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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Schnaps aus der Ruine
Zwischenüberschrift:
Die Gosling-Fabrik am Neumarkt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Mit dem Namen Gosling dürfte heutzutage eine Mehrheit der Osnabrücker den kanadischen Schauspieler Ryan Gosling verbinden. Früher war das anders. Da stand Gosling für eine Palette beliebter geistiger Getränke. Die Produktionsstätte am Neumarkt war allerdings keine Zier.

Osnabrück. Wann verschwindet denn endlich die Gosling′sche Ruine am Neumarkt?″, war eine häufig gestellte Frage im Osnabrück der 1950er-Jahre.

In den Wirtschaftswunderjahren hatte sich die Stadt an vielen Stellen modern und repräsentativ herausgeputzt, so etwa mit dem Kaufhaus Merkur, dem Post-Neubau und der gegenüberliegenden Stadtsparkasse an der Wittekindstraße oder mit Kreishaus, DGB-Haus und Industrie- und Handelskammer am Neuen Graben. Nur Osnabrücks Stadtmittelpunkt und Verkehrsknoten Nummer eins, der Neumarkt, glänzte″ mit eingeschossigen Behelfsbauten, Parkflächen auf abgeräumten Trümmergrundstücken und eben der Gosling-Ruine.

Streng genommen war es aber gar keine Ruine, sondern ein produzierender Wirtschaftsbetrieb. Kurz vor Kriegsende, im März 1945, war er zu 85 Prozent zerstört und danach nur in für den Betriebsablauf unabdingbaren Teilen repariert worden. Dabei hatte man keinerlei Wert auf ein ansprechendes Äußeres gelegt, sondern die grob geflickte und mit Kriegsnarben übersäte Fassade so belassen, wie sie eben war. Die Mittel und die Gesinnung, ein Architekturzeugnis des 19. Jahrhunderts denkmalpflegerisch zu konservieren, hatte man 1962 nicht. Dies wohl auch vor dem Hintergrund, dass seit 1946 schon Auslagerungspläne verfolgt wurden.

Der Gosling-Komplex erinnert mit den Krangiebeln ein wenig an die Lagergebäude der Hamburger Speicherstadt. Durch die tiefen Ladetore wurden Getreide als Ausgangsprodukt der Branntweinherstellung und andere Sackware in die oberen Gebäudeebenen verfrachtet. Der Schornstein verrät, dass eine Dampfmaschine die Energie zum Schroten des Korns lieferte.

Zu beiden Seiten der Schnapsfabrik stehen eingeschossige Nachkriegsbauten, die mit geringem Aufwand auf den Fundamenten der kriegszerstörten Vorgängergebäude errichtet wurden. Sie bestanden meist aus Ziegelsteinen in Zweitverwendung, die man von alten Mörtelresten befreit hatte. Vorne ist es die Gaststätte Ellerbrake, weiter hinten schlossen sich das Radiogeschäft W. Brüggen, der Zigarrenladen Krüger & Oberbeck, Piano Bössmann, Elles-Blusen, die Drogerie Smits und die Stadtschänke″ an. Das heute so heftig geschmähte grüne Kachelhaus an der Ecke zur Johannisstraße entstand erst 1966.

Bei der Datierung des alten Fotos hilft mal wieder der ÖPNV: Die Straßenbahnschienen sind bereits entfernt, nach November 1958 fuhr keine Bahn mehr über den Neuen Graben. Die Oberleitungen für den Obusverkehr sind schon gespannt, der abgebildete Eineinhalbdecker-Bus ist aber wohl ein Diesel-Bus. Das Foto muss also zwischen Ende 1958 und Ende 1962, dem Beginn des Gosling-Abbruchs, entstanden sein.

Der Name Gösling/ Gosling hatte in Osnabrück einen guten Klang, nicht nur bei den Freunden des eisgekühlten Alten Gosling′schen″, des Excelsior″ oder der Hausmarke″. Seit dem 17. Jahrhundert produziert und handelt die Patrizierfamilie in Osnabrück, anfangs mit Salz und Tuch, Seife und Ziegelsteinen. Seit 1821 brennt Bernhard Gosling (1772–1829) in der Großen Straße 55 Schnaps und mischt Liköre, alles unter sehr beengten Verhältnissen.

Nach dem Tod des Vaters erwirbt Sohn Carl Gosling (1798–1876) den Schele′schen Adelshof am Neumarkt und verlegt den Betrieb dorthin. Nun ist endlich Platz für ein großes Fasslager. Denn die Feinkornmarke Excelsior″ muss mindestens fünf Jahre auf Holzfässern reifen. Ein Außenlager an kuriosem Ort kann aufgelöst werden, nämlich das im Keller des alten Ratsgymnasiums am Domhof. Über die Art der Sicherungssysteme zwischen Schulräumen und Schnapslager ist nichts überliefert.

Am Neuen Graben finden nun auch umfangreiche Stallungen Platz. Man hält stets 50 bis 60 Rinder, die die beim Brand anfallende Schlempe mit Genuss verzehren. Milch- und Schinkenverkauf ergänzen dadurch das Sortiment. Aufgeschlossen gegenüber der neuen Technik, installiert Carl Gosling eine der ersten Dampfmaschinen in Osnabrück. Anfangs soll sie nur den für die Destillation benötigten Roggen schroten, später wird ein allgemeiner Mühlenbetrieb als weiterer Geschäftszweig daraus.

Die Balanciermaschine, die bei Gosling von 1850 bis 1878 im Einsatz war, stand lange Jahre als Industriedenkmal vor dem Museum am Heger-Tor-Wall. Jetzt ist sie im Museum Industriekultur zu bewundern.

Bei Kriegsende fielen Plünderer in die von Bomben zerstörten Betriebsräume zwischen Neuem Graben und Seminarstraße ein. Britische Soldaten hatten in die Tanks geschossen. Beim Versuch, das Hochprozentige aufzufangen, kam es zu einer Explosion. Mehrere Plünderer erlagen ihren Brandverletzungen.

Seit 1958 stand fest, dass der Betrieb verlegt wird. Die Inhaber ließen eine neue Fabrikationsstätte an der Hannoverschen Straße 45, Ecke Großer Fledderweg, bauen, dort, wo heute das Schnellrestaurant McDonald′s steht. Am 15. November 1962 lief dort die Produktion an. Gleichzeitig begann der Abriss der Ruine am Neumarkt. Über die Sprengung des 37 Meter hohen Schornsteins am 12. Januar 1963 berichtete die Nordschau″ des regionalen Fernsehens.

Bildtext:
Optischer Anker beim Vergleich gestern heute″ ist das Justizgebäude am Neumarkt links im Bildhintergrund, das seit 1878 die südöstliche Platzkante des Neumarkts bildet. Alle anderen Gebäude sind neuer.

Industrie am Neumarkt: Bis 1962 brannte die Firma Gosling dort Schnaps, wo später das Kaufhaus Hertie entstand. Zu beiden Seiten der nach dem Krieg nur behelfsmäßig zusammengeflickten Fabrik herrschen noch eingeschossige Notbauten vor. Das um 1960 entstandene Foto ist mit freundlicher Genehmigung dem Buch Osnabrück 1949 bis 1979″ von Matthias Rickling, Sutton-Verlag 2013, entnommen.

Foto:
Gert Westdörp
Autor:
Joachim Dierks


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