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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Nachhaltigkeit überdenken″
 
„Schluss machen mit Ablasshandel″
Zwischenüberschrift:
DLG-Chef verteidigt Glyphosat-Einsatz
 
DLG-Präsident Bartmer fordert neues Nachhaltigkeitsverständnis in der Landwirtschaft
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück. Der Chef der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer, hat im Zusammenhang mit dem schlechten Ruf des Unkrautvernichters Glyphosat die Landwirte aufgefordert, in ihrer Branche die Nachhaltigkeit zu überdenken.

Bei der Diskussion um ein Verbot des Mittels müssten wir uns als Gesellschaft schon fragen, ob wir einen Wirkstoff, der nach allen Regeln der Wissenschaft geprüft und für unbedenklich befunden worden ist, einfach ohne Not vom Markt nehmen sollten″, sagte Bartmer in einem Interview mit unserer Redaktion. Dass Einschätzungen unabhängiger Risikobewertungen in Zweifel gezogen werden, weil einem gefühlsmäßig das Ergebnis nicht passt″, sei für ihn nicht nachvollziehbar .

Die Landwirtschaft trägt nach Ansicht von Carl-Albrecht Bartmer eine Mitschuld am schlechten Ruf des Unkrautvernichters Glyphosat. Im Interview fordert der Chef der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) seine Branche auf, Nachhaltigkeit zu überdenken.

Herr Bartmer, im November hatten Sie gesagt, Glyphosat wird in der Landwirtschaft zu häufig angewendet. Das gab doch bestimmt Ärger aus dem Agrarsektor!

Der zweite Teil der Botschaft war mindestens so wichtig, nämlich die Rolle des Glyphosats als ökologisch wertvoller, pflugloser, biodiversitätsfördernder Anbau und stabile Fruchtfolgen ohne Resistenzen ermöglichender Wirkstoff. Ja, man kann Glyphosat zu viel einsetzen, in erntereifen Beständen, auf Wegen, in Gärten und Parks, in Regionen dieser Welt, in denen Kulturen gentechnisch gegen Glyphosat geschützt sind. Das Erstere führt zu unnötigen Kontaminationen von Erntegut und Oberflächengewässern, das andere zu Resistenzen, wie wir in Nord- und Südamerika sehen. Deshalb muss Glyphosat zielgerichteter eingesetzt werden. Eine deutliche Reduktion der Menge ist möglich.

Sind Sie dem Bundeslandwirtschaftsminister für seinen Alleingang auf europäischer Ebene in Sachen Zulassungsverlängerung dankbar?

Politisch will ich das nicht beurteilen. Wir müssen uns als Gesellschaft aber schon fragen, ob wir einen Wirkstoff, der nach allen Regeln der Wissenschaft geprüft und für unbedenklich befunden worden ist, einfach ohne Not vom Markt nehmen sollten. Hier ist ein klarer wissenschaftlicher Sachverhalt von denen vernebelt worden, die heute so lautstark auf die Geschäftsordnung der Bundesregierung pochen.

Nach Glyphosat kommen zunehmend die Neonicotinoide, also Insektizide, in den Fokus als mögliche Bienenkiller. Wird davon auch zu viel in der Landwirtschaft verwendet?

Wir haben den Einsatz in den letzten Jahren drastisch reduziert. Aber klare Botschaft: Wenn eine unabhängige, wissenschaftliche Risikobewertung eines Wirkstoffes ergibt, dass bestimmte Nutzungen bedenklich oder unbedenklich sind, hat der Gesetzgeber entsprechend zu handeln. Das gilt für Glyphosat genauso wie für Neonicotinoide. Dass Bewertungen allerdings in Zweifel gezogen werden, weil einem gefühlsmäßig das Ergebnis nicht passt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Wir fahren ja auch mit dem Auto über eine Brücke, in dem Vertrauen, dass staatliche Institutionen die Statik schon richtig geprüft haben.

Im Agrar- und Lebensmittelsektor scheint dieses Vertrauen nicht da zu sein

Unsere Gesellschaft entwickelt ein zunehmendes Misstrauen gegenüber Wissenschaft und Institutionen. Eine aufgeklärte Gesellschaft braucht aber Institutionen, die stellvertretend komplexe Sachverhalte bewerten und am Ende abgewogene Empfehlungen geben, auf deren Basis Politik dann entscheidet. Es ist doch ein Irrglaube, dass wir als einzelne Person zu jedem Thema urteilsfähig sind.

Warum ist diese Entwicklung besonders im Agrarbereich zu beobachten?

Das ist vielschichtig. Viele halten sich für urteilsfähig, obwohl sie sehr weit von landwirtschaftlichen Produktionsprozessen entfernt sind. Und sie halten die heutige Landwirtschaft für nicht nachhaltig. Dieses Empfinden liegt auch daran, dass alle, Landwirte, Gesellschaft und Politik, dem fatalen Missverständnis folgen, dass gute Instrumente allein Nachhaltigkeit bedingen. Nicht das Werkzeug, sondern das detailliert begutachtete Ergebnis zählt. Detailliert kann man auch die Nachhaltigkeit beurteilen, über quantifizierbare Indikatoren zum Beispiel zu Erosion oder Biodiversität.

Und das bedeutet jetzt für das Glyphosat-Beispiel?

Glyphosat ist die Grundlage für pflugloses Arbeiten. Wer pflügt, tötet alle Pflanzen und viele andere Organismen. Da ist dann nichts mehr mit Biodiversität. Zudem drohen Wind oder Regen die oberen Bodenschichten abzutragen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Landwirtschaft in der Lage war, Felder pfluglos zu bestellen. Heute sagen wir den Landwirten: Macht wieder ordentliche Landwirtschaft und pflügt. Da wird Nachhaltigkeit doch auf den Kopf gestellt! Wir müssen das Ergebnis betrachten, das Gesamtkunstwerk″ Nachhaltigkeit. Und da kann herauskommen: Der Glyphosat-Einsatz ist nachhaltiger als das Pflügen. Wir sollten nicht vorschnell Vergangenheit idealisieren.

Diese Argumente sind aus der Glyphosat-Debatte bekannt, haben aber wenig Gehör gefunden. Warum?

Sie wurden immer wieder genannt, aber bewusst oder unbewusst ignoriert, weil im Detail komplex. Es erscheint einfacher, das Produkt eines globalen Konzerns, das mit Gentechnik assoziiert wird und alle Pflanzen tot- macht″, zu diskreditieren. Aber auch die Landwirtschaft trägt Schuld daran, weil sie nicht proaktiv die Nachhaltigkeit, das Gesamtkunstwerk″ ins Spiel gebracht hat. Wir haben uns auch ganz gut mit tatsächlich oder vermeintlich nachhaltigkeitsfördernden Maßnahmen wie Blühstreifen eingerichtet, ohne wirklich transparent Nachhaltigkeitswirkungen zu dokumentieren. Das ist ein bisschen wie Ablasshandel.

Was tun?

Schluss machen mit diesem Ablasshandel. Die DLG will die Landwirtschaft auf ihre Nachhaltigkeit hin unter die Lupe nehmen. Wir erheben bereits heute relevante Indikatoren und erstellen einen Nachhaltigkeitsbericht für die deutsche Landwirtschaft. Um es noch besser zu machen, fehlen allerdings noch Datengrundlagen.

Bildtexte:
Umstritten: Ein Landwirt bringt mit seinem Traktor den Unkrautvernichter Glyphosat aus.
Glyphosat-Befürworter: Carl- Albrecht Bartmer.
Fotos:
Steven Lüdtke/ Forum Moderne Landwirtschaft, dpa
Autor:
Dirk Fisser


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