden passiert. Dabei starben 13 Menschen, 268 wurden schwer verletzt. Im Jahr zuvor verzeichnete das Statistische Bundesamt 1288 Unfälle mit Personenschaden im Bereich von Autobahnbaustellen. In den Großbaustellen auf der A 1 ist bislang alles glimpflich abgelaufen: Während der Arbeiten an den Talbrücken gab es zwar Blechschäden, aber keine Verletzten″, so Heine.

Noch gefährlicher als bei Dauerbaustellen ist es laut Heine jedoch an kurzfristig eingerichteten Baustellen beispielsweise wenn die Straßenmeisterei den Seitenstreifen reinigen oder das Gras schneiden muss. Zur Sicherheit werden häufig Rüttelstreifen auf die Fahrbahn gelegt oder Anhänger als Vorwarner aufgestellt. Auch für die Bauarbeiter heißt es: keinen Schritt zu weit. Es ist schon öfter ein Auto oder Lkw auf die Anhänger aufgefahren″, sagt Brinkhaus.

Damit es im Bereich der Baustellen auf der A 1 auch weiterhin keine größeren Unfälle gibt, unternehmen die Verantwortlichen einiges. Wir versuchen, Baustellen über zehn Kilometer wie früher zu vermeiden. Die sind zu lang, ermüdend und stressig für den Fahrer″, sagt Heine. Außerdem wird die Autobahn frühzeitig von drei auf zwei Spuren verengt, die Geschwindigkeitsbegrenzung langsam weiter gesenkt. Wegen der Arbeiten müssen an einigen Stellen beide Richtungsfahrbahnen auf eine Seite gelegt werden. Diese Stellen leuchten wir aus, um die Autofahrer darauf aufmerksam zu machen. Das wird von vielen als positiv empfunden″, so Heine.

Zwischen den Talbrücken und dem Lotter Kreuz ist so eine Stelle. Neben der Fahrbahn reißen Baggerfahrer das Brückenbauwerk ab. Ein Sichtschutz trennt die Baustelle vom Verkehr. Kaum hat man diese Baustelle hinter sich gelassen, kündigen Schilder den Beginn der nächsten an: Auch das Bauwerk des Lotter Kreuzes muss auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden.

In der gesperrten Auffahrt an dem Autobahnkreuz haben die Baufirmen Container aufgestellt. In einem dieser gießt sich Tim Reinold gerade einen Kaffee ein. Reinold ist Bauleiter bei der Echterhoff Bau-Gruppe und leidet wie viele andere Baufirmen unter der seit 2015 im Bau herrschenden Hochkonjunktur. Nicht nur, dass es Engpässe bei Betonwerken oder Mischwerken für Asphalt gibt und Fachkräfte fehlen. Auch die Logistik wird immer komplizierter″, erzählt er. Schwertransporte müssen genehmigt werden, können nur zu bestimmten Zeiten und in Begleitung fahren und dürfen manche Brücken überhaupt nicht befahren. Man muss über zehn Wochen im Voraus planen, wo welches Gerät sein muss″, sagt Reinold. Aber es ist blanke Theorie, dass das Gerät auch an dem Tag, wo es da ist, eingesetzt werden kann.″

Schon das Wetter kann den Plan durcheinanderbringen: Bei Temperaturen ab minus fünf Grad wird nicht mehr betoniert, Asphalt kann nicht eingebaut werden, wenn es stark regnet. Dann müssen die Maschinen wieder abbestellt werden, und es dauert vielleicht eine Woche, bis man den benötigten Maschinenpark wieder mieten kann″, sagt Brinkhaus, und Heine ergänzt: Das erklärt , warum sich auf Baustellen manchmal nichts tut.″

Auf der Smanforde-Brücke ist an diesem Tag kein Arbeiter zu sehen. Unter der Brücke aber sind mehrere Baggerfahrer dabei, den alten Teil des Bauwerks abzureißen. Derweil fließt der Verkehr auf der neu gebauten Brückenhälfte. Die Bauwerke stammen noch aus den 1970er-Jahren, die Tragfähigkeit ist auf Dauer nicht mehr gegeben.

Das neue Bauwerk muss einiges aushalten: Rund 65 000 Autos fahren am Tag über die A 1; am Lotter Kreuz sind es sogar rund 70 000. Etwa 20 Prozent davon sind Schwerlastverkehr weit mehr als noch vor einigen Jahren. Um den Verkehr nicht noch stärker zu stören, werden bestimmte Arbeiten in Zeitfenster gelegt, in denen weniger los ist .

Auch auf der Talbrücke Exterheide wird derzeit nur im geschützten Bereich gearbeitet vom Verkehr nur durch eine Leitplanke getrennt . Die Arbeiter bauen das alte Widerlager ab. Laute Klopfgeräusche sind zu hören, stellenweise ist nur noch das Gerippe des Hauptbauwerks zu sehen. Auf der alten Fahrbahn in Richtung Bremen liegen Erdhaufen. Während Bagger die Erde umschichten, rollt der Verkehr auf der Autobahn. Wer nah an der Fahrbahn steht, spürt den starken Windzug, den vorbeifahrende Lkw auslösen.

Eine Zeit lang müssen sich die Autofahrer noch mit den Baustellen, Staus und möglichen Behinderungen arrangieren. Die Talbrücken sollen Anfang 2019 fertig sein, die Arbeiten am Lotter Kreuz und der Ems-Umflut-Brücke Ende 2019 und die an der Dütebrücke Ende 2020. Dann kann man auf diesen Abschnitten auch wieder Gas geben.

Für Straßen NRW, hier vertreten durch Sprecher Josef Brinkhaus und Projektleiter Bernd Heine, sind die vier Projekte Großprojekte.

Bildtext:
An der Kante: Die Talbrücke Exterheide der A 1 südlich von Osnabrück wird erneuert. Für die Autofahrer ärgerlich, für Bauarbeiter nicht ungefährlich.
Fotos:
Jörn Martens

Redakteurin Nadine Grunewald fand es schon immer bemerkenswert, dass Bauarbeiter bei Hitze, strömendem Regen und Eiseskälte auf den Baustellen schuften, damit Autofahrer möglichst schnell wieder störungsfrei von A nach B kommen. Als sie jetzt auf der Autobahn nur von einer Leitplanke von den Fahrspuren getrennt stand und den Windzug der vorbeifahrenden Lkw spürte, ist ihr Respekt vor den Menschen, die diesen Beruf ausüben, noch einmal gestiegen. Sie begeben sich in große Gefahr, während viele Autofahrer durch Baustellen fahren, als wären dort gar keine.

Fotograf Jörn Martens findet die Komplexität solcher Großbaustellen faszinierend. Es müssen so viele Rädchen bei laufendem Verkehr und schlechtem Wetter ineinandergreifen, um möglichst schnell fertig zu werden. Er war beispielsweise erstaunt darüber, dass die großen Baumaschinen wegen des momentanen Baubooms in Deutschland Monate vorher für einen bestimmten Tag ausgeliehen werden müssen. Und wenn dann das Wetter zu schlecht ist oder die anderen Gewerke nicht rechtzeitig fertig geworden sind, muss man sich wieder hinten anstellen…
Autor:
Nadine Grunewald


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