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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Zoo stiftet tote Bärin der Wissenschaft
 
Zoo gibt erschossene Bärin ins Museum
Zwischenüberschrift:
Seltener Mischling wird in Stuttgart wissenschaftlich untersucht und präpariert
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Die im März ausgebrochene und anschließend unter tragischen Umständen getötete Hybridbärin Tips aus dem Osnabrücker Zoo bleibt der Nachwelt erhalten. Der Kadaver des höchst seltenen Raubtiers werde der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, teilte der Zoo am Dienstag mit. Im staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart soll der erschossene Mischling aus Eisbär und Braunbär von Experten untersucht und ausgestopft werden. Die Forscher erhoffen sich anhand von Gewebe- und Fellproben sowie von Knochenbau-Analysen neue Erkenntnisse zur Entwicklungsgeschichte dieser besonderen Art. Eine öffentliche Ausstellung des Skeletts oder Präparats komme für den Zoo aber vorläufig nicht infrage, erst recht nicht in Osnabrück, hieß es. Zu viele Emotionen″ würden daran hängen.

Für die im März erschossene Hybridbärin Tips aus dem Osnabrücker Zoo gibt es ein Leben nach dem Tod. Das Tier mit dem großen Seltenheitswert wird dem staatlichen Naturkundemuseum in Stuttgart zur Verfügung gestellt.

Osnabrück. Wie der Zoo am Dienstag mitteilte, wird die weltweit einmalige weibliche Mischung aus Eisbärenvater und Braunbärenmutter dort wissenschaftlich untersucht und präpariert. Anhand von Gewebe- und Fellproben sowie Knochenbau-Analysen wollen die Forscher mehr über die Entwicklungsgeschichte dieser besonderen Tiere herausfinden. In freier Wildbahn wurden bislang nur wenige Hybridbären entdeckt . Es wird vermutet, dass ihre Entstehung unmittelbar mit dem Klimawandel zusammenhängt, weil schmelzende Polkappen und steigende Pegel eine Begegnung von Braunbären und Eisbärinnen (so die übliche Kombination) zur Paarungszeit begünstigen.

Tips hingegen verdankte ihre Existenz zunächst einmal einer rein menschlichen Fehlleistung: Wie ihr Zwillingsbruder Taps wurde sie 2004 am Schölerberg geboren, als der Zoo gerade dabei war, die gemeinsame Haltung unterschiedlicher Bärenarten aufzugeben. Fortan jedoch diente das cappuccinofarbene Geschwisterpaar als Symbol für globale Erwärmung und ihre natürlichen Folgen. Als Klimabotschafter″ brachten es Tips und Taps gar zu internationaler Bekanntheit: Ihre einmalige Geschichte ist inzwischen in wissenschaftlichen Standardwerken dokumentiert.

Am 11. März allerdings fand sie zumindest für Tips ein ebenso plötzliches wie tragisches Ende: Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle gelang der Hybridbärin der Ausbruch aus ihrem Gehege. Zum Schutz der Menschen vor Ort sah sich der Zoo daraufhin zum Abschuss des Raubtiers gezwungen. Und fror es anschließend bei minus 22 Grad Celsius in der Kühlzelle des benachbarten Museums am Schölerberg ein, um in Ruhe überlegen zu können, wie mit dem Kadaver zu verfahren sei.

Abdeckerei tabu

Zwei Dinge kamen dabei für die Verantwortlichen aber nicht infrage. Erstens: die tote Bärin wie grundsätzlich vorgeschrieben in einer Tierkörperbeseitigungsanlage zu entsorgen. Abdeckerei wollten wir nicht″, erklärte Zoodirektor Michael Böer. Zu sehr seien Mitarbeiter und Besucher emotional mit Tips verbunden. Zweites No-Go: die Tierleiche für Schauzwecke herzugeben und sie möglicherweise eines Tages im plastinierten Zustand in der Körperwelten-Ausstellung wiederzufinden, die 2018 ja bekanntlich auch in Osnabrück Station macht.

Blieb nach Ansicht des Zoos also nur der Ausweg, die Hybridbärin einer wissenschaftlichen Einrichtung zu überlassen. Die Wahl fiel schließlich auf das staatliche Naturkundemuseum in Stuttgart, wo den Angaben zufolge einige der fähigsten Präparatoren Europas arbeiten und wo Tips sich auch schon seit Anfang November befindet. Böer: Hier können Experten wichtige Proben nehmen und das Tier für die Nachwelt bewahren.″ Das, so glaubt der Zoodirektor, wäre auch in Tips′ Sinne″ gewesen. Thorsten Vaupel, der als Revierleiter der nordischen Tierwelt Kajanaland″ die Osnabrücker Hybridbären von klein auf kennt, pflichtete seinem Chef bei: So bleibt der Wert der Bärin über ihren Tod hinaus erhalten.″

Warum dieser insbesondere für die Forschung nahezu unermesslich sei, erläuterte Biologe Norbert Niedernostheide, Leiter des Museums am Schölerberg. Die Forschung zu den Mischlingsbären startet gerade erst. Deswegen ist es für die Wissenschaft so wichtig, Ergebnisse zu sammeln, zu vergleichen und zu erhalten.″ Proben seien bereits zur Analyse an das Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt gegangen, weitere weltweite Anfragen lägen vor. Wenn wir die Proben und das Skelett bewahren, können Wissenschaftler in 20, 40 oder 100 Jahren noch ganz andere Dinge herausfinden″, blickte Niedernostheide in die Zukunft.

Öffentlich ausgestellt werden sollen Präparat und Gerippe der Hybridbärin aber vorläufig nicht erst recht nicht in Osnabrück, geschweige denn im Zoo selbst. Das möchten wir auf keinen Fall, dafür ist das Thema viel zu sensibel″, stellte Zoopräsident Reinhard Sliwka klar. Langfristig sei es jedoch denkbar, dass die Bärin in einem Museum gezeigt werde, um die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels auf die Tierwelt″ zu illustrieren.

Bildtext:
Hybridbärin Tips aus dem Zoo Osnabrück wurde nach ihrem Ausbruch im März 2017 in Notwehr erschossen. Ihr toter Körper soll nun wissenschaftlichen und pädagogischen Zwecken dienen.

Foto:
Michael Gründel

Kommentar:

Tips′ Erbe

Evolution geschieht vor unseren Augen: Die Hybridbären Tips und Taps aus dem Zoo Osnabrück sind dafür das beste Beispiel. Gewiss wurden sie in Gefangenschaft gezeugt, und das sogar noch unbeabsichtigt. Doch mittlerweile gibt es diese äußerst seltenen Mischlinge aus Eisbär und Braunbär auch in der Wildbahn. Der Klimawandel macht es möglich. So halten die Raubtiere uns Menschen, die wir unentwegt durch Umweltverschmutzung zur Erderwärmung beitragen, gekonnt den Spiegel vor.

Es ist das bärenstarke Vermächtnis der im März unter tragischen Umständen getöteten Hybridbärin Tips, Homo sapiens als beherrschende Spezies auf diesem Planeten an seine ewige Verantwortung für die Natur zu erinnern. Der Zoo Osnabrück erweist sich deshalb mit seiner Entscheidung, den Kadaver seiner berühmtesten Klimabotschafterin der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen und für die Nachwelt präparieren zu lassen, als kluger Vollstrecker eines ungeschriebenen, aber tierisch guten Testaments.
Autor:
sst


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