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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Der Ahlewagen und die Bahnschranke
Zwischenüberschrift:
Die Meller Straße gehört zu den ältesten Ausfallstraßen Osnabrücks
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Um 1900 vermittelt die Meller Straße einen ländlichen Eindruck. Es gibt noch keine Verkehrs-Hochbauten: Die Eisenbahngleise nach Münster werden niveaugleich über die Meller Straße geführt, wovon die Schranken künden. Und es gibt noch keinen motorisierten Straßenverkehr.

Osnabrück. Ein Bauer führt ein Ochsengespann in aller Seelenruhe auf der falschen Straßenseite Richtung Rosenplatz. Seit Napoleons Zeiten gilt eigentlich das Rechtsfahrgebot, aber so genau nahm man das vor gut 100 Jahren noch nicht. Die Ochsen ziehen vermutlich einen Ahlewagen″. Mit solchen Karren transportierten Tagelöhner Fäkalien aus städtischen Abortgruben hinaus vor die Tore, wo Bauern damit die Felder düngten. An Biertheken behaupten eingeschworene Pilstrinker gern, dass die englische Biersorte Ale″ sich vom Inhalt der Ahletönnken″ herleite. Den Beweis müssen sie allerdings schuldig bleiben.

Die Meller Straße gehört zu den drei Altwegen″ oder historischen Straßenzügen, die aus der Neustadt hinaus ins südliche Umland führten. Genau nach Süden war es die Verbindung Johannisstraße Iburger Straße Frankfurter Heerstraße, über die man zum Bischofssitz Iburg und darüber hinaus zum Amt Reckenberg bei Rheda, einer Enklave des Fürstbistums, gelangte. Nach Südwesten konnte man über die heutige Kommenderiestraße und Sutthauser Straße den Hüggel, Hagen, Lengerich und Münster erreichen. Von St. Johann als dem Zentrum der Neustadt aus zielten in südöstlicher Richtung Holtstraße und Meller Straße nicht nur zum Sitz der Edelherren von Holte bei Bissendorf, sondern darüber hinaus ins Else-Hase-Tal nach Melle und zu den frühmittelalterlichen Zentren Enger und Herford. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Meller Straße zu einer Wohnstraße entwickelt, da die leistungsfähigere Hannoversche Straße den Verkehr nach Südosten übernommen hat.

Die friedliche Straßenszene unseres Bildes gibt es nicht her. Tatsächlich aber waren die langen Schließungszeiten der Bahnschranken ein großes Ärgernis. Fuhrleute verbrachten bis zu zwei Stunden am Tag vor geschlossenen Schranken. Denn nicht nur hier, sondern an vielen Stellen im Stadtgebiet hielten die Planübergänge″ der Eisenbahnlinien die Stadt wie ein Eiserner Ring″ im Würgegriff.

Als 1855 die Ost-West-Bahnstrecke niveaugleich mit dem Straßennetz eröffnet wurde, hatte Osnabrück so viele Einwohner wie heute die Gemeinde Belm, nämlich 13 700. Mit der Industrialisierung ging eine Verfünffachung einher, 1910 zählte man bereits 66 000 Bürger. Entsprechend nahm auch der Verkehr zu. Die Bahn war der Faktor, der dieses Wachstum ermöglicht hatte, und paradoxerweise war sie es auch, die die weitere Entwicklung hemmte.

Die städtischen Gremien bissen sich an der Königlichen Eisenbahndirektion Hannover die Zähne aus. Wenn die eine Brücke bewilligte, dann nur, um die eigenen Betriebsabläufe günstiger gestalten zu können. Seit 1890 wurde geplant, beantragt, verworfen. Hannover schlug vor, die Stadt könne ja die Bahnstrecken untertunneln, die Straßen mittels Serpentinen auf die notwendige Tiefe bringen. Nur an einer Stelle wurde das ausgeführt: im Verlauf der Buerschen Straße durch den Klushügel.

Erst mit dem Bau des Güterbahnhofs im Fledder einigte man sich mit der Bahn auf die Höherlegung aller innerstädtischen Strecken. 1907 begann die Anlage des Bahndamms, 1910 war die Unterführung auch der Meller Straße fertiggestellt. Fortan konnten die Ahlewagen und alle anderen Fuhrwerke ebenso ungehindert passieren.

Auf dem linken Gehsteig geht eine Mutter oder eine Kinderfrau mit Kleinkind. Genau darüber sieht man den Giebel der traditionsreichen Gaststätte Sängerheim″. Wie im Kompendium alter Osnabrücker Gastronomiebetriebe von Helmut Riecken nachzulesen ist, eröffnete Bäckermeister Heinrich Hörnschemeyer 1892 seine Bäckerei mit Kolonialwarenhandlung, später auch Ausspann und Wirtschaft, an der Meller Straße 21/ Ecke Klöntrupstraße.

Sohn Josef erhielt 1920 die Vollkonzession. Er war Mitglied in vielen Vereinen, wie es für einen Gastwirt ja nie schädlich ist. Besonders hatte er sich dem Gesang verschrieben, war Mitgründer des Kirchenchors von St. Joseph und sehr aktiv im MGV Accordium″. Folgerichtig gab er seiner Gaststätte 1924 den Namen Sängerheim″.

Aber nicht nur die Sänger tagten hier, auch etwa der Schützenverein Schölerberg und der ulkige Pottkokenclub″. 1951 unterschrieben die Osnabrücker Modellflieger ihre Vereinsurkunde in der Eckkneipe. Bis 1990 existierte sie noch unter verschiedenen Pächtern, heute hat dort eine Versicherungsagentur ihren Sitz.

Eine andere Traditionsgaststätte lag auf der anderen Straßenseite direkt an der Bahn: Das Gerritzen″, Meller Straße 10. 1894 von Wilhelm Kreye gegründet, war es später unter den Namen Tonhalle″ und Oberbayern″, Besitzer Johann Gerritzen, bekannt, nach dem Krieg einfach unter der Bezeichnung Gerritzen″ oder der Gelbe″. Häufig spielten hier Kapellen zum Tanz auf. 1977 kam das Ende, danach das übliche Bild: Traditionsabriss durch wechselnde Pächter, wechselnde Namen, wechselnden Geschäftserfolg.

Bildtexte:
Vom Rosenplatz aus blickte man um 1900 in eine noch sehr ländlich anmutende Meller Straße. Die Bahnstrecke nach Münster kreuzt ebenerdig. Der linke Gehsteig läuft auf die traditionsreiche Gaststätte Sängerheim″ an der Ecke zur Klöntrupstraße zu.

Die hochgelegte Bahnstrecke beeinträchtigt den Verkehr auf der Meller Straße schon seit gut 100 Jahren nicht mehr. Die in den vergangenen Jahren angebrachten Schallschutzwände laden leider gerade in Brückenbereichen zu Graffiti-Verunzierungen ein.

Dieselbe Brücke, aber von der anderen Seite, hat unser Leser und Bahnexperte Joachim Behrens 1988 eingefangen. Ihm ging es dabei um ein eher seltenes Schienenfahrzeug, das planmäßig nie in Osnabrück hielt, sondern als Trans-Europ-Express (TEE) Parsifal″ zwischen Paris und Hamburg-Altona von 1960 bis 1968 immer nur durchrauschte. Nach der Elektrifizierung der Strecke verirrte sich der VT 11.5 gelegentlich mal auf Sonderfahrt nach Norddeutschland. Vorne links: Das Restaurant Akropolis″, ehemals Das Gerritzen″. Im Hintergrund: der Rosenplatz.

Die Gaststätte Sängerheim an der Meller Straße, Ecke Klöntrupstraße, im Jahr 1943. Gastronomie wurde an diesem Standort bis 1990 angeboten, mittlerweile residiert in dem Haus eine Versicherungsagentur. (Ansichtskarte des Verlags H. Esderts Osnabrück aus der Sammlung Helmut Riecken.)

Fotos:
Sammlung Middendorf/ Vonhöne, Joachim Dierks, Joachim Behrens
Autor:
Joachim Dierks


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