User Online: 1 | Timeout: 18:19Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
"Sanieren soll heilen"
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
- Von Landeskonservator Dr. Roggenkamp

Der Rat der Stadt Osnabrück hat das oft diskutierte Verkehrskonzept für die Innenstadtsanierung beschlossen und damit die " Durchstoßung" des Herrenteichswalles. Die zahlenmäßige Mehrheit konnte dazu gefunden werden. Nach Mehrheitsbeschlüssen erhebt sich leicht der Eindruck, vorgebrachte Einwendungen und Gegenvorstellungen seien damit vom Tisch gefegt.
Den Verteidigern des Herrenteichswalls gegen Beeinträchtigungen und auch der Öffentlichkeit wird beschwichtigend versichert: " Wir haben keine Zerstörung des Herrenteichswalles vor; fünf Sechstel werden von der Maßnahme überhaupt nicht berührt!"
Altstadtsanierung soll sanieren, heilen. Hier begnügt sie sich, nicht zu zerstören, beschränkt sich auf Beeinträchtigungen. Daß aber Beeinträchtigungen der Zerstörung Vorschub leisten, wird leicht übersehen.
Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts war Osnabrücks Alt- und Neustadt von breiten Wassergräben, von Wällen und Grün umgeben zwischen Hasetor, Natruper Tor, Heger Tor, Schloßwall, Johannistor bis hin zum Herrenteichswall. Innerhalb jeden Straßenblocks lagen zusammenhängende Hausgärten. Diese zusammen mit den städtischen Grünanlagen füllten mehr als die Hälfte des Grundrisses aus.
Was ist geblieben? Wälle und Gräben wurden Zug um Zug eingeebnet und zusammen mit den Gärten dem Verkehr und der Rand- oder Hinterhofsbebauung überlassen. Von den sich über rund 3 000 m hinziehenden Wallanlagen konnte sich allein der rund 500 m lange Herrenteichswall in unsere Tage hinüberretten. Sein weiteres Schicksal aber ist abzusehen; auch er wird verschwinden.
Begonnen hat sein Leidensweg unversehens und ohne böse Vorahnung am Südende mit dem Bau der Herz-Jesu-Kirche um 1900. Für die damaligen Planer mußte es eine reizvolle Aufgabe gewesen sein, in bevorzugter Umgebung, bescheiden an das Ende des Walles gerückt, eine Kirche zu errichten. Und doch wurde seinerzeit der Keim gelegt zu weiterer Ausnutzung des nördlich anschließenden Geländes. 1910 folgte der Bau der Wittekind-Schule. Demnächst wird als nördlicher Nachbar ein im Bebauungsplan bereits zugestandenes 20geschossiges Hochhaus seinen eigenwilligen Akzent in die Grünanlagen setzen. Damit ist der Herrenteichswall der Länge nach weitgehend verbaut. Jetzt geht es in die Quere: Walldurchstoß und Hasebrücke. Interessant in dieser baulichen Abfolge längs des Walles ist, und zwar symptomatisch, das Kulturgefälle der Bauprogramme von Süden nach Norden: Kirche, Schule, Hochhaus, Verkehrsader.

Die Hase verrohren

Der wachsende Druck der ökonomischen Dynamik wird auf die Zukunft gesehen dermal einst die Hase verrohren, den Wall abtragen und beides überbauen wollen. 500 m Wallänge, Breite vom Wall und Hase ca. 60 m, das wären rund 30 000 qm, diese multipliziert mit dem Bodenpreis, das kann nicht ohne Anreiz für spätere Zeiten bleiben. Letzten Endes würde mit der Verwirklichung des Rechenexempels der Herrenteichswall nur den Weg aller Osnabrücker Wälle gehen, als Nachzügler.
Die Osnabrücker lieben ihren Herrenteichswall. Sie wollen ihn nicht zerstören. Über Liebe und guten Willen wird sich aber die technische Entwicklung hinwegsetzen, wie die Vergangenheit lehrt, wenn nicht in der augenblicklich entscheidenden Phase Einhalt geboten wird. Mit Hochhaus und Durchstoß wäre das Schicksal des Herrenteichswall besiegelt. Die verbleibenden bescheidenen Restbestände würden mit ernstlichem öffentlichen Interesse nicht mehr rechnen dürfen. Dieses sind die Motive, aus denen heraus zur Verteidigung dieser letzten " Bastion" aufgerufen werden muß, um unliebsamen Entwicklungstendenzen vorzubeugen. Was sollen gedankliche Ausgangspositionen der Planung sein: Die städtebaulichen Basiswerte, also das organisch Vorgegebene oder die fluktuierenden Prozesse, wie Verkehr und Wirtschaft?
Der Erschließung durch Verkehr und Wirtschaft steht das Planungsgebiet am Herrenteichswall als einer der städtebaulichen Höhepunkte Osnabrücks von Natur aus entgegen. Durch seine Lage befriedigt das Gelände mit Flußlauf, Hochpromenade und Grünanlagen ein sehr ernst zu nehmendes Interesse der Bürger. Jedermann weiß, daß für die Zukunft Grün und Wasser innerhalb einer Stadt die dringend notwendigen Ausgleichselemente humaner Umweltgestaltung werden. Hinzu kommt der kulturelle Anspruch der Situation aus historischer Sicht: östliche Begrenzung von Innenstadt und Dombezirk durch Stadtmauerreste, Hasefluß und Wallanlagen. Aus der historischen Entwicklung ist dieser Bezirk als Einheit zu respektieren. Abstriche gemäß der beschlossenen Planung verunklären die Grenzlage zwischen Außen- und Innenstadt und lassen das historische Erleben verblassen.
Wegen dieser gestalterischen und ortsgeschichtlichen Gegebenheiten muß dem Städteplaner daran gelegen sein, hiervon Teilgebiete nicht ohne Not aufzugeben. Diese Not ist nicht zu erkennen.
Vor Jahren stellte die Stadtverwaltung als Naturschutzbehörde Wall und Baumallee unter Schutz. Sie bewies damit ein öffentliches Interesse an der Gesamtumlage.
Noch vor zwei Jahren sah die Strukturanalyse und das Planungskonzept der Gesellschaft für Wohnungs- und Siedlungswesen eine mehrspurige Überquerung von Wall und Hase nicht vor. Der Herrenteichswall sei der einzige größere Grünbereich der Altstadt und zeichne sich besonders durch seine Blickbeziehung zur Dominsel aus und solle integrierter Bestandteil eines zusammenhängenden Grün- und Fußwegenetzes der Innenstadt werden. Also Aufwertung wird empfohlen in einem Gutachten, das " auf der Basis ausführlicher Bestandsaufnahmen, Analysen und Prognosen ein detailliertes Planungskonzept" entwickelt. Und auch das gesonderte Verkehrsgutachten wollte " im vollen Umfange die Planungskonzeption der GEWOS" berücksichtigen. Daß nunmehr nach kürzester Zeit ein derart entscheidender Eingriff wie " Durchstoßung" als Änderung des Planungskonzepts unabdingbar sein soll, ist nicht ersichtlich. Es kennzeichnet vielmehr das nachträgliche Projekt als eine in mancher Hinsicht wünschenswerte, letzten Endes aber vermeidbare Variante.
Laut Belastungsprognose des Verkehrsgutachtens wird für den Verkehr am Hasetor eine künftige Maximalbelastung von 53 000 Einheiten errechnet. Der Hasetorverkehr soll entlastet werden. Aber bedeutet es eine spürbare Entlastung, wenn an der Kreuzung Nonnenpfad und Karlsring nur 3 800 Einheiten über die Wallanlagen abgeleitet werden? Sind mit diesen 3 800 Verkehrseinheiten und der entsprechend schwachen Anbindung der Nordstadt, selbst die Bequemlichkeit der Bewohner der Dodesheide einbezogen, nicht zu teuer verkauft? Die Wallanlagen werden zerschnitten, an das ursprünglich stille Erholungsgebiet wird Verkehr und Geschäftigkeit herangezogen für einen Kostenaufwand von schätzungsweise 10 Millionen DM, die Folgelasten mit berücksichtigt. Eine historische und organische Weiterentwicklung und ein strenges Ordnungsprinzip als die übergeordneten Gesichtspunkte jeder Planung werden jedenfalls durch das 20geschossige Hochhaus und das Verkehrsband Nonnenpfad / Lohstraße in Frage gestellt.

Unzulänglichkeiten

Auch die bestechenden Perspektivzeichnungen helfen nicht über Unzulänglichkeiten hinweg. Die Höhenunterschiede im Gelände, die Kreuzung des Karlsringes, die starke Kurve in Weiterführung der Straße mit einer schräg über die Hase zu führenden Brücke, um überhaupt in die Lohstraße einmünden zu können, die Fußgängerbrücke in Höhe der Wallkrone über dem Verkehrsstrom, all das zusammen läßt sich im Bilde schwerlich darstellen.
Die durch äußere Umstände erzwungene Lösung bleibt eine Notlösung. Ohne Zweifel wurde die Planung mit großer Behutsamkeit im funktionellen Sektor durchdacht. Auch soll richtig sein, daß nach einer Reihe von Untersuchungen nur zwei Alternativenübrigblieben, von denen der Durchbruch durch den Herrenteichswall den Vorzug verdiene, wenn auch von einer zügigen, geschweige perfekten Verkehrsführung hier kaum gesprochen werden kann. Es bleibt einfach die Frage nach der unabdingbaren Notwendigkeit der so zäh verfolgten und formal unbefriedigenden Zwangslösung.
Wenn nun ein Ratsbeschluß die Frage nach der Notwendigkeit nicht mehr gelten lassen kann, so doch die nach der Dringlichkeit. Die Rang- und Reihenfolge der Sanierungsabschnitte wird im Hinblick auf die Finanzierungsmöglichkeit von ausschlaggebender Bedeutung werden. In Niedersachsen sind bereits rd. 25 Altstadtsanierungen und rd. 25 Dorferneuerungen als förderungswürdig seitens des Landes anerkannt. Für Osnabrück werden die Kosten bis zum 1. Abschnitt der Neubebauung auf rd. 200 Millionen DM veranschlagt. Dauer der Sanierung 10 bis 15 Jahre. Diese Größenordnung auf die elf Länder der Bundesrepublik übertragen, macht den Wettlauf der Städte   verständlich. Das Geld verheißende Städtebauförderungsgesetz   läßt seit Jahren auf sich warten und wenn es kommt, kann als   gewiß vorausgesetzt werden, daß nicht alle Sanierungswünsche   in Erfüllung gehen.


Anfang der Liste Ende der Liste