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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Zugeschüttete Vergangenheit
Zwischenüberschrift:
Grundmauern der Synagoge wurden nur für kurze Zeit freigelegt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Die Synagogengemeinde plante 1949 einen Wohnkomplex zwischen dem bestehenden Regierungsgebäude (links) und dem jüdischen Gemeindehaus (rechts, 1968 abgerissen). Diese Planung wurde nicht ausgeführt. Repro einer Zeichnung des Architekten Kissing BDB, Bauordnungsamt, Hausakte 26530 zu Rolandstr. 3.

Am 9. November 1938 brannte die Osnabrücker Synagoge. Die von der SA angezettelte Brandstiftung während der Pogromnacht vor 79 Jahren nutzte die Stadt, um die Ruine anschließend ganz schnell abzureißen. Die Erinnerung an die jüdische Gemeinde sollte ausgelöscht werden.

Osnabrück. Im Wege einer fragwürdigen Zwangsversteigerung und eines Grundstückstauschs kamen erst die Stadtsparkasse und danach die Regierung 1939 in den Besitz des Synagogengrundstücks Rolandstraße 3 und des Schulgebäudes und - grundstücks Rolandstraße 5. Hintergrund war, der Regierung Platz für einen Erweiterungsbau zu verschaffen. Dazu kam es infolge des Kriegs aber nicht. Sogar das Gebäude der jüdischen Schule ließ man stehen und nutzte es unter anderem für Dienststellen der Kriegsgräberfürsorge und der Hitlerjugend.

Im August 1945 wurde mit Unterstützung der britischen Besatzungsmacht ein ehemaliger Klassenraum in der Rolandstraße 5 als provisorische Synagoge eingeweiht für die wenigen Holocaust-Überlebenden, die nach Osnabrück zurückgekehrt waren.

Rückerstattung

Die Synagogengemeinde stellte 1949 einen Rückerstattungsantrag für die gesamte Liegenschaft, der nach komplizierten Verhandlungen 1952 Erfolg hatte. Sie plante, zwischen Regierung und ehemaliger Schule einen Wohnblock mit 23 Wohnungen zu errichten. Fundamente und Kellergeschoss waren schon fertiggestellt, als die Regierung mit städtebaulichen Argumenten den Bau ausbremste. Nach Ansicht des Historikers Michael Gander hatte sie dabei im Hinterkopf, einen Anbau an die Regierung auf dem Synagogengrundstück doch noch durchzusetzen. Sie nutzte Differenzen zwischen der Jüdischen Treuhandgesellschaft und der jüdischen Gemeinde Osnabrück geschickt aus, um einen Teil des Synagogengrundstücks 1953 zum zweiten Mal und diesmal rechtssicher zu erwerben und 1956 darauf den schon lange beabsichtigten Erweiterungsbau zu verwirklichen.

Die jüdische Gemeinde beerdigte ihre Wohnbaupläne im wahrsten Sinn des Wortes: Sie ließ die begonnenen Kellergeschosse wieder zuschütten. Ihr war ein Ersatzgrundstück angeboten worden. Sie verkaufte auch das restliche wiedererlangte Eigentum an der Rolandstraße an das Land Niedersachsen, um an der Straße In der Barlage eine neue Synagoge errichten zu können. Das Land hatte keine Verwendung für das Schulgebäude. Denkmalpflegerische Bedenken wurden nicht erhoben, und so trat 1968 der Abrissbagger in Aktion. Die Flächen, auf denen ehemals der westliche Teil der Synagoge und die Jüdische Schule standen, wurden dem Parkplatz hinter dem Regierungsgebäude zugeschlagen. Mit einer Ausnahme: Zwischen 1949 und 1969 existierte eine kleine Gedenkanlage auf dem Synagogenstandort, bestehend aus einer mittleren Stele mit einer Texttafel und zwei nebenstehenden Bronzetafeln, die die zerstörte Synagoge zeigten. Mit der Fertigstellung der neuen Synagoge zog die Gedenkanlage nach dorthin um.

Zum 40. Jahrestag der Pogromnacht wurde 1978 der östliche Abschnitt der Rolandstraße in Alte-Synagogen-Straße″ umbenannt. Am Erweiterungsbau des Regierungsgebäudes fanden drei Gedenktafeln einen neuen Platz. Die Textfassung und der Ort der Tafeln am Gebäude der Täter″ stießen im Laufe der Jahre auf zunehmende Kritik.

50 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge reiften 1988 Pläne für einen neuen, würdigeren Ort des Gedenkens. Auf Antrag der Grünen nahm die Stadt Gespräche mit der Bezirksregierung Weser-Ems auf mit dem Ziel, die Grundmauern der Synagoge freizulegen und sie in einen Gedenkort einzubeziehen. Die Grundmauern wurden im Sommer 1990 ergraben. Das Staatshochbauamt fertigte 1991 einen Entwurf für ein Gebäude, das in Erd- und Untergeschoss eine Gedenkstätte Alte Synagoge″ vorsah. Das Erdgeschoss sollte einen Vortragssaal mit 100 Plätzen erhalten. Vor dem Saal sollte von einer Brüstung aus der Blick auf die Mauerreste gehen. Auf dem Kellerniveau sollten zwischen den Grundmauern Ausstellungsflächen für eine Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Osnabrück geschaffen werden. Nach den Vorstellungen der Stadt sollte das Land als Grundstückseigentümer die Kosten für Bau, Ausstattung und Unterhalt übernehmen. Bei der Stadt verbliebe die organisatorische und inhaltliche Trägerschaft der Einrichtung, die sie an die Felix–Nussbaum-Gesellschaft und das Museum delegieren wollte. Über den Hagenpattgang, der unmittelbar bei der Gedenkstätte auf die Alte-Synagogen-Straße mündet, wäre eine unmittelbare Verbindung zum geplanten Felix-Nussbaum-Haus des Museums gegeben.

Nach längerem Hin und Her erteilte die Landesregierung den Plänen schließlich eine Absage. Die damalige Grünen-Ratsfrau und Mitgründerin der Nussbaum-Gesellschaft Lioba Meyer ist bis heute darüber verärgert. Michael Gander vermutet, dass die Absage in dem Moment unabwendbar wurde, als die Bezirksregierung keinen Bedarf mehr für Erweiterungsflächen sah, die für die Geschosse oberhalb der Gedenkstätte vorgesehen waren. Die Grundmauern wurden wieder beerdigt und überpflastert.

Als Ersatzlösung entstand im Jahr 2004 in einer Gemeinschaftsaktion von Berufsschülern und Auszubildenden auf der Grundstücksgrenze das zum Bürgersteig der Alte-Synagogen-Straße hin orientierte heutige Mahnmal, an dem auch morgen wieder eine Kranzniederlegung zum Gedenken an den 9. November 1938 stattfindet.

Bildtext:
Die restlichen Grundmauern der Synagoge, soweit sie nicht bereits vom Regierungsanbau überbaut waren, hatte man 1990 freigelegt mit dem Ziel, sie in eine Gedenkstätte einzubeziehen.

Pflaster des Parkplatzes für die Polizeidirektion bedeckt heute die Grundflächen der Synagoge (vorne) und der Jüdischen Schule (hinten). Der Erinnerungsort für die Synagoge ist vom alten Grundstück verdrängt und auf den Gehsteig der Alten Synagogenstraße, rechts hinter den Gabionen, ausgelagert worden.

Foto:
Gert Westdörp, Archiv NOZ; Foto: Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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