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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Die Kastanien-Killer
Zwischenüberschrift:
Die drei Millimeter große Miniermotte frisst sich durch Blätter – Kein Mittel gegen neues Bakterium
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Mindestens vier Wochen früher als sonst verfärben Kastanien derzeit ihre Blätter und werfen sie ab. Der verfrühte Herbstlook hat einen Grund: ein geflügelter Schädling. Doch neue Parasiten setzen den Bäumen noch stärker zu.

Osnabrück. Eigentlich sieht sie sehr niedlich aus: Die Kastanienminiermotte, lateinisch Cameraria ohridella, ist nur rund drei Millimeter lang, hat kupferfarbene Flügel mit weißen Streifen und trägt einen kleinen Puschel am Hinterteil. Ursprünglich kommt der kleine Falter wohl aus Südosteuropa, wo auch die gewöhnliche Rosskastanie ihre biologische Heimat hat. Seit rund 20 Jahren verbreitet er sich in ganz Mitteleuropa. Inzwischen gibt es fast keine Kastanie mehr, die nicht betroffen ist.

In Osnabrück kann man das zum Beispiel am Herrenteichswall, an der ErnstSievers-Straße oder auf dem Hochschulcampus am Westerberg beobachten. Hier liegen schon viele braune Blätter auf dem Boden, in der Luft liegt der Geruch von feuchtem Laub. Dass der Befall in diesem Jahr so auffällig ist, liegt laut Nikolai Friesen vom Botanischen Garten in Osnabrück am milden vergangenen Winter. Die Larven der Motte, die sich in der kalten Jahreszeit in den Boden zurückziehen, konnten ohne Dauerfrost überleben. Entsprechend viele Motten gab es in diesem Sommer, so Friesen. Und je wärmer es ist, desto schneller vermehren sich die Tiere. Drei bis fünf Motten-Generationen gibt es inzwischen pro Jahr. Jede legt Hunderte winzige Eier auf der Oberseite der Kastanienblätter ab. Die Raupen bohren sich durch die äußere Haut des Blattes und fressen im Inneren sogenannte Minen in das Gewebe. Die tunnelartigen Hohlräume geben den Tieren ihren Namen. Sie durchtrennen die Wasserversorgung, das Blatt trocknet aus und stirbt ab.

Zwei neue Schädlinge

Das sieht natürlich nicht schön aus und sei auch für die Kastanien gefährlich, sagt Nikolai Friesen: Sie können nur eingeschränkt Fotosynthese betreiben. Die logische Folge ist, dass sie nicht so stark wachsen und auch die Früchte eher klein bleiben.″ Allerdings sei bisher kein Baum an dem Mottenbefall gestorben. Bisher, denn das Phänomen tritt erst seit wenigen Jahren in Deutschland auf. Was passiert, wenn die Kastanien viele Jahre hintereinander so stark befallen sind wie in diesem Jahr, kann niemand absehen″, meint der Biologe.

Wesentlich problematischer sei nach Angaben von Experten des Landkreises die Verticillium-Welke, ein gefäßparasitärer Pilz, der erst einzelne Astpartien befällt, aber mittelfristig zum Absterben der Bäume führt. Neu und der absolute Killer ist ein Bakterium namens Pseudomonas syringae, das 2007 erstmals im Westen Deutschlands am Niederrhein festgestellt wurde. Zu beobachten ist eine sehr rasante Ausbreitung bundesweit″, so der Landkreis.

Wie sich das Bakterium ausbreite, sei noch unklar, vermutlich aber durch Wind. In vielen städtischen Bereichen vor allem in Düsseldorf und dem Ruhrgebiet mussten etliche Kastanien bereits gefällt werden. Eine Bekämpfung beider Schädlinge Pilz und Bakterium ist laut Landkreis derzeit nicht möglich. Es handelt sich dabei um ein bundesweites Problem. Experten gehen davon aus, dass noch weitere Pilzkrankheiten, tierische Schädlinge, Viren und Bakterien aufgrund der Klimaerwärmung aus dem Osten oder Süden einwandern werden. Sie finden offenbar Geschmack an den heimischen Bäumen. Sie kommen hauptsächlich über Importe von Holz- und Pflanzen nach Deutschland.

Gegen die gefräßige Motte gibt es aber ein Mittel: Die Blätter einsammeln und verbrennen. Auf keinen Fall darf das Laub auf einen privaten Komposthaufen″, sagt Friesen. Die Larven können dort überleben und werden mit dem Humus im ganzen Garten verteilt. Die Gefahr besteht in einer Großkompostieranlage nicht. Hier herrschen Temperaturen über 40 Grad, die die Larven abtöten. Insofern sollte das Laub am besten auf den öffentlichen Grünabfallplätzen des Osnabrücker Servicebetriebs abgegeben werden, rät Sprecherin Katrin Hofmann. Mit dem Laub von den städtischen Bäumen werde genauso verfahren: Die Kollegen fahren nach Bedarf raus.″

Forschungsinstitute und Forstwirtschaft arbeiten derzeit an umweltfreundlichen Insektiziden, die insbesondere die Raupen der Motte angreifen sollen. Der Schädling hat aber auch natürliche Feinde: Einige heimische Vogelarten haben die Motte inzwischen auf dem Speiseplan, zum Beispiel verschiedene Meisenarten. Wer den Kastanien im eigenen Garten helfen will, kann also versuchen, in direkter Nähe zum Baum Nistkästen aufzuhängen und die kleinen Vögel dort anzusiedeln.

Bildtexte:
Verfrühter Herbslook: Nikolai Friesen zeigt Blätter von betroffenen kastanien im Botanischen Garten.

Kein grünes Blatt mehr trägt der Kastanienbaum im Botanischen Garten viel früher als üblich.

Nur webige Millimeter groß: die Kastanienminiermotte.

Einen der Schädlinge kann Nikolai Friesen auf den Blättern nicht ausmachen: Se sind einfach zu klein.

Foto:
Michael Gründel, Julius-Kühn-Institut/ dpa
Autor:
Louisa Riepe, Kathrin Pohlmann


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