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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Im Schatten des Vergessens
 
Domizil für die Verfolgten
Zwischenüberschrift:
Literaturgeschichte als Parforceritt: Volker Weidermanns „Buch der verbrannten Bücher″
 
Museum Baden in Solingen erinnert an Schriftsteller
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. 107 Autoren auf 215 Seiten kann das gutgehen? Volker Weidermann presst in seiner neuen Literaturgeschichte Autorenviten mal wieder so dünn wie Blätter im Herbarium.
Lichtjahre″ hieß das Buch, in dem Volker Weidermann die Geschichte der deutschen Literatur nach 1945 mit Lichtgeschwindigkeit durcheilte. Nach dem 2006 veröffentlichten Parforceritt legt der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung″ nun nach: Sein Buch der verbrannten Bücher″ versammelt pünktlich zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 alle Autoren, deren Namen auf der Liste standen, die diesem Autodafé zugrunde gelegt wurde.
Rudolf Geist neben Bertolt Brecht, Gina Kaus neben Kurt Tucholsky mit der unvermittelten Konfrontation von großen Namen der Literatur und ihren inzwischen vergessenen Kollegen wird nicht nur der vertraute Bücherkanon gründlich durcheinandergewirbelt. Die denkbar unsortierte Namensliste vermittelt auch einen Eindruck von der Blindwütigkeit, mit der die Nationalsozialisten in der Literaturszene wüteten.
Weidermanns Buchprojekt ist ehrenwert, weil es dem Versuch der Nazis, Literatur einfach auszulöschen, aktive Erinnerungsarbeit entgegensetzt und damit ein Anliegen wieder aufnimmt, dass der damalige Stern″-Reporter Jürgen Serke 1977 mit seiner Recherche nach den verbrannten Dichtern″ erstmals in eine breitere Öffentlichkeit getragen hatte. Doch das ist auch schon der einzige Vorzug dieses Buches. Denn Weidermann erweckt mit seiner Liste zumindest beim eiligen Leser den Eindruck, andere Autoren seien nicht verfolgt gewesen.
So finden sich etwa Mascha Kaleko und Else Lasker-Schüler nur deshalb nicht in dem Buch, weil sie nicht auf der unseligen Aufstellung des Bibliothekars Wolfgang Herrmann standen. Waren sie damit keine verfemten Autorinnen?
Zudem verlässt sich Weidermann wieder auf das aus Lichtjahre″ gewohnte Stakkato der Schnellsturteile und der auf Kolumnenformat komprimierten Lebensgeschichten. Das Ergebnis ist ein rasanter Ritt, der genau das ausschließt, was das sensible Thema erfordern würde: den ruhigen Blick auf Autoren und ihre Werke, die so gründlich vergessen sind, dass sich heute nicht einmal mehr Spezialisten an sie erinnern. Brauchen wir ein solches Standgericht der Literaturkritik erst recht dann, wenn es um die Bücherverbrennung geht?
Weidermann gelingen zwar hier und da funkelnde Feuilletons, die das Drama einer dunklen Zeit packend schildern etwa in der Konfrontation von Joseph Roth und Stefan Zweig und ihrer gegensätzlichen Einschätzung von Exil und Verfolgung. Und natürlich erweist er sich als Meister der Miniatur dort, wo es um vertrackte Schicksale wie um das von Hanns Heinz Ewers geht, der sich den Nazis andiente und dessen Bücher dennoch auf dem Scheiterhaufen landeten.
Doch ausgerechnet bei den Prominenten auf seiner Liste, vor allem bei den Schriftstellern Bertolt Brecht und Heinrich Mann, unterlaufen ihm seltsam missglückte Einschätzungen, die eher von unreflektierter Ablehnung denn von dem Bemühen um historische Gerechtigkeit zeugen.
Das alles wäre zu vernachlässigen, würde Weidermann nicht mit dem Hang zu personalisierter Darstellung sein wichtiges Thema unzulässig verkürzen. Auch wenn Texthappen im Trend hastiger Medienwahrnehmung liegen wer Historie auf Human Interest verknappt, bekommt Wirkungen und Ursachen nicht mehr in den Blick.
So dient das Phänomen der Bücherverbrennung letztlich nur als dramatische Kulisse, vor der sich ein Reigen unglaublicher Schicksale in der Form zugespitzter Kürzestgeschichten bestens in Szene setzen lässt. Bei solchem Erzählgalopp ist nur eines gewiss: Am Ende hechelt der Leser nach Luft.
Volker Weidermann:
Das Buch der verbrannten Bücher″. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 253 Seiten. 18, 95 Euro.

Bildtext:
JUbelkulisse für die Kulturbarbarei: Die Ausnahme zeigt die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz.
Foto:
AP

Solingen. Vor genau 75 Jahren, im Mai 1933, loderten Scheiterhaufen in vielen deutschen Städten. Eine johlende Menge verbrannte die Bücher von Freud und Kafka, von Brecht, Benjamin und vielen anderen: Die dem Nazi-Wahn verfallene Nation entledigte sich ihrer Literatur. Erst mit seinem 1977 erschienenen Buch Die verbrannten Dichter″ hat der Hamburger Publizist Jürgen Serke Deutschland wieder mit den NS-verfemten Schriftstellern bekanntgemacht und einer ganzen literarischen Gattung einen einprägsamen Namen gegeben.
Nun bekommen Dutzende der Verfolgten und Vergessenen″ wie der Dramatiker Ernst Toller oder die Lyrikerinnen Else Lasker-Schüler und Mascha Kaleko endlich ein sicheres Domizil: Das Museum Baden in Solingen zeigt ab Sonntag als Dauerausstellung mit Erstausgaben, Manuskripten, Briefen und Fotos den Kern der bedeutenden Sammlung, die Serke über viele Jahre zusammengetragen hat. Ergänzt wird die Solinger Literatur-Dokumentation von Gemälden und Grafiken entarteter″ und teils ermordeter Künstler als Auswahl aus der über 2000 Werke umfassenden Sammlung Gerhard Scheider. Damit wird das Museum zum überfälligen und einzigartigen Gedächtnisort für eine verlorene Generation Intellektueller.
Ganze Erzählungen″ füllen die geschickt eingerichteten Vitrinen: Ernst Tollers Kriegsdrama Hinkemann″ (1923) steht in enger Beziehung zu Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür″ (1947) als literarische Aufarbeitung des Krieges. In einem Brief von 1934 teilt Toller nicht ohne Stolz mit, dass er zwanzig Autoren gewonnen habe, um die Frau des KZ-inhaftierten Publizisten Carl von Ossietzky zu unterstützen. Zu den Vergessenen zählen der jüdische Bauernsohn und Auschwitz-Überlebende Hugo Sonnenschein oder der Lyriker und Willy-Brandt- Gefährte Karl Gerold.
Autor:
Stefan Lüddemann, dpa


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