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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Mit Schürze und Herzblut – ein Tag bei der Tafel
Zwischenüberschrift:
Zum deutschen Tafel-Tag hat unsere Reporterin Louisa Riepe bei der Osnabrücker Tafel mitgeholfen
Artikel:
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Originaltext:
Am 16. September ist Deutscher Tafel-Tag. Bereits zum elften Mal wollen damit rund 60000 Helfer im ganzen Land ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung und Armut setzen. Aus diesem Anlass hat unsere Reporterin Louisa Riepe für einige Stunden bei der Osnabrücker Tafel mitgearbeitet und dabei tatsächlich einen ganz neuen Blick auf schrumpelige Paprika und bedürftige Mitmenschen bekommen.

Osnabrück. Ein lilafarbenes Stückchen Papier ist das Erste, was ich von der Osnabrücker Tafel zu sehen bekomme. Darauf steht eine Nummer, sie bestimmt die Reihenfolge für alle, die im Regen vor dem Gebäude auf die Ausgabe warten. Aber ich will hier keine Lebensmittel abholen, ich will selbst welche ausgeben. Also reiche ich dem Herrn an der Tür das Zettelchen wieder zurück und stelle mich vor. Mit einem Lächeln bittet er mich hinein.

Mehr als 300 Ehrenamtliche arbeiten für die Osnabrücker Tafel. Dazu kommen einige Festangestellte, Ein-Euro-Jobber, Praktikanten und Jugendliche, die Freiwilligendienst leisten. An einem Freitagmittag mische ich mich unter sie. Ich bin gespannt: auf die Arbeit und die Kollegen, aber vor allem auf die Kunden. In meinem Alltag im Büro, im Freundeskreis oder beim Sport treffe ich nur sehr selten Menschen wie sie. Menschen, die von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe leben oder deren Einkommen nicht reicht, um sich zu ernähren.

Aber zuerst lerne ich in der Warenannahme etwas über unsere Wohlstandsgesellschaft. Hier stehen Berge von Lebensmitteln, die Supermärkte, Discounter oder Bioläden der Tafel gespendet haben meistens, weil sich das Ablaufdatum nähert. Rund sieben Tonnen davon sammeln die fünf Transporter der Tafel täglich ein. Brot und Kuchen, Milch und Käse, Aufschnitt und Fleisch, aber vor allem: Obst und Gemüse. Und ich soll jetzt sortieren, was noch essbar ist und was Müll.

Orientier dich daran, was du selbst noch essen würdest″, rät mit Lilly Thüner, eine der Festangestellten. Einen Apfel mit Druckstelle oder eine überreife Banane würde ich bei meinem Einkauf im Supermarktregal liegen lassen. Hier muss ich andere Maßstäbe ansetzen. Denn alles, was ich wegwerfe, fehlt den Leuten in der Schlange vielleicht später auf dem Teller. Also suche ich aus einer Schale Brombeeren die schimmeligen Früchte heraus, breche bei einem Bund Rüben die gelben Blätter ab und lege auch eine schrumpelige Paprika in die Kiste für die Ausgabe.

Lilly und die anderen wundern sich manchmal, was die Supermärkte ihnen schicken: In dieser Woche sind es zum Beispiel kistenweise Lauchzwiebeln. Das sieht in ein paar Wochen schon wieder ganz anders aus, dann bekommen wir nur Kürbis″, meint eine Kollegin. In einer anderen Kiste finden wir halbierte Pampelmusen, feinsäuberlich umwickelt mich Frischhaltefolie. Die kommen sicher aus einem Biomarkt″, sagt Lilly. Gerade für ältere Kunden sei so eine halbe Frucht oft schon genug. Wir müssen sie trotzdem wegwerfen, wegen möglicher Keime. Eine Kiste sorgt bei meinen Kolleginnen heute für besonders viel Kopfschütteln. Gurke-Kohlrabi-Salat im Plastikbecher. Das Preisschild ist noch dran: 2, 69 Euro sollte die winzige Portion im Laden kosten. Wer so einen teuren Quatsch produziert, braucht sich nicht wundern, wenn es keiner kauft″, raunt mir eine Kollegin zu.

Ich mag keinen Kohlrabi, also enthalte ich mich des Urteils. Stattdessen trage ich eine Kiste mit Feldsalat von der Annahme in die Ausgabe. Hier ist richtig viel los: Etwa 250 Kunden bedient die Tafel an einem Freitag. Vor dem Wochenende sei der Andrang besonders groß, erklären mir meine Kolleginnen. Sie können eine helfende Hand gut gebrauchen und so bleibe ich gleich hier. Bei Anni Badeda schaue ich mir ab, was ich tun muss. Über den Tresen reichen ihr die Kunden eine Marke. 2E, 1K″ steht darauf, zusammen mit dem Namen und der Uhrzeit. Dieser Mann will also Lebensmittel für zwei Erwachsene und ein Kind abholen, erklärt Anni mir. Sie nimmt sich ein Körbchen und stellt eine Portion nach Augenmaß zusammen: Bananen, Kartoffeln, Tomaten und Paprika gehen immer. Dazu Obst wie Weintrauben und Nektarinen. Äpfel sind heute knapp, deshalb gibt es für diese Familie nur einen. Bei Salat, Brokkoli oder Porree fragt Anni extra nach. Die will nicht jeder.

Von den anderen Ehrenamtlichen bekommt der Mann zum Gemüse noch Gebäck, Fleisch und Milchprodukte. Dann verlässt er mit vollen Taschen und einem Dankeschön″ die Tafel. So unkompliziert und bescheiden sind längst nicht alle Kunden, das merke ich schnell. Manche haben Vorlieben, nehmen fast kein Gemüse mit. Viele fragen nach Zwiebeln und Knoblauch und sind enttäuscht, dass ich keine habe. Andere wollen immer noch mehr. Und ich mache mit und lege ihnen gerne noch ein paar zusätzliche Tomaten hin.

