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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Zu schlecht bezahlt: Uni-Dozent wirft hin
 
Hartz IV trotz Lehrauftrags
Zwischenüberschrift:
1000 Euro für drei Monate Arbeit: Ein Osnabrücker Uni-Dozent gibt auf
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Mit großem Einsatz hat Alexander Wiehart (54) den Studenten an der Uni Osnabrück politische Theorie vermittelt. Jetzt gab der Doktor der Philosophie auf, weil er von seiner Arbeit als Lehrbeauftragter nicht leben kann.

Seine Seminare waren beliebt, er arbeitete gerne mit Studenten. Trotzdem hat Alexander Wiehart seinen Lehrauftrag an der Uni Osnabrück jetzt an den Nagel gehängt. Denn zuletzt bekam der Freiberufler für sein Seminar zur politischen Theorie gerade einmal 1000 Euro. Und damit steht er nicht alleine da.

Osnabrück. Was Franz Kafka und Immanuel Kant mit aktuellen Spielfilmen wie Blade Runner 2049″ oder Superman vs Batman″ zu tun haben? Alexander Wiehart kann es erklären. Und noch im vorigen Wintersemester hat er es an der Uni Osnabrück getan. Mit seinen Studenten versuchte der promovierte Philosoph, politische Theorie auf Blockbuster und Serien anzuwenden. Damit ist jetzt Schluss, Wiehart hat seine Tätigkeit als Lehrbeauftragter beendet. Der Grund: die schlechte Bezahlung seiner Arbeit.

Lehrauftrag ist Freiberuf

Anders als Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter bieten Lehrbeauftragte ihre Tätigkeit freiberuflich an. Entlohnt werden sie dafür laut Richtlinie der Universität Osnabrück mit einem Stundensatz von bis zu 37 Euro. Angerechnet wird nur die Zeit im Hörsaal. Bei Wiehart waren es im Wintersemester 2016/ 17 28 Einzelstunden à 35 Euro. Er hielt sie in zwei Blöcken ab und bekam dafür insgesamt 980 Euro plus 200 Euro Reisekosten. Viel zu wenig, befand der Dozent und teilte seine Unzufriedenheit in einer E-Mail mit seinen Studenten: Wer seinen Lehrauftrag ernst nimmt, wird dafür mindestens drei Monate Arbeit aufwenden müssen. [. . .] Selbst wer äußerst sparsam lebt, muss mindestens zwei davon selbst finanzieren. [. . .] Von den Lehrbeauftragten wird faktisch verlangt, mindestens 2000 Euro einzusetzen.″

Zuschussgeschäft Lehre

Auf seinen Arbeitsaufwand angesprochen, erklärt Alexander Wiehart, warum Universitätslehre für ihn ein Zuschussgeschäft ist: Politische Theorie ist nicht leicht vermittelbar. Wenn man sie studierendenfreundlich aufbereiten will, muss man Zeit investieren.″ Konkret bedeute das, sich einzulesen, Literatur auszuwählen, Referats- und Hausarbeitsthemen anzubieten. Für jedes Seminar wählte Wiehart Filmszenen aus, um sie mit den Studenten zu analysieren. Im Anschluss betreute er bis zu zehn Hausarbeiten.

Insgesamt, schätzt Wiehart, würde ihn das bei einer 35-Stunden-Woche drei Monate Zeit kosten. Tatsächlich, so sagt er, arbeitet er eher 60 bis 70 Stunden, und häufig auch am Wochenende. Sonst könne er von Lehraufträgen wie an der Uni Osnabrück oder an der Hochschule für bildende Künste in Dresden nicht leben. Daneben arbeitet Wiehart von Berlin aus als Erwachsenenbildner, Redner und Kurator. Und trotzdem reichten seine Einkünfte manchmal nur, um das Arbeitslosengeld aufzustocken.

Dass die Lehrbeauftragten von den Honoraren der Hochschulen ihren Lebenunterhalt bestreiten, ist eigentlich nicht im Sinne des Konzepts. Ursprünglich handelte es sich um Jobs für Musiker, Ärzte oder Architekten, die externe Expertise in die Studiengänge einbringen oder helfen sollten, hohe Studierendenzahlen in den Griff zu bekommen″, sagt Sabine Kiel von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Dass dieses Ideal längst nicht mehr der Realität entspricht, zeigt die Antwort der niedersächsischen Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP. Demnach hat die Universität Osnabrück im Sommersemester 2016 319 Lehraufträge vergeben. Spitzenreiter der Statistik ist die Universität Hannover, die insgesamt auf 1005 Lehraufträge kommt.

