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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Neues Wohnprojekt verdrängt die Mieter
 
Neues Bauprojekt verdrängt alte Mieter
Zwischenüberschrift:
Unruhe an der Herderstraße: Langjährige Bewohner wollen sich nicht vertreiben lassen
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Der Bauboom in Osnabrück hat auch Schattenseiten. An der Ecke Jahnplatz/ Herderstraße sollen acht Mietparteien ihre Wohnungen verlassen, weil ein Investor ein Projekt mit 14 Wohnungen plant.

Am Jahnplatz will ein Investor einen Neubaukomplex mit 14 Wohnungen errichten. Acht Mietparteien müssten dafür allerdings das Feld räumen. Sie wollen bleiben und werden von einigen Nachbarn unterstützt.

Osnabrück. Der größere der beiden wedelte mit einem Bündel Geldscheinen, grinste und ließ es wieder in die Hosentasche gleiten. So beschreibt Susanne Zobel eine sonderbare Begegnung mit zwei jungen Männern, die an einem Samstag im Februar vor der Haustür standen. Das Haus gehöre einem neuen Eigentümer, hätten sie gesagt, die Mieter sollten schnell ausziehen aber das Angebot″ bitte nicht als Drohung verