User Online: 1 | Timeout: 08:57Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Paracelsus-Kliniken brauchen Geld
 
Paracelsus-Kliniken brauchen Geld
Zwischenüberschrift:
Mitarbeiter sollten auf Weihnachtsgeld verzichten
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Wie steht es um den Konzern Paracelsus-Kliniken? Die Geschäftsführung forderte im Juli die Gewerkschaft Verdi auf, in Verhandlungen über einen Sanierungstarifvertrag einzutreten. Ziel war es, die Personalkosten zu senken.

Die 5200 Mitarbeiter des Paracelsus-Konzerns erhalten in diesen Tagen ihr Weihnachtsgeld. Das ist nicht selbstverständlich. Der Konzern wollte es einbehalten was die Frage aufwirft: Wie steht es um den privaten Klinik-Konzern?

Osnabrück. Die Geschäftsführung der Paracelsus-Kliniken Deutschland forderte im Juli die Gewerkschaft Verdi auf, in Verhandlungen über einen Sanierungstarifvertrag einzutreten. Ziel des privaten Krankenhaus-Unternehmens war es, die Personalkosten zu senken, unter anderem durch einen erneuten Verzicht der Beschäftigten auf das Weihnachtsgeld.

Verdi nahm die Gespräche auf, in der Hoffnung, damit Arbeitsplätze zu sichern″, wie Verdi-Verhandlungsführer Sven Bergelin unserer Redaktion sagte. Im Oktober ist nach seinen Angaben ein Ergebnis erzielt worden. Voraussetzung für das Entgegenkommen der Beschäftigten sei aber gewesen, dass die Klinik-Geschäftsführung ein schlüssiges Sanierungskonzept vorlege.

Das ist nach Gewerkschaftsangaben nicht geschehen. Die Tarifkommission lehnte deshalb Mitte Oktober das Verhandlungsergebnis ab und beharrte auf Auszahlung des Weihnachtsgeldes. Die Beschäftigten haben kein Vertrauen mehr in das Management. Sie wollen nicht länger auf ihr hart verdientes Geld verzichten, ohne zu wissen, welchen Plan der Konzern verfolgt und ob ihre Arbeitsplätze tatsächlich noch sicher sind″, wird Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler in einer Mitteilung zitiert.
Die Gewerkschaft sagt, sie habe schlechte Erfahrungen mit der Paracelsus-Gruppe gemacht. 2013 hatten die Beschäftigten einem Sanierungstarifvertrag zugestimmt und zwei Jahre auf Weihnachtsgeld und Teile des monatlichen Einkommens im Umfang von insgesamt zwölf Millionen Euro verzichtet. Die von der Klinikführung damals zugesagten Investitionen seien aber ausgeblieben, sagt Verdi-Funktionär Bergelin. Beispielhaft nennt er Sanierungs- und Neubaupläne für die Standorte München und Karlsruhe, die nicht realisiert worden seien. Es sei unanständig, dass ein in Trudeln geratenes Unternehmen sich nicht an Zusagen hält und die Beschäftigten trotzdem zur Kasse bittet″, so Verdi-Vorstand Bühler.

Ins Trudeln geraten? Das weisen die beiden Geschäftsführer Gero Skowronek und Michael Schlickum nachdrücklich zurück. Der Paracelsus-Konzern sei solide aufgestellt und keineswegs sanierungsbedürftig. Die Bezeichnung Sanierungstarifvertrag″ habe die Gewerkschaft gewählt. Der Konzern behaupte sich nach wie vor gut auf dem schwierigen Gesundheitsmarkt, so die Geschäftsführer.

Verkauf in Karlsruhe

Allerdings benötige der Paracelsus-Konzern Mittel für Investitionen, die unter anderem durch eine Senkung der Personalkosten frei werden sollten. Das sei am Widerstand der Gewerkschaft gescheitert. Investitionen im Umfang von 30 Millionen Euro plane das Unternehmen unter anderem an den Standorten Kassel, Düsseldorf und Bad Gandersheim. Außerdem solle die IT-Infrastruktur ausgebaut und die Telemedizin vorangetrieben werden.

Finanziellen Spielraum will sich der Konzern offenbar auch durch den Verkauf der Klinik in Karlsruhe verschaffen, wie die Badischen Neuesten Nachrichten″ berichten. Die Karlsruher Paracelsus-Klinik, die nach einem Skandal um verunreinigtes OP-Besteck 2015 einen Einbruch der Patientenzahlen erlebte, ist nach Gewerkschaftsangaben das größte Sorgenkind in der Paracelsus-Gruppe neben Osnabrück. Der Stammsitz am Natruper Holz leide an strukturellen Probleme, wie Verdi-Mann Bergelin sagt. Es gebe zu viele Fachabteilungen mit teuren Chefärzten an der Spitze.