6200 Lehrbeauftragte

Ein Lehrauftrag kann dabei unterschiedlich viele Veranstaltungen beinhalten, die wiederum unterschiedlich viele Stunden umfassen. Die Hochschule Osnabrück rechnet nach Auskunft der Regierung gar nicht in Lehraufträgen, sondern nur in einzelnen Stunden. Insgesamt gab es 2016 laut Statistischem Bundesamt rund 6200 Lehrbeauftragte in Niedersachsen und nur halb so viele Professoren. Sabine Kiel sieht diesen Zustand insbesondere vor dem Hintergrund der schlechten Bezahlung kritisch: Wenn Lehrbeauftragte zu umfangreich eingesetzt werden, mindert das die Qualität der Studiengänge, weil dann einfach nur noch abgearbeitet wird.″ Ihre Gewerkschaft setzt sich dafür ein, dass die Hochschulen mehr Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter fest einstellen. Gleichzeitig wünscht sie sich, dass ihnen von Land, Bund und EU mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden, um auch die Lehrbeauftragten vernünftig zu bezahlen. Insbesondere in den Geisteswissenschaften bestehe sonst die Gefahr, dass externe Dozenten ausgenutzt würden.

Auch die Universität Osnabrück weiß um das Problem. Auf Anfrage teilte Sprecher Utz Lederbogen mit: Es ist allgemein bekannt, dass die Sätze für Lehrbeauftragte zu gering sind. Die Bezahlung wird natürlich auch an unserer Universität diskutiert.″ Die Möglichkeit, ganz auf die Tätigkeit der Lehrbeauftragten zu verzichten, bezeichnete er als formal: In der Realität würde die Qualität der Studiengänge leiden, da gerade die angewandten, berufsorientierten Veranstaltungen von Lehrbeauftragten übernommen werden.″

Wenig Jobperspektiven

Alexander Wiehart war seinerseits bisher auf die Honorare der Universität angewiesen. Als Philosoph hat man nicht so viele Jobperspektiven″, formuliert er vorsichtig. Gerade jüngere Kollegen würden wohl hoffen, durch die freiberufliche Tätigkeit irgendwann doch als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder vielleicht sogar als Professor unterzukommen. Diese Illusion ist Wiehart mit seinen 52 Jahren abhandengekommen. Er sucht nach einer neuen Beschäftigung. In welche Richtung es geht, will er noch nicht verraten. Nur so viel: Ich werde jetzt erst mal vom Lehrenden zum Lernenden.″

Kommentar:

Bezahlung hoch oder Belastung runter

Blockveranstaltungen von externen Lehrbeauftragten an der Uni waren schon zu meiner Studienzeit wahre Wundertüten: Sie endeten früher als geplant oder fanden gar nicht erst statt, weil der Dozent kurzfristig absagte. Lehrinhalt waren endlose Referate oder uninspirierte Gruppenarbeiten. Und am Ende bekamen alle Seminarteilnehmer auf wundersame Weise die gleiche Note.

All das erscheint vor dem Hintergrund des Beispiels Alexander Wiehart als Symptom der Unterbezahlung von Lehrbeauftragten an deutschen Hochschulen. Es ist ja fast verständlich, dass die Dozenten ihren Arbeitsaufwand so gering wie möglich halten, wenn sie dafür nur einen Hungerlohn bekommen. Engagierte Vor- und Nachbereitung, didaktische Konzepte und persönliche Betreuung werden nicht honoriert.

Klar ist: Hochwertige Lehre kann unter solchen Voraussetzungen nicht stattfinden. Aber ohne externe Dozenten würde die Qualität der Lehre ebenfalls leiden, sagt die Uni Osnabrück. Im Sinne der Lehrbeauftragten und im Sinne der Studenten muss also dringend eine Lösung her. Entweder geht die Bezahlung hoch oder die Belastung runter.
Autor:
lori


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