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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
„Am Krieg ist nichts Schönes″
Zwischenüberschrift:
Thomas-Morus-Schüler besuchen auf den Spuren des Ersten Weltkriegs Ypern in Belgien
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Strammstehen, Granatsplitter einsammeln und im Bunker Zuflucht suchen: Zehn Osnabrücker Schüler haben in Belgien nachempfunden, wie es im Ersten Weltkrieg zuging. Und die Reise hat bei ihnen mächtig Eindruck hinterlassen.

Osnabrück. Ein ganzes Jahr lang haben sich die 15-und 16-Jährigen von der Thomas-Morus-Schule mit ihrem Lehrer Felix Trentmann vorbereitet und sind zu einer dreitägigen, freiwilligen Studienreise an den Schauplatz der sogenannten Flandern-Schlacht nach Ypern gereist. Der Ort wird bis heute häufig in einem Atemzug mit dem Ersten Weltkrieg genannt: Von 1914 bis 1917 lag die Kleinstadt im Süden Belgiens direkt an der Westfront der Alliierten Frankreich und Großbritannien. Mehrmals versuchten deutsche Truppen, die Stellung einzunehmen und setzten dabei Bomben, Granaten, aber auch Chlor- und Senfgas ein.

100 Jahre danach besuchten die Osnabrücker Schüler unter anderem das Museum In Flanders Fields″. Das gleichnamige Gedicht (zu Deutsch: Auf Flanderns Feldern″) ist eines der bekanntesten englischsprachigen Werke über den Ersten Weltkrieg. Der erste, besonders emotionale Moment war aber die tägliche Schweigeminute, die seit 1928 jeden Abend um Punkt acht Uhr am Menen-Tor in Ypern abgehalten wird. Beim sogenannten Last Post″ steht der Verkehr auf der Straße für einen Moment still, Tausende Menschen halten inne, Trompeten spielen ihren Tribut. Der Moment gilt ganz den mehr als 50 000 Namen derer, die nach der sogenannten Dritten Flandern-Schlacht vermisst wurden.

Beim ersten Mal nur Zuschauer, beteiligte sich die Schülergruppe aus Osnabrück am zweiten Abend der Reise aktiv an der Zeremonie. Merle Steiner spielte ein Stück auf der Geige, und die Gruppe legte einen eigenen Blumenkranz nieder. Zwischen die roten Mohnblumen, das Symbol der Erinnerung an die britischen Gefallenen, mischte sich so auch blaues Vergissmeinnicht für die deutschen Soldaten. Es war eine ganz komische Stimmung″, erinnert sich Kristin Heina. Die Leute sind kurz zusammengekommen, und als es vorbei war, auch schnell wieder auseinandergegangen.″ Wie ein Summen, beschreiben die Schüler, habe sich nach dem Schweigen wieder Unruhe in der Gruppe ausgebreitet. Wir haben nicht gedacht, dass es so schnell geht″, sagt Heina.

Ypern, so berichten die Schüler, wird hauptsächlich von englischen Touristen besucht. Sie ehren dort ihre im Krieg gefallenen Landsleute. Die Übermacht ist auch optisch sichtbar: In der ganzen Stadt prägen die sogenannten Rememberance-Poppies″, die Erinnerungs-Mohnblumen, das Bild. Es gibt Poppy-Kaffeetassen, Poppy-Schokolade, es gibt eine ganze Poppy-Industrie″, sagt Serdar Sakinmaz. Den Patriotismus bekamen die Schüler aber auch auf unschöne Weise zu spüren. Wir wurden von einem Engländer angesprochen, der wissen wollte, woher wir kommen. Als wir gesagt haben, dass wir aus Deutschland sind, war das Gespräch sofort beendet″, sagt Anna Braun. Für sie war es eine verstörende Erfahrung. Und auch Merle Steiner hatte zuerst Angst vor den Reaktionen der englischen Touristen auf ihr Geigenspiel am Menen-Tor allerdings völlig unbegründet, wie sich später herausstellte.

Zum hundertsten Jahrestag der dritten Flandernschlacht in diesem Jahr haben sich die Belgier einiges einfallen lassen. So wurde ein original erhaltener unterirdischer Bunker aus dem Ersten Weltkrieg für Besucher geöffnet. Der sogenannte Dugout″ liegt fünf Meter tief unter der Kirche im kleinen Ort Zonnebeke und ist normalerweise mit Grundwasser gefüllt. Für einen Zeitraum von Juli bis November dieses Jahres wird der rund 30 Meter lange Tunnel mit seinen angrenzenden Räumen trockengelegt. In den Kammern, die von dem langen Tunnel abgehen, sind noch die alten, dreistöckigen Betten zu sehen, in denen die Soldaten schliefen. Wirklich komfortabel dürfte das aber nicht gewesen sein: Sie mussten auf schmalen Gitterstäben liegen″, erinnert sich Cedric Poinart. Von einem Führer erfuhren die Jugendlichen: Demjenigen, der das oberste Bett bekam, tropfte aus dem feuchten Boden ein Gemisch aus Blut, Urin und im schlechtesten Fall den Überresten der chemischen Kampfstoffe ins Gesicht. Der Soldat im untersten Bette hatte mit den Ratten auf dem Boden zu kämpfen. Auch für die Schüler war der Besuch ein zweifelhaftes Vergnügen: Wegen des Gestanks der alten Holzpfähle hielt es niemand länger als ein paar Minuten unter der Erde aus.

Aber auch im Tageslicht finden sich die Spuren des Ersten Weltkriegs in der Umgebung von Ypern überall. Ein lokaler Bauer, den die Schüler bei ihrer Reise besuchten, präsentierte ihnen eine ganze Ausstellung von Überresten, die er bei der Arbeit auf seinem Feld täglich findet: rostige Trinkflaschen, aber auch Patronenhülsen und Granatsplitter. Einmal wollte er ein Gewehr aus dem Boden ziehen, und es hing noch eine Hand dran″, berichtet Anna Braun von ihrem Gespräch mit dem Mann.

Rund 50 000 Vermisste, wissen die Schüler, liegen immer noch in rund 1, 70 Meter Tiefe im Boden. Sie selbst stießen nicht auf Leichenteile. Aber ein paar Granatsplitter hat jeder von ihnen mit nach Hause genommen.

Noch heute sieht man der Landschaft an, dass sie einen Krieg erlebt hat: An vielen Stellen ist der Boden von Explosionen und Grabungen umgewühlt. Manch ein Bombenkrater ist auch 100 Jahre später noch als tiefe Mulde im Boden zu sehen. Die Schüler machten sich davon selbst ein Bild und marschierten mehrere Stunden lang in militärischer Ausrüstung durch das Gebiet. Jeder bekam nicht nur Uniform, Helm und Gasmaske, sondern auch eine individuelle Rolle als Sanitäter, Bomber oder Offizier. Und immer wieder informierten kleine Karten darüber, was mit den Charakteren vor Ort geschah. Ich bin ins MG-Feuer geraten und unter den Augen meines Bruders in einem Bunker gestorben″, erinnert sich zum Beispiel Merle Steiner an ihren Charakter. Nicht alle steckten die Erfahrung so locker weg wie sie. Teilnehmerin Kristin Steiner wurde von Hitze und Anstrengung sogar schwarz vor Augen. Keine schöne Erfahrung für sie und die Gruppe, aber doch eine beispielhafte Reaktion auf die Eindrücke vor Ort, findet Lehrer und Betreuer Felix Trentmann. Er will im nächsten Jahr, wenn sich das Ende des Krieges zum 100. Mal jährt, eine neue Schülergruppe mit dem Ersten Weltkrieg konfrontieren.

Bildtexte:
Wie es im Ersten Weltkrieg zuging, das haben zehn Schüler aus Osnabrück im belgischen Ypern unter anderem durch Museumsbesuche, ein Rollenspiel und Gedenkveranstaltungen erfahren.

Thomas-Morus-Schüler besuchen auf den Spuren des Ersten Weltkriegs Ypern in Belgien

Fotos:
Merle Steiner, Martin Lengemann
Autor:
Louisa Riepe


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