Die Paracelsus-Geschäftsführung will diese Diagnose des Gewerkschafters nicht kommentieren. Auch zur wirtschaftlichen Lage des Stammhauses wollen sich Schlickum und Skowronek nicht konkret äußern. Nur so viel: Es gebe Probleme in der Neurochirurgie. Die 2014 auf Druck des Sozialministeriums vereinbarte Kooperation mit dem städtischen Klinikum und dem Marienhospital funktioniere nicht in der vertraglich vereinbarten Form. Wir halten die Versorgungsstrukturen vor, aber das Klinikum hält sich nicht an die Vereinbarung.″ Es werde intensiv verhandelt, so Schlickum. Wie es heißt, bereitet der Para-Konzern bereits eine Klage gegen das Klinikum vor. Skowronek sagt dazu: Wir befinden uns noch in einem vorgerichtlichen Klärungsprozess.″

Im Minus

Die Paracelsus-Kliniken Deutschland GmbH & Co. KGaA mit Sitz in Osnabrück betreibt nach eigenen Angaben 17 Akut-Krankenhäuser, 13 Reha-Kliniken und elf ambulante Einrichtungen. Die Badische Neuesten Nachrichten″ berichteten unter Berufung auf Gewerkschaftsangaben, dass sieben Akut-Krankenhäuser aktuell rote Zahlen schreiben. Wie es aus informierten Kreisen heißt, steuert der Konzern in diesem Jahr auf ein Minus von drei Millionen Euro zu bei einem Gesamtumsatz von etwa 450 Millionen Euro.

Die Geschäftsführer wollen diese Zahlen weder bestätigen noch dementieren. Die jüngste, im Bundesanzeiger veröffentlichte Bilanz weist für 2015 in der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit ein kleines Minus von 351 000 Euro aus. Durch einen Einmaleffekt (eine Ausschüttung der Klinik Reichenbach) steht unterm Strich ein Jahresüberschuss von 4, 8 Millionen Euro. In den Erklärungen wird angedeutet, wo die Probleme liegen: Trotz steigender Patientenzahlen und wachsender Umsätze werden die Renditeziele nicht erreicht. Einer der Gründe: hohe Personalkosten.

Bildtext:
Die Paracelsus-Klinik am Natruper Holz: Keimzelle des Konzerns und nach Gewerkschaftsangaben eines der größten Sorgenkinder.

Foto:
David Ebener

Kommentar:

Wenig Kontinuität und Vertrauen

Ein privater Krankenhausbetreiber muss Rendite und Investitionen aus eigener Kraft erwirtschaften. Er kann nicht wie ein kommunales Klinikum im Notfall auf den Steuerzahler zurückgreifen. Der Paracelsus-Gründer beweist seit 50 Jahren, dass privates Unternehmertum im Gesundheitssektor mit guter Arbeit und kluger Strategie sehr erfolgreich sein kann. Aber bleibt das auch so? Es gibt Zahlen und Indizien, die drauf hindeuten, dass die Bedenken der Gewerkschaft nicht aus der Luft gegriffen sind.

Der Paracelsus-Konzern steht nun nicht am Abgrund. Drei Millionen Euro Fehlbetrag in einem Konzern, der über 450 Millionen Euro umsetzt: Sollten sich die Zahlen bestätigen, ist das nicht schön, aber kein Grund zur Panik sondern Anlass zum Nachdenken und Umsteuern.

Letzteres ist allerdings nicht leicht. Denn wer sich als Privatunternehmer auf dem regulierten Gesundheitsmarkt bewegt, begibt sich in die Abhängigkeit der Politik, die die finanziellen Rahmenbedingungen diktiert und gelegentlich, je nach Mehrheit, von heute auf morgen ändert. Langfristige Investitionsplanungen sind da immer mit einem politischen Risikofaktor behaftet.

Im Hause Paracelsus kommt noch etwas hinzu: Die durchschnittliche Verweildauer von Verwaltungsleitern in Paracelsus-Krankenhäusern liegt nach Gewerkschaftsangaben bei nur 13 Monaten. Ein hausgemachtes Problem. Denn wie sollen bei so großer Fluktuation Kontinuität und Vertrauen entstehen?
Autor:
hin


Anfang der Liste Ende der Liste