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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Schwebende Erinnerung
Zwischenüberschrift:
Im Schlossgarten fliegt an manchen Tagen ein afghanischer Drachen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Mehr als 5000 Kilometer weit gereist ist der Drache mit der 3000 Meter langen Drahtschnur. Nun lassen ihn junge Afghanen über Osnabrücks Innenstadt fliegen, denn in ihrer Heimat gehörte das Drachensteigen für sie einfach dazu.

Osnabrück. Weit oben im Himmel über Osnabrücks Schlossgarten fliegt, kaum zu erkennen, ein kleiner Drache aus bunten Seidenpapier. Stark ist der Wind nicht, doch der Drache hält sich in der Luft. Ab und zu fliegt er wilde Kreise, manchmal verharrt er an einem Punkt. Godi-Paran″ nennt man den selbst gebauten Drachen aus Afghanistan, der die Erinnerungen der Flüchtlinge an ihre Kindheit weckt. Viele andere Leute sitzen im Schlossgarten und neigen ihre Köpfe in den Himmel, um das kleine fliegende Dreieck zu bestaunen.

Der 24-jährige Rohullah Askandari, die Brüder Walidullha und Wahid Hakimy (24 und 26) und Esmatullah Ebrahimi (28) sind 2016 nach Deutschland geflüchtet. In Osnabrück leben die vier Freunde zusammen. Einmal zuvor waren sie schon im Schlossgarten und haben gemeinsam den Drachen steigen lassen. Darin sind sie äußerst geschickt.

Im Frühling und im Sommer steigen in Afghanistan die Drachen in den Himmel. Kinder, aber auch Jugendliche und Erwachsene lassen ihre Flugobjekte steigen und tragen damit sogar Wettkämpfe aus im Westen vielen Lesern und Kinogängern bekannt durch Khaled Hosseinis 2007 verfilmten Erfolgsroman Drachenläufer″.

Das Ziel bei solchen Wettbewerben ist es, die Schnur des anderen mit der eigenen Drachenschnur durchzuschneiden. In einem Zweierteam wird der Drache in die Luft gebracht. Ist er am Fliegen, rennt ihm einer hinterher. So kann er ihn einfangen, bevor er zu Boden fällt. Manchmal gab es auch Streit. Kam ein Drache am Boden an, rannten die Kinder dorthin und wollten ihn haben. Der eine oder andere Drache ist deswegen schon zerrissen worden″, erinnert sich Rohullah Askandari.

Immer am Wochenende ließ er damals mit seiner Familie oder seinen Freunden die Drachen steigen. Meist hätten sie Wetten abgeschlossen. Es ist immer ein Wettbewerb, aber dass man zu zweit ist, stärkt die Freundschaft″, erklären die beiden Brüder Wahid und Walidullha Hakimy. Alle Kinder in Afghanistan kennen das. Wenn wir hier den Drachen steigen lassen und andere Afghanen den bunten, dreieckigen Drachen fliegen sehen, sind sie sehr aufgeregt und freuen sich, einen afghanischen Drachen zu sehen″, erzählt Rohullah Askandari. Bei Wettkämpfen bleibt das Spielzeug meist nur einige Minuten in der Luft. Hier im Osnabrücker Schlossgarten fliegt er schon fast eine Stunde im Himmel. Abwechselnd halten die jungen Flüchtlinge die Spule und lenken die Schnur.

Bis zu 2000 Meter hoch hätten sie die Drachen damals in der Heimat steigen lassen und das ist gar nicht so einfach. Einer von ihnen muss die große Spule halten, der andere hält die lange Schnur, die mit der Zeit immer mehr in die Hände schneidet. Je größer ein Drache ist, desto stärker ist die Spannung. Man braucht sehr viel Konzentration″, erklärt Rohullah Askandari.

Das Drachensteigen macht ihnen Spaß, es ist aber auch ein Ausflug in die eigene Vergangenheit. Was in der Zukunft passieren wird, wissen die jungen Männer nicht. Die Sprache lernen, eine Ausbildung machen und hierbleiben, das wünschen sie sich für die Zukunft. Wenn es in Afghanistan wieder sicher ist, möchte ich später einmal mit meinen Kindern dorthin fahren und ihnen zeigen, wie ich meine Kindheit verbracht habe und mit ihnen Drachen steigen lassen″, wünscht sich Rohullah Askandari, der schon sehr gut Deutsch spricht und eine Ausbildung begonnen hat. Die anderen möchten es ihm gleichtun. Esmatullah Ebrahimis Geschwister leben noch in Afghanistan. Sie sind noch jung, aber Drachen steigen lassen sie dort nicht mehr. Dafür ist es in dem Land nicht sicher genug.

Bildtexte:
Im Schlossgarten lassen die afghanischen Flüchtlinge ihren Drachen steigen.

Das bunte Flugobjekt haben die jungen Männer selbst gebaut.

Die Spule ist mit einer 3000 Meter langen Schnur umwickelt.

Fotos
Katja Steinkamp
Autor:
Anne Sophie Köstner


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