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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Handwerk: Wartezeiten wie beim Arzt
 
Handwerk hat wieder einen goldenen Boden
Zwischenüberschrift:
Wohnungsbau ja – aber wer soll es machen? Volle Auftragsbücher sorgen für Wartezeiten
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Die Stadt an der Hase hat sich als Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2020 insgesamt 3000 neue Wohneinheiten zu schaffen. Ein ehrgeiziges Programm, denn wer heute baut, weiß, dass es auch schon mal drei Monate und mehr dauern kann, bis allein der gewünschte Handwerker zur Verfügung steht. Und das neben all den anderen Unwägbarkeiten, die den Bau eines Hauses heute wie Kaugummi in die Länge ziehen können.

Aber nicht nur das. Auch der Baukostenindex ist in die Höhe geschnellt. Dafür trägt nach Meinung des Präsidenten des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen, Christian Staub, nicht nur der konjunkturell bedingte Preisanstieg im Handwerk die Verantwortung, sondern auch die Vielzahl von Verordnungen und Auflagen, die heute mit dem Bau eines Hauses verbunden sind.

Handwerk hat goldenen Boden″, sagt das Sprichwort, und in der Tat, wer dieser Tage nach einem Handwerker sucht, muss Geduld mitbringen. Wohnraum zu errichten ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch und vor allem eine Frage der Möglichkeiten.

Osnabrück. 3000 neue Wohnungen bis zum Jahr 2020 oder vielleicht doch 2020 Wohnungen bis zum Jahr 3000? Genehmigungsdauer, Auflagen, Kostenexplosion und nicht zuletzt prall gefüllte Auftragsbücher im Handwerk lassen den Bauwilligen zweifeln, ob die Stadt es tatsächlich schafft, bis 2020 3000 neue Wohnungen zu errichten.

Wer sich dieser Tage mit dem Wohnungsbau beschäftigt, muss fast zwangsläufig zu dieser resignierend-ironischen Fragestellung kommen. Das Bauen heute hat nicht mehr allzu viel mit dem Bauen von vor 30 oder 20 Jahren zu tun. Baurechtliche Auflagen von der Bodenentsorgung über gestalterische Vorgaben bis hin zur Gebäudeenergetik lassen schon die Vorbereitung eines Bauvorhabens zu einem epochalen Unterfangen werden.

Dass Geschwindigkeit relativ ist, wird also jeder lernen müssen, der sich mit dem Hausbau beschäftigt. Das Handwerk verzeichnet eine exorbitant gute Auftragslage. Da kann das Warten auf den Meister und seinen Gesellen zur Geduldsprobe werden. Der von der Handwerkskammer Osnabrück, Emsland, Grafschaft Bentheim abgefragte Geschäftsklimaindex deutet auf Partylaune im Bauhaupt- und im Ausbaugewerbe: 96 Prozent der Unternehmen im Bauhauptgewerbe (Maurer und Betonbauer, Zimmerer, Dachdecker, Straßenbauer, Gerüstbauer) und sogar 98 Prozent im Ausbaugewerbe (Maler und Lackierer, Klempner, Installateur- und Heizungsbauer, Elektrotechniker, Tischler, Raumausstatter, Glaser, Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, Stukkateure) schätzten im vergangenen Jahr ihre Geschäftslage als gut und befriedigend ein. Insbesondere die gute Umsatzentwicklung sowie die stabilen Auftragseingangszahlen führen zu dieser positiven Bewertung. Die Aussichten sind zudem für das Gesamthandwerk weiterhin optimistisch″, schreibt die HWK in ihrem Bericht.

Der Blick in sein Auftragsbuch zaubert dem Handwerksmeister von heute also ein fröhliches Grinsen auf die Lippen. Im Bauhauptgewerbe reicht der Vortrag über mindestens drei Monate. Im Ausbaugewerbe darf der Kunde mindestens neun Wochen auf die gewünschte Leistung warten.

Dabei reden wir an dieser Stelle nur vom Zeitraum zwischen Auftragserteilung und Arbeitsbeginn. Vorgeschaltet ist in der Regel die Erstellung des Angebots. Geduld ist hier eine Eigenschaft, die jeder Häuslebauer spätestens zu diesem Zeitpunkt an die erste Stelle seiner Charaktereigenschaften gesetzt haben sollte. Auch sollte er mit freundlichen Antworten wie: Es tut uns leid, aber wir können derzeit keine neuen Aufträge annehmen″, leben können. Uns fehlen sicherlich derzeit die Kapazitäten″, räumt der Präsident des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen, der Osnabrücker Bauunternehmer und ehemalige Obermeister der Bau-Innung Osnabrück, Christian Staub, ein. In den Jahren nach 1995 habe die Branche ihre Kapazitäten um etwa 50 Prozent reduziert. Nun, wo die Nachfrage wieder anziehe, seien die Lücken vor allem im Bereich Personal nicht so schnell wieder zu schließen. Zwar sei die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen Jahren bundesweit um etwa 100 000 Kräfte angewachsen, das reiche aber sicherlich noch lange nicht aus, um die Nachfrage decken zu können.

Dass dem Bauwilligen bei der Preisentwicklung (laut Statistischem Bundesamt stieg der Baupreisindex zwischen 2010 und 2017 um 17, 2 Prozent) mittlerweile beim Öffnen eines jeden Angebots die Tränen in die Augen schießen, kann Staub nachvollziehen. Er sieht aber die Ursachen nicht nur in der boomenden Baukonjunktur, also in der Preispolitik der Unternehmen. Vielmehr würden die Auflagen, die von kommunaler und staatlicher Seite zum Beispiel in den Bereichen energetisches Bauen (allein die Energieverordnung soll laut Experten mit neun Prozent zu Buche schlagen), Dokumentationspflicht, Baumaterialien oder auch Entsorgung an Bauunternehmer und Bauherren gestellt werden, einen erheblichen Teil zu den gestiegenen Baukosten beitragen. Staub fordert deshalb ein gesundes Augenmaß in der Gesetzgebung″.

Der Verteuerung in vielen Bereichen des Bausektors steht bislang in den Augen vieler keine adäquate Förderung gegenüber. Bei steigenden Kosten wird Mietwohnungsbau mit bezahlbaren Mieten immer weniger möglich. Neben den reinen Baukosten drücken die ständig steigenden Grundstückspreise gewaltig auf die Freude der Investoren an ihren Investitionen. Das trifft die großen der Branche, aber auch die kleinen privaten Bauherren, die vielleicht bauen oder modernisieren wollen, durch Kosten, Mietpreisbremse und Bürokratie aber eher ausgebremst als gefördert werden.

Staub fordert daher eine Neukonzeption im Bereich Wohnungsbau und setzt dabei seine Hoffnungen auf die neue Regierung in Berlin. Die besten Wünsche sämtlicher potenziellen Bauherren gerade im Mietwohnungsbau dürften ihn dabei begleiten. Zwar sind die Zinsen so günstig wie nie, der Zinsvorteil aber wird durch die Baukosten aufgefressen. Das Risiko bleibt ohnehin beim privaten Bauherrn, der aber bei einer gegen null tendierenden Förderung auf der einen Seite und Auflagen plus Mietpreisbremse und Sozialquote andererseits dann lieber Abstand vom kostspieligen Abenteuer Wohnungsbau nimmt. Staub fordert hier unter anderem bessere Abschreibungsmöglichkeiten. Sie könnten den Grundstein legen für ein Wachstum im Mietwohnungsbau und natürlich auch für einen weiterhin stabilen goldenen Boden, auf dem das Handwerk zukunftssicher stehen könnte.

Bildtext:
Volle Auftragsbücher und Fachkräftemangel: Wer einen Handwerker sucht, muss mit Wartezeiten rechnen.
Symbolfoto:
Ebener
Autor:
Dietmar Kröger


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