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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Paracelsus geht in die Insolvenz
 
Schockmeldung drei Tage vor Heiligabend
Zwischenüberschrift:
Rettungsplan für Klinik-Konzern
 
Insolvenzantrag: Gewerkschaft wirft Paracelsus-Führung schwere Fehler vor
Artikel:
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Originaltext:
Schocknachricht für 5200 Beschäftigte der Paracelsus-Kliniken: Die Geschäftsführung der privaten Krankenhaus-Gruppe mit Hauptsitz in Osnabrück hat am Donnerstag Insolvenzantrag in Eigenverantwortung gestellt.

Osnabrück. Die seit Monaten anhaltende Liquiditätskrise der Paracelsus-Kliniken erreicht damit drei Tage vor Weihnachten einen dramatischen Höhepunkt. Die gute Nachricht für die Mitarbeiter: Mit dem Insolvenzantrag sind die Gehälter für zunächst drei Monate gesichert, die jetzt von der Arbeitsagentur als Insolvenzausfallgeld gezahlt werden.

Der Klinikbetrieb laufe an allen 40 Standorten und in allen Abteilungen unverändert weiter. Die medizinische, therapeutische und pflegerische Versorgung sei uneingeschränkt gesichert, teilte das Unternehmen mit. Der Standort Osnabrück mit seinen 445 Mitarbeitern sei selbstverständlich nicht von Schließung bedroht, versicherte Konzernsprecherin Simone Hoffmann.

Ein Insolvenzverfahren in Eigenregie gibt einem Unternehmen die Chance, aus eigener Kraft die Wende einzuleiten. Das Insolvenzrecht lässt dieses Verfahren zu, wenn ein Unternehmen lediglich zahlungsunfähig zu werden droht und die Sanierung erfolgversprechend ist.

Der Sanierungsbedarf ist entstanden, nachdem einzelne Standorte der Gruppe erhebliche Verluste geschrieben haben und dadurch die gesamte Klinikgruppe in finanzielle Schieflage geraten ist″, heißt es in der Mitteilung weiter. Die defizitären Einrichtungen sollen nun neu aufgestellt werden. Nach Gewerkschaftsangaben schreiben sieben der 17 Akutkrankenhäuser der Paracelsus-Gruppe aktuell rote Zahlen, darunter auch der Stammsitz in Osnabrück.

Die Rechtsanwälte und Sanierungsexperten Andreas Ziegenhagen und Daniel F. Fritz aus Frankfurt werden der Paracelsus-Geschäftsführung als Generalbevollmächtigte zur Seite gestellt. Ziegenhagen bewertete die Entscheidung über die Eigenverwaltung als starkes Signal″ des Gesellschafters. Wir sehen diesen Schritt als Chance. Eine Chance, die wir aus Verantwortung gegenüber den Patienten, den Mitarbeitern und auch aufgrund des Versorgungsauftrags, den die Paracelsus-Kliniken in ihren Regionen haben, nutzen werden″, so Ziegenhagen.

Der Betriebsrat trägt den Kurs mit: Wir werden den eingeschlagenen Weg in vollem Umfang und mit vollem Engagement unterstützen″, erklärte Gesamtbetriebsratsvorsitzende Sylvia Tausche.

Verdi-Sekretär Sven Bergelin wirft der Paracelsus-Führung schwere Versäumnisse vor. Der Insolvenzantrag sei das Ergebnis eines jahrelangen Missmanagements″ und der Ignoranz″ gegenüber Beschäftigten, die auf Fehlentwicklungen aufmerksam gemacht hätten. Dem Konzern bescheinigt Bergelin insgesamt eine positive Perspektive. Es gibt ja auch eine Menge Häuser, die gute schwarze Zahlen schreiben.″

Welch eine Nachricht drei Tage vor Weihnachten: Mitarbeiter der Paracelsus-Klinik reagierten gestern bestürzt auf die Meldung vom Insolvenzantrag. Wie ernst die Lage ist, können sie von ihrem Gehaltszettel für November ablesen.

Osnabrück. Die Beschäftigten erfuhren vom Insolvenzantrag gestern am frühen Nachmittag in einer außerordentlichen Betriebsversammlung. Die Sorge um den Arbeitsplatz ist seither mindestens so groß wie der Ärger über den Arbeitgeber. Wir sind stinksauer″, sagte eine langjährige Mitarbeiterin, die schon 2013 und 2014 auf Teile ihres Gehaltes verzichtete, um dem Unternehmen aus der Krise zu helfen. Es hat nichts genützt.

Schlimmer Tag″

Mancher wird geahnt haben, dass die aktuelle Krise schlimmere Ausmaße hat als die wirtschaftlichen Dellen der Vergangenheit. Denn schon seit dem Herbst verhandelte die Geschäftsführung mit der Gewerkschaft Verdi über eine Senkung der Personalkosten. Ziel war ein Verzicht auf das Weihnachtsgeld. Andernfalls drohten dem Konzern empfindliche Einschnitte″, teilte die Geschäftsführung den Beschäftigen Ende November schriftlich mit. Die Einschnitte sind nun da. Die knapp 5200 Konzern-Mitarbiter, darunter 445 in der Klinik am Natruper Holz und 70 in der Konzern-Zentrale, bekommen ihr Geld vorerst von der Arbeitsagentur als Insolvenzausfallgeld.

Das Weihnachtsgeld, das 55 Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens ausmacht und die meisten Beschäftigten fest im Budget eingeplant haben, entfällt. Schlimmer noch: Die Einkommensteuer auf das nicht gezahlte Weihnachtsgeld ist offenbar bereits einbehalten worden.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi macht Managementfehler für die Misere verantwortlich. Das ist für Patienten und Beschäftigte ein schlimmer Tag, der zeigt, welche Gefahren bestehen, wenn man das Gesundheitswesen als wichtigen Zweig der Daseinsvorsorge den Kapitalinteressen und Marktkräften überlässt. Für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist das insbesondere ein paar Tage vor Weihnachten eine unheilvolle Botschaft″, wird Sylvia Bühler, im Verdi-Bundesvorstand zuständig für das Gesundheitswesen, in einer Mitteilung zitiert.

Angebot der Stadt

Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat hätten immer wieder die Unternehmensstruktur kritisiert und auf die Gefahren hingewiesen. Das grundsätzliche Strukturproblem der zu großen Anzahl von Fachabteilungen in den Kliniken ist mehrfach auch in Sanierungsgutachten bestätigt worden″, so Bühler. Nach Verdi-Angaben ist es das erste Insolvenzverfahren eines privaten Klinik-Konzerns in Deutschland.

Oberbürgermeister Wolfgang Griesert sagte, die Meldung sei ein schwerer Schlag für die Beschäftigten. Er versprach, dass die Stadt alles, was in ihrer Macht stehe, tun werde, um den Paracelsus-Mitarbeitern eine Perspektive zu bieten″. Die Stadt, die über das Klinikum in vertraglichen Beziehungen zur Paracelsus-Klinik stehe, sei bereit, sich in den Sanierungsprozess einzubringen.

Griesert verhehlte nicht, dass die Zusammenarbeit mit der Paracelsus-Holding nicht immer einfach war. So gebe es bis heute keine Einigung über die Grundstücke, die sich im Besitz der Paracelsus-Gruppe befänden und die die Stadt für den Bau der nördlichen Entlastungsstraße zur Erschließung des Wissenschaftsparks benötige. Ein Verkauf der Grundstücke an die Stadt würde dem Paracelsus-Konzern finanzielle Entlastung verschaffen und der Stadt helfen, ein städtebauliches Problem zu lösen. Die Türen bleiben offen″, sagte Griesert.

Die beiden Restrukturierungsexperten Andreas Ziegenhagen und Daniel F. Fritz von der weltweit vernetzten Wirtschaftskanzlei Dentons werden die Geschäftsführung als Generalbevollmächtigte beraten. Ziel sei es, die Klinikgruppe durch eine nachhaltige Sanierung für die Herausforderungen des Gesundheitsmarktes aufzustellen und eine optimale Gesundheitsversorgung für Patienten sowie weiterhin gute, moderne und sichere Arbeitsplätze für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzubieten″, erklärte Ziegenhagen.

Strukturschwächen

Die Mutmaßung, die Paracelsus-Gruppe habe Liquiditätsprobleme, wiesen die Geschäftsführer Gero Skowronek und Michael Schlickum im November noch zurück. Der Konzern behaupte sich gut auf dem schwierigen Gesundheitsmarkt, hieß es. Allerdings benötige der Paracelsus-Konzern Mittel für Investitionen, die durch eine Senkung der Personalkosten frei werden sollten. Nach Gewerkschaftsangaben ist das Stammhaus in Osnabrück neben Karlsruhe eines der größten Sorgenkinder des Konzerns. Das Haus am Natruper Holz leide unter Strukturschwächen und zu hohen Kosten. Das Krankenhaus in Karlsruhe steht zum Verkauf.

Bildtext:
Schwere Zeiten: Der Paracelsus-Klinik-Konzern mit Hauptsitz am Natruper Holz hat Antrag auf Einleitung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverantwortung gestellt.

Foto:
Jörn Martens

Der Paracelsus-Konzern

Die Paracelsus-Kliniken GmbH & Co. KGaA betreibt nach eigenen Angaben 17 Akut-Krankenhäuser, 13 Reha-Kliniken und 9 ambulante Einrichtungen mit 5200 Beschäftigten. Die Kommanditgesellschaft auf Aktien ist eine Unternehmensform, die Strukturen einer Aktiengesellschaft und Kommanditgesellschaft verbindet. Eine KG auf Aktien hat keinen Vorstand, sondern einen persönlich haftenden Gesellschafter. Alleingesellschafter ist der Arzt Manfred Georg Krukemeyer. Die Standorte: Adorf, Bremen, Düsseldorf, Langenhagen, Helgoland, Hemer, Henstedt, Karlsruhe, Kassel, München, Reichenbach, Schöneck, Zwickau, Teufen (Schweiz), Speicher (Schweiz), Bad Elster, Bad Essen, Bad Gandersheim, Bad Münster am Stein, Scheidegg, Bad Suderode.

Kommentar:

Harte Therapie

Der Stammsitz des Paracelsus-Konzerns in Osnabrück sei nicht in Gefahr, heißt es aus dem Konzern. In der Tat, eine Schließung des Hauses am Natruper Holz ist nicht zu befürchten, es scheinen aber schmerzhafte Eingriffe unvermeidlich, die Arbeitsplätze kosten können.

Dass die Krankenhausfinanzierung in allen Bundesländern knapp und in Niedersachsen sogar zu knapp gehalten wird, ist keine Neuigkeit, sondern ein Skandal. Die Paracelsus-Misere hat aber auch einen großen Anteil hausgemachter Ursachen, vor allem im Haupthaus in Osnabrück. Die medizinische Leistungsfähigkeit der Klinik am Natruper Holz ist anerkannt hoch. So hoch wie die Zahl der Fachabteilungen und Chefärzte. Die hat nämlich ein Maß erreicht, das weit über den Standard von Häusern vergleichbarer Größe hinausgeht. Das Geschäftsmodell des Hauses Krukemeyer fußt auf einer einfachen Formel: Viele Chefärzte bringen viele Patienten. Im Prinzip funktioniert das auch, wie die Geschäftszahlen zeigen, aber die Erlöse sind nicht mit der steigenden Zahl der Behandlungen gestiegen.

Es steht eine harte Therapie bevor. Doch darin steckt auch die gute Nachricht in all dem Schlechten dieses Tages: Der Konzern ist sanierungsfähig.
Autor:
Wilfried Hinrichs


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