User Online: 1 | Timeout: 22:46Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Villa Schlikker wird Calmeyer-Haus
 
Museum für den Judenretter
Zwischenüberschrift:
Früheres Nazi-Hauptquartier Villa Schlikker wird Hans-Calmeyer-Haus
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Hans Calmeyer, größter deutscher Judenretter, soll in der Erinnerungskultur seiner Heimatstadt Osnabrück einen gebührenden Platz bekommen. Dazu wird die Villa Schlikker zum Hans-Calmeyer-Haus umgebaut.

Hans Calmeyer, größter deutscher Judenretter im Zweiten Weltkrieg, soll in der Erinnerungskultur seiner Heimatstadt Osnabrück endlich einen gebührenden Platz bekommen. Dazu wird im Museumsquartier die Villa Schlikker, einst Nazi-Zentrale, zum Hans-Calmeyer-Haus umgebaut.

Osnabrück. Das hat der Rat der Stadt Osnabrück am Dienstag einstimmig beschlossen. Und damit einen Schlussstrich gezogen unter eine jahrelange Debatte, die sowohl von privater wie politischer Hartnäckigkeit als auch von behördlicher Trägheit geprägt war.

Hans Calmeyer, 1903 in Osnabrück geboren und 1972 dort gestorben, hatte als NS- Rassereferent″ unter Hitler in den von Deutschland besetzten Niederlanden in Zweifelsfällen darüber zu entscheiden, ob jemand Jude war oder nicht. Dabei schreckte er trotz größter Gefahren auch vor bürokratischen Tricks und Schwindeleien nicht zurück. Ganz überwiegend bescheinigte er den Verfolgten eine unverdächtige Abstammung und bewahrte sie dadurch vor dem Abtransport in ein Vernichtungslager. Etwa 3000 Juden, wahrscheinlich bis zu 5000, rettete der Holocaust-Saboteur Calmeyer so das Leben. Weit mehr Menschen jedenfalls, als der Emaillewarenfabrikant Oskar Schindler mit seiner weltberühmten Liste.

Beispiel für Zivilcourage

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zählt den Osnabrücker deshalb seit 1992 zu den Gerechten unter den Völkern″. Jetzt will auch seine Heimatstadt, die ihm zwar 1995 posthum die Möser-Medaille verlieh, ansonsten aber nur einen Hans-Calmeyer-Platz und eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus Martinistraße 17 vorzuweisen hat, ihren dritten großen Sohn neben dem Maler Felix Nussbaum und dem Schriftsteller Erich Maria Remarque in einem größeren Rahmen würdigen.

Geschehen soll dies im Zuge einer kompletten, am Leitmotiv Frieden″ ausgerichteten Neukonzeption des Museumsquartiers mit seinen Bausteinen Nussbaum-Haus, Kulturgeschichtliches Museum, Akzisehaus und Villa Schlikker. Dass dabei ausgerechnet die frühere NSDAP-Zentrale zum Hans-Calmeyer-Haus ausgestaltet wird, ist kein Zufall. Schließlich lässt sich laut Verwaltungsvorlage am Beispiel des Osnabrücker Widerständlers lernen, wie auch in Zeiten der Unterdrückung Handlungsspielräume für Zivilcourage bleiben″. Für 2018 stellt die Stadt nun 30 000 Euro zur Verfügung, um den Umbau der Villa Schlikker zu planen. Weitere 20 000 Euro fließen in die inhaltliche Entwicklung. Einen Zeitpunkt, bis wann das Museum geschaffen sein soll, nennt der Ratsbeschluss nicht.

Dicke Bretter gebohrt

Größte Freude löste die Entscheidung pro Hans-Calmeyer-Haus beim CDU-Fraktionsvorsitzenden Fritz Brickwedde aus. Flankiert von der 1995 gegründeten Osnabrücker Hans-Calmeyer-Initiative (HCI), hatte er sich jahrelang dafür eingesetzt. Auch aus persönlicher Betroffenheit. Wie der 69-Jährige kürzlich der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung″ verriet, ermordeten und verbrannten die Nazis seine jüdische Tante woraufhin sich auch sein Onkel das Leben nahm. Unter diesen Vorzeichen hatte Brickweddes CDU dem Rat bereits 2014 einen (ebenfalls einstimmigen) Beschluss in der Calmeyer-Sache abgerungen. Doch die zuständigen Ämter kamen dem Auftrag, die Einrichtung eines eigenen Museums zu prüfen, nicht nach. 2015 wurde nachgefragt, 2016 noch einmal. Erst jetzt hatte das Werben Erfolg.

Junge Zielgruppe

Wir haben viele Anläufe unternommen, um für den bedeutendsten Rettungswiderständler der NS-Zeit einen Ort zu schaffen, in dem mit einer modernen interaktiven Ausstellung vor allem junge Menschen angesprochen werden″, stellte Brickwedde fest. Und gab zugleich die weitere Marschroute vor: Das Hans-Calmeyer-Haus soll nicht nur einen Osnabrücker würdigen, der unter Einsatz seines Lebens mehrere Tausend Juden gerettet hat, sondern auch ein drittmittelfinanziertes, deutsch-niederländisches Zukunftsprojekt werden.″

Aber wie könnte eine geeignete Dauerausstellung aussehen? Dazu sagte HCI-Vizevorsitzender Joachim Castan unserer Redaktion am Mittwoch: Wir haben schon konkrete Vorstellungen, wie aus der bislang unbeachteten Villa Schlikker mit dem Thema , Judenretter Calmeyer′ ein überregional attraktives Museum entstehen kann.″ Als Historiker und Filmemacher hat Castan selbst bereits drei Ausstellungen über Calmeyer gemacht. Sie waren im ganzen Bundesgebiet sowie in den Niederlanden zu sehen und hatten insgesamt 420 000 Besucher.

Bildtext:
Hans Calmeyer registrierte während des Zweiten Weltkriegs für die Nazis Juden in den Niederlanden. Tausenden rettete er dabei das Leben. Das Bild zeigt ihn um 1950.

Die Villa Schlikker am Heger-Tor-Wall, einst Nazi-Hauptquartier und heute Teil des Kulturgeschichtlichen Museums, wird dem Osnabrücker Judenretter Hans Calmeyer gewidmet.

Fotos:
Castan Filmkontor, NOZ-Archiv/ Michael Gründel
Autor:
sst


Anfang der Liste Ende der Liste