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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
600 000 Euro für eine Militärbaracke?
 
600 000 Euro für Antikriegsbaracke?
Zwischenüberschrift:
Geschützter Rest des Kriegsgefangenenlagers ist „akut sanierungsbedürftig″
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Was wird aus der Baracke 35? Der letzten und unter Denkmalschutz stehenden Mannschaftsunterkunft in der ehemaligen Kaserne in Atter droht der Verfall. Der Eigenbetrieb Immobilien schätzt, dass 300 000 Euro nötig sind, um das Holzgebäude zu sichern. Weitere 300 000 Euro müssten investiert werden, um das historisch wertvolle Gebäude nutzbar zu machen. Die Baracke war Teil des Internierungslagers Eversheide, in dem während des Zweiten Weltkrieges über 5000 serbische Offiziere gefangen waren. Unter den Gefangenen waren etwa 400 jüdischen Glaubens, die ihre Riten weitgehend ungestört ausüben konnten, während Nazi-Deutschland europaweit die Juden tötete. Ein kleiner Verein hat sich zum Ziel gesetzt, aus der Antikriegsbaracke″ eine Bildungsstätte zu machen.

Der Erhalt der unter Denkmalschutz stehenden Militärbaracke 35 in Atter würde 600 000 Euro kosten. Macht die Politik das mit?

Osnabrück. Die Baracke 35 steht für eine historische Besonderheit und wurde daher vom Großreinemachen in der ehemaligen Kaserne an der Landwehrstraße in Atter ausgenommen. Sie ist die einzig sichtbare Erinnerung an das Internierungslager für serbische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg. Aber: Der Erhalt des etwa 80 Jahren alten Holzgebäudes ist teuer.

Der Eigenbetrieb Immobilien schätzt die Kosten für eine denkmalgerechte Sicherung der Gebäudesubstanz″ auf 300 000 Euro. Damit wäre nur der Erhalt gesichert. Um die Baracke dauerhaft etwa für Ausstellungen oder als Bildungsstätte nutzen zu können, wären noch einmal 300 000 nötig zusammen also 600 000 Euro.

Als Dirk König, Leiter des Eigenbetriebes Immobilien, die Zahlen den Mitgliedern des Finanzausschusses vorstellte, kamen Zweifel auf. Fritz Brickwedde (CDU) deutete an, dass von ihm wohl keine Zustimmung″ zu erwarten wäre, sollte diese Summe tatsächlich aufgerufen werden. Auch Thomas Thiele (FDP) kündigte an: Wenn das so kommen sollte, werde ich meine Hand nicht heben.″ Die Erinnerung an das Kriegsgefangenenlager sollte besser an anderer Stelle in der Stadt wachgehalten werden, da, wo mehr Leben ist″. Michael Hagedorn (Grüne) regte an, nach Förderprogrammen Ausschau zu halten und Stiftungen ins Boot zu holen. Jens Martin (SPD) äußerte die Hoffnung, dass wir einen Weg finden, die Baracke zu retten.″ Wulf-Siegmar Mierke (UWG) sieht gar keine Alternative: Die Baracke steht unter Denkmalschutz, aus der Nummer kommen wir gar nicht raus.″

Der Verein Antikriegsbaracke hat einen kleinen Teil des Gebäudes unentgeltlich bis 2026 gepachtet. Die Initiative Wohnen für Alle″, die in der ehemaligen Kaserne ein Gemeinschaftswohnprojekt verwirklichen will, hat nach Angaben der Verwaltung Interesse bekundet, den anderen Teil zu mieten.

Die Baracke sei in Teilen akut sanierungsbedürftig″, heißt es in den Unterlagen der Verwaltung. Bauteile und Farbanstriche seien mit Asbest und giftigen Kohlenwasserstoffen (PAK) verseucht, die Holzkonstruktion mit Salzen belastet. Laut Pachtvertrag obliegt es dem Verein Antikriegsbaracke, die verpachteten Räume baulich in Schuss zu halten. Der Verein ist dazu aber nach Einschätzung der Verwaltung personell und finanziell nicht in der Lage.

Petar Miloradovic, Sprecher der etwa 20 Vereinsmitglieder, ist überrascht von der hohen Summe. Man soll es nicht übertreiben. Wir wollen doch keine vergoldeten Türklinken haben″, sagt der Sohn eines früheren Kriegsgefangenen. Dem Verein sei es wichtig, die Erinnerung an dieses besondere Kapitel deutscher und Osnabrücker Geschichte wachzuhalten. Das müsse doch auch mit weniger Aufwand möglich sein. Vielleicht, so Miloradovics Verdacht, werde der Preis ja extra nach oben geschraubt, um das Projekt zum Scheitern zu bringen.

Von 1941 bis 1945 waren im Lager Oflag VIc Eversheide bis zu 5000 serbische Offiziere interniert, unter ihnen auch 400 Juden. Dass sie in der Gefangenschaft nahezu unbehelligt ihre Glaubensriten pflegen durften, gilt als Besonderheit in der Geschichte des Nationalsozialismus. Dieses Gefangenenlager bildete den Ursprung für die serbisch-orthodoxe Kirche, die in den 60er-Jahren an der Wersener Straße errichtet wurde. Die sterblichen Überreste von mehreren Hundert Lagerinsassen sind in der Krypta des Gotteshauses bestattet. Nach dem Krieg übernahm die britische Armee die Kaserne.

Die Initiative Antikriegsbaracke will dort eine Erinnerungsstätte und einen Lernort schaffen. Das Land Niedersachsen stellte schließlich die Baracke 35 unter Denkmalschutz, die damals nicht der Unterbringung von Gefangenen diente, sondern von Wachmannschaften. Die Baracke 35 mit 1850-Quadratmeter-Grundstück ist in Besitz der Stadt. Bilanzwert: 13 000 Euro.

Bildtext:
Baracke 35. Die letzte Baracke in der ehemaligen Kaserne an der Landwehrstraße steht unter Denkmalschutz. Eine Sanierung würde 600 000 Euro kosten.

Foto:
Gert Westdörp

Kommentar:

Verfallen

Für eine Baracke soll die Stadt 600 000 Euro lockermachen? Verständlich, dass sich bei Politikern die Nackenhaare sträuben. Es wäre aber fatal, jeden Gedanken an eine Erinnerungsstätte mit Blick auf die Kosten abzuwürgen. Denn die Baracke 35 steht für Ereignisse, die weit über Osnabrück hinaus bedeutsam sind.

Das Kriegsgefangenenlager Eversheide war im NS-Staat wohl der einzige Ort, an dem Juden noch 1944 weitgehend unbehelligt ihre Gottesdienste zelebrieren konnten. Allein die Erinnerung an den Lager-Rabbi Hermann Helfgott wäre es wert, einen Ort des Gedenkens zu schaffen. Dass viele der 5000 serbischen Lagerinsassen nach dem Krieg geblieben sind, hat maßgeblich zur Entwicklung der Stadt und des Stadtteils beigetragen.

Der kleine Verein, der die Erinnerung aufrechterhalten will, verdient Unterstützung. Mit gutem Willen dürfte es gelingen, lokale Partner für die Nutzung und überregionale für die Finanzierung zu finden. Diesen Ort europäischer Geschichte darf die Politik nicht (ver) fallen lassen.
Autor:
hin, rll


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