Es sind nur kurze Momente, die ich mit den Kunden habe. Und doch lässt mich das wenige, was sie über sich preisgeben, grübeln: Da ist der junge Mann, der kein rohes Gemüse möchte: Nichts zum Kochen, lieber Bananen und Äpfel″, sagt er. Oder die Frau, die ein Namensschild am T-Shirt als Mitarbeiterin in einem Altenpflegezentrum ausweist. Sie besorgt hier Lebensmittel für sich und ihre zwei Kinder. Da sind zwei Teenager, die in großen Plastiktüten den Einkauf für sieben Erwachsene nach Hause schleppen. Ein Mann fragt gezielt nach einer Ingwer-Knolle. Meine Frau ist schwanger″, und sie kaue das gelbe Fasergewebe gegen die Übelkeit. Doch das Grübeln muss warten. Kaum hat der letzte Kunde den Inhalt seines Körbchens verpackt, steht schon der nächste vor mir. So langsam verliere ich den Überblick: Habe ich dieser Mutter schon Kartoffeln gegeben? Für wie viele Personen wollte dieser Mann noch mal Äpfel haben? Und wo steht die Kiste mit den Zucchini?

Während ich mit mir kämpfe, schält Marion Haupt seelenruhig eine Rübe. Die sind so lecker, aber die Leute wollen sie nicht haben″, sagt sie. Deshalb stellt sie ein kleines Tellerchen zum Probieren hin. Wenn die Kunden auf den Geschmack kommen, hofft sie, nehmen sie vielleicht doch das ein oder andere Bund mit. Ich nehme mir ein Beispiel an so viel Service und erkläre einem Kunden, dass der weiße Brokkoli″ in Deutschland Blumenkohl heißt. Blu-men-kohl. So wie die Blume, wegen der Röschen. Er lächelt und nickt. Ob er auch verstanden hat, erfahren die Kollegen nächste Woche.

Nach drei Stunden ziehe ich mir die Handschuhe aus und gebe die Schürze ab. So halten es die meisten der Ehrenamtlichen. Sie lösen sich in Schichten gegenseitig ab, schließlich ist ein Großteil von ihnen längst im Rentenalter. Und obwohl die Tafel offiziell um 16.30 Uhr schließt, dauert die Ausgabe nicht selten bis 18 Uhr. Heute ist es relativ ruhig, sagen mir meine Kolleginnen zum Abschied. Es liegt wohl am Wetter. Aber als ich mir meine Regenjacke zuknöpfe und zum Ausgang gehe, sehe ich noch viele Kunden auf der Wartebank. Mein Eindruck ist: Lilly, Anni, Marion und die anderen haben hier enorm viel zu tun.

Bildtext:
Sortieren, zusammenstellen, ausgeben: Eine Schicht in der Osnabrücker Tafel umfasst viele Aufgaben und fordert Empathie und Konzentration.

Sortieren, zusammenstellen, ausgeben: Eine Schicht in der Osnabrücker Tafel umfasst viele Aufgaben und fordert Empathie und Konzentration.

Fotos:
David Ebener

Die Osnabrücker Tafel

Die Hilfe der Osnabrücker Tafel kann in Anspruch nehmen, wen den sogenannten Osnabrück-Pass″ besitzt. Er wird vom städtischen Fachbereich für Soziales und Gesundheit ausgestellt. Berechtigt sind Osnabrücker Bürger, die beispielsweise Sozialhilfe, Grundsicherung oder Arbeitslosengeld bekommen.

Zuständig ist die Auskunftsstelle des Fachbereichs im Foyer des Stadthauses 2 am Natruper-Tor-Wall 5, erreichbar auch unter der Telefonnummer 05 41/ 3 23 22 00 an jedem Montag, Mittwoch und Freitag, von 8.30 bis 12 Uhr und donnerstags von 14 bis 17.30 Uhr.

Die Öffnungszeiten der Osnabrücker Tafel an der Schlachthofstraße 1 sind immer montags, dienstags, donnerstags und freitags von 12.30 bis 16.30 Uhr und mittwochs von 13 bis 16 Uhr. Neben der Hauptstelle in der Osnabrücker Innenstadt betreibt die Osnabrücker Tafel noch sieben Außenstellen: in der Dodesheide, in Eversburg, Belm, Bramsche, Dissen, Georgsmarienhütte und Wallenhorst-Hollage. Die jeweiligen Öffnungszeiten und Ansprechpartner finden sich auf der Internetseite der Tafel. Für etwa 120 Kunden, die aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht persönlich zur Tafel kommen können, haben die Osnabrücker Ehrenamtlichen einen Bringdienst eingerichtet. Außerdem gibt es die Kindertafel, die 19 Schulen und damit rund 400 Kinder mit Frühstückspaketen und Zutaten für das Mittagessen beliefert.

Wer die Osnabrücker Tafel unterstützen möchte, hat dazu verschiedene Möglichkeiten: zum Beispiel, indem er Mitglied im Verein wird und die Arbeit mit einem monatlichen Beitrag von 3 Euro fördert. Außerdem ist die Tafel immer auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die als Fahrer, beim Sortieren und Ausgeben der Lebensmittel mithelfen. Es ist auch möglich, Lebensmittel oder Geld zu spenden.

Der Vorstand der Tafel informiert darüber auf seiner Internetseite oder unter der Telefonnummer 05 41/ 2 21 12.
Autor:
Louisa Riepe


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