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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Keine Bombe: Evakuierung abgesagt
 
Keine Bombe, sondern eine alte Leitung
Zwischenüberschrift:
16 500 Osnabrückern ist gestern die Evakuierung ihrer Stadtteile erspart geblieben
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Die für gestern geplante Evakuierung mehrerer Osnabrücker Stadtteile ist am Samstagvormittag abgesagt worden. Rund 16 500 Bürgern blieb eine Evakuierung ihrer Häuser erspart. Statt einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg hatten offenbar ein sogenanntes Schlackenest sowie eine alte Leitung aus Gusseisen die Messung ausgelöst, die auf einen Blindgänger hingedeutet hatte. Da sich die Verdachtsstelle im Bereich der dreigleisigen Bahnbrücke über die Straße An der Petersburg″ in der südlichen Innenstadt befand und für die Sondierungsarbeiten der Bahnverkehr gestoppt werden musste, hatten die aufwendigen Erdarbeiten im Gleisbett erst kurz vor dem möglichen Evakuierungstermin stattfinden können. Am Samstag um 10.50 Uhr gab die Stadtverwaltung Entwarnung.

Die für Sonntag geplante große Evakuierungsaktion in Osnabrück ist am Samstagvormittag abgesagt worden. Es wurde kein Bombenblindgänger gefunden.

Osnabrück. Am Samstag um 10.50 Uhr gab die Stadt auf ihrem Facebook-Account bekannt: Aktueller Stand der Bombenentschärfung: Evakuierung abgesagt! Kein Blindgänger gefunden! Vorausgegangen waren aufwendige Sondierungsarbeiten im Bereich der dreigleisigen Bahnbrücke über die Straße An der Petersburg″ in der südlichen Innenstadt.

Da der Bahnverkehr so wenig wie möglich beeinträchtigt werden sollte, konnten die Experten mit ihren Arbeiten erst am frühen Samstagmorgen beginnen. Leider geht das erst auf den letzten Drücker″, betonte Jürgen Wiethäuper, Leiter des Ordnungsamts der Stadt Osnabrück. Auch er hätte sich einen längeren Zeitraum zwischen der Sondierung und dem möglichen Evakuierungstermin gewünscht. Dies sei jedoch nicht machbar gewesen: Das war jetzt für die Bahn das Höchste der Gefühle.″

Demontage von Gleisen

Um Mitternacht hatte ein Bautrupp der Bahn damit begonnen, zwei der drei Gleise in der Nähe der Brücke abzubauen. Denn die Verdachtsstelle lag zwischen zwei Gleisen circa drei Meter unter den Schienen.

Derweil hielt sich Sprengmeister Hans Mohr vom Kampfmittelräumdienst mit seinem Team bereit. Solange die Bahnschienen noch über der Fundstelle lagen, konnten auch die erfahrenen Experten nicht sagen, ob in der Erde ein gefährlicher Blindgänger oder doch nur harmloser Schrott liegt.

Wenn wir Hinweise auf einen Einschlagkanal oder das abgerissene Leitwerk der Bombe im Boden finden, haben wir es höchstwahrscheinlich mit einem Blindgänger zu tun″, hatte Wiethäuper im Vorfeld gesagt. Doch zu einem solchen Fund kam es am Samstag nicht. Stattdessen waren es zwei Gegenstände, die die verdächtige Messung ausgelöst haben könnten: ein Stück Eisenleitung und ein sogenanntes Schlackenest.

Die Schlacke war wahrscheinlich ein Abfallprodukt von Klöckner, und man hat sie nach dem Krieg im Bahndamm verbaut″, so Wiethäuper. Denn die Schlacke sei damals natürlich kostengünstiges Baumaterial″ gewesen. Bei solch einem Untergrund wie hier weiß man nie, was verbaut wurde und was dort noch liegt. Das ist wie eine Wundertüte.″

Wenigstens an dieser Stelle der Stadt sind böse Überraschungen künftig ausgeschlossen. Sprengmeister Mohr und ein Sondierungsunternehmen hätten, nachdem die Schienen erst einmal entfernt gewesen waren, deutlich über die eigentliche Messtiefe hinaus gegraben und nichts Gefährliches gefunden, berichtete Wiethäuper.

Was sie neben der Metallschlacke entdeckten, war etwa 1, 20 Meter unter dem Gleiskörper eine alte gußeiserne Leitung mit 20 Zentimetern Durchmesser. So eine Installation aus lange vergangener Zeit sei heute nirgendwo mehr verzeichnet″, wie Jürgen Wiethäuper betonte.

Eine alte Leitung und Metallschlacke war die ganze Aktion nicht möglicherweise etwas übertrieben? Mohrs Kollege, Sprengmeister Clemens Stolte, der ebenfalls in den Einsatz eingebunden war, hatte unserer Redaktion im Vorfeld erklärt, warum der mutmaßliche Bombenfundort in jedem Fall gründlich untersucht werden musste, obwohl in den vergangenen Jahrzehnten bereits Abertausende von Zügen über die Verdachtsstelle gefahren sind: Bomben würden mit der Zeit im Erdboden immer labiler. Wenn auch vielleicht keine akute Gefahr bestanden habe, so doch zumindest zeitnaher Handlungsbedarf″.

Diese Notwendigkeit unterstrich auch Jürgen Wiethäuper. Wenn wir einen Hinweis haben, können wir nicht die Hände in den Schoss legen und sagen: Das ist 70 Jahre gut gegangen, das geht auch weitere 70 Jahre gut.″ Wenn ein Baum umzustürzen drohe, sage man schließlich auch nicht: Noch ist er ja nicht umgefallen …″

Und wenn man einmal die Kraft so einer Bombe mitbekommen hat, die Erschütterung und die Druckwelle, das ist schon enorm, dann wird man über diesen Punkt anders denken″, fügte Wiethäuper hinzu. Immerhin gebe es schon bei der kontrollierten Sprengung von Blindgängern trotz immenser Dämmung″ senkrechte, 70 bis 80 Meter hohe Materialfontänen.

Aber hätten nicht schon die Messungen genaueren Aufschluss geben können? Wir messen Störungen im Erdmagnetfeld″, umriss Wiethäuper das Verfahren. Dann müssen wir die Messkurve interpretieren. Durch was für einen eisernen Körper könnten die Störungen ausgelöst worden sein? Die Größe und die genaue Lage des Gegenstandes würden den Bombensuchern aber nicht angezeigt. Das sind keine Röntgenbilder″, betonte der städtische Experte. Wir hatten schon mal eine lehrbuchmäßige Kurve und fanden anstelle eines Blindgängers einen Blitzableiter.″

Da sich der Bombenverdacht auch in diesem Fall nicht bestätigt hat, fiel auch die für Sonntag geplante Evakuierungsaktion aus. Bis 9 Uhr hätten 16 500 Menschen ihre Wohnungen und Häuser verlassen müssen. Es wäre die größte Räumung in Osnabrück seit zwei Jahrzehnten gewesen.

Die Altlasten des Krieges in Osnabrück lesen Sie mehr auf noz.de/ bombe

Bildtexte:
Aufwendige Aktion auf dem Bahndamm: die Verdachtsstelle, am Samstag aus dem Flugzeug fotografiert.
Die Verdachtsstelle aus der Luft. Im Bereich dieser Bahnbrücke an der Straße An der Petersburg″ wurde der Bombenblindgänger vermutet.
Die Verdachtsstelle aus der Luft.
Wäre es zur Evakuierung gekommen, hätten nicht nur die umliegenden Häuser geräumt werden müssen, sondern ganze Stadtteile.

Fotos:
Philipp Hülsmann

Kommentar
Kritik, die eigentlich ein Kompliment ist

Wenige Minuten, nachdem die Stadt die Evakuierung abgesagt hatte, wurden im Internet die ersten kritischen Stimmen laut. Die ganze Aktion sei ja wohl mal wieder deutlich überdimensioniert gewesen, hieß es, und die Verantwortlichen hätten es sich zudem viel zu leicht gemacht, indem sie erst einen Tag vor der geplanten Entschärfung nachgesehen haben, ob es sich denn nun wirklich um eine Bombe handelt oder eben doch nur um Metallschrott.

Und tatsächlich: Ist in Osnabrück in den vergangenen Jahren bei zig Bombenräumungen nicht immer alles gut gegangen? Und ist das nicht womöglich der Beweis dafür, dass die Gefahr, die von den rostenden Kriegsrelikten angeblich ausgehen soll, mit dem für Behördenmenschen typischen Sicherheitsdenken überdramatisiert wird? Ist es mithin nicht auch völlig unnötig, jedes Mal, wenn ein Blindgänger im Boden vermutet wird, noch Hunderte Meter vom Fundort entfernt Bürger notfalls unter Zwang ihrer Wochenendroutine zu berauben?

Nein und nochmals nein. Dass bislang in Osnabrück nichts passiert ist (anders als 2010 in Göttingen, als drei Entschärfer starben), ist kein Beleg dafür, dass alles gar nicht so gefährlich ist. Es ist vielmehr das Ergebnis des hervorragenden Jobs, den Experten wie Jürgen Wiethäuper und Hans Mohr nebst vielen weiteren haupt- und ehrenamtlichen Beteiligten ein ums andere Mal leisten.

Wenn also herumgenörgelt wird, dann sollten es die Beteiligten am besten als Kompliment auffassen. Denn wenn auch nur ein Mal etwas schiefgehen würde, würden die Menschen mit Sicherheit anders denken. Aber darauf können Wiethäuper, Mohr & Co dankend verzichten. Auch wenn sie sich manchmal so einiges anhören müssen.
Autor:
Claudia Sarrazin, Arne Köhler


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