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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Höhlenforscher fühlen sich ausgebremst
 
Höhlen als touristischer Magnet
Zwischenüberschrift:
Gangsystem soll für Besucher geöffnet werden – Rechtsstreit und behördliche Bedenken
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Seit sechs Jahren macht sich der Verein Gertrudenberger Höhlen dafür stark, das unterirdische Gangsystem unter dem Bürgerpark für Besucher zu öffnen. Tourismusexperten sind überzeugt, dass die mehr als 700 Jahre alten Stollen eine große Anziehungskraft ausüben werden. Aber von der Stadt fühlen sich die Höhlenforscher stiefmütterlich behandelt, weil ihr Vorhaben immer wieder auf die lange Bank geschoben und von Bedenkenträgern blockiert werde. Wenn es nach dem Verein geht, soll es einen unterirdischen Konzertsaal, ein Bergbaumuseum und eine Gastronomie geben, eine Lichtshow auf den Felswänden, Wasserspiele und Oasen der Entspannung.

Der Verein Gertrudenberger Höhlen will aus dem jahrhundertealten Gangsystem eine Besucherattraktion machen. Tourismusexperten unterstützen das Vorhaben; Ideen für Events unter Tage gibt es schon, aber Rechtsstreitigkeiten und behördliche Bedenken lähmen den Tatendrang der Aktiven.

Osnabrück. Einen unterirdischen Konzertsaal kann sich Wilfried Kley im Gertrudenberger Loch vorstellen, ein Bergbaumuseum, eine Lichtshow auf den Felswänden, Wasserspiele und Oasen der Entspannung. Und als Vorgriff auf die künftige Höhlengastronomie präsentiert der Vorsitzende des Vereins schon einmal das Gertrudenberger Höhlenbier, gebraut vom Bäckermeister Klemens Brinker aus Georgsmarienhütte. Kastanienbraun und fröhlich auf der Zunge″, aber mild so hat es ein Sommelier beschrieben. Ein Gag, der an die Brauerei erinnert, die ihr Bier vor 150 Jahren in der kühlen Höhle lagerte.

Sicher vor Bomben

Der Verein ist fest entschlossen, das über 700 Jahre alte Gangsystem zu übernehmen, das einmal als unterirdischer Steinbruch angelegt wurde. Kley und seine Mitstreiter wollen mögliche Risiken für Mitglieder und Besucher mit einer Haftpflichtversicherung über 7, 5 Millionen Euro abdecken. So wurde es Ende Mai in einem Gespräch mit der Stadt festgelegt. Derzeit kann die Stadt allerdings nicht über die unterirdischen Gänge verfügen, obwohl ihr wesentliche Teile der Flächen darüber gehören.

Nach dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz (AKG) besitzt die Bundesrepublik Deutschland das Nutzungsrecht für die Hohlräume unter dem Gertrudenberg, weil die im Zweiten Weltkrieg für den Luftschutz hergerichtet worden sind. In dem Gangsystem waren damals bis zu 4000 Menschen sicher vor den Bombenabwürfen der Alliierten.

Weil die Höhlen seitdem regelmäßige Kosten verursachen, will sich der Bund seiner Verantwortung entledigen. Aus diesem Grund plante die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) die Verfüllung des gesamten Hohlraums mit einer Zementschlämme. Damit wäre das Kulturdenkmal Gertrudenberger Loch unwiederbringlich zerstört worden. Deshalb stellten sich Kleys Verein, die Landesdenkmalbehörde und die Stadt Osnabrück dagegen.

Ein Fall für die Gerichte

Der Streit um die Verantwortung für das Höhlensystem beschäftigt inzwischen die Gerichte. Vor der Zivilkammer des Landgerichts will die Stadt durchsetzen, dass die Bima eine Entschädigung für die Umbauten zahlt, die für den Luftschutz vorgenommen wurden. Parallell dazu laufen zwei Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, die von den beiden Miteigentümern der Stadt angestrengt wurden, dem Ameos-Klinikum und einem Zahnarzt.

Sie verlangen, dass der Bund seine Verantwortung für den unterirdischen Hohlraum auch in Zukunft wahrnimmt. Nach Informationen unserer Zeitung sollen die Klagen möglicherweise zusammengeführt und vor nur ein Gericht gebracht werden. Absehbar ist aber schon jetzt, dass der Rechtsstreit noch etliche Jahre in Anspruch nehmen kann.

Dem 73-jährigen Wilfried Kley und seinen Höhlenforschern läuft die Zeit davon. Vor sechs Jahren haben sie sich zu ihrem Verein zusammengeschlossen. Anfangs bekamen sie von der Bima noch einen Schlüssel, um das Gertrudenberger Loch zu erkunden. Das änderte sich, als die Oberfinanzdirektion nach einer Befahrung im Dezember 2012 ein ominöses Gutachten vorlegte, in dem das Höhlensystem als akut einsturzgefährdet beschrieben wurde. Blödsinn″, befand Kley schon damals, die Standfestigkeit des Gangsystems habe sich in vielen Jahrhunderten bestätigt.

Zu dieser Auffassung ist inzwischen auch das auf Bergbau spezialisierte Ingenieurbüro Taberg gelangt, das im Auftrag der Stadt die Hohlräume und das Deckgestein untersucht hat. Damit gebe es keinen Grund mehr, die Gertrudenberger Unterwelt weiterhin unter Verschluss zu halten, findet der Vereinsvorsitzende.

Gefahr von der Decke?

In der Stadtverwaltung gibt es jedoch Bedenken. Es bestehe zwar nicht die Gefahr eines Durchbruchs, sagt Dirk König, der Leiter des Fachbereichs Immobilien und Gebäudemanagement. Gleichwohl könnten sich Steine von der Decke lösen und Besucher gefährden. Wilfried Kley hält das für bürokratischen Perfektionismus. Lieber heute als morgen will er das Labyrinth für die Öffentlichkeit zugänglich machen.

Dass von den Höhlen eine große Anziehungskraft ausgehen könnte, glaubt auch Petra Rosenbach, die Geschäftsführerin der Osnabrück Tourismus und Marketing GmbH (OMT). So etwas fasziniere die Leute, gibt sie zu bedenken. In dieselbe Kerbe schlägt Hartmut Escher, der Geschäftsführer des Natur- und Geoparks Terra-Vita. Er beruft sich auf das riesengroße″ Interesse am deutlich kleineren Stollen im Silbersee. Wenn es unter die Erde gehe und wenn wie am Gertrudenberg Mythen und Sagen ins Spiel kämen, dann fühlten sich die Menschen magisch von solchen Orten angezogen.

Bildtexte:
Geheimisvolle Welt unter dem Gertrudenberg: Das Foto entstand, als der Verein der Höhlenforscher noch Zutritt zu dem unterirdischen Gangsystem bekam.

Mehr als ein Gag: Das Gertrudenberger Höhlenbier soll an die Brauerei erinnern, die es vor 150 Jahren auf dem Gertrudenberg gab. Das Foto zeigt von links Wilfried Kley, Klemens Brinker, Stefan Schlie und Peter Hölzen.

Fotos:
Andreas Stoltenberg, Michael Gründel

Kommentar:

Mehr Elan, bitte

Es gibt nicht viele Menschen in Osnabrück, die schon einmal unten waren. Unten im Gertrudenberg. Aber wer jemals Gelegenheit hatte, durch die Gänge zu streifen, erzählt mit leuchtenden Augen von seinem Ausflug in diese geheimnisvolle Welt. Weit und breit gibt es kein Höhlensystem, das eine solche Faszination ausstrahlt. Für den Tourismus wäre dieser Ort ein absoluter Clou. Schade, dass die Stadt dieses Thema ihren Bedenkenträgern überlässt. Mehr Elan würde der Sache guttun.

Sicher, es gibt noch viele Hindernisse wegzuräumen. Eine große Anzahl der unterirdischen Gänge ist verschüttet, es fehlt ein ebenerdiger Zugang, und wenn Besucher kommen sollen, müssen natürlich auch Toiletten und elektrische Beleuchtung installiert werden. Eine zähe Angelegenheit ist der Rechtsstreit mit der Bundesbehörde, die das ganze Höhlensystem noch vor Kurzem brutal mit einer Zementschlämme verfüllen also zerstören wollte.

Da ist es schon mal gut, dass die Stadt diesen Wahnsinn mit ihrem Gutachten gestoppt hat. Bleibt nur zu hoffen, dass sich der Verein Gertrudenberger Höhlen nicht so schnell entmutigen lässt.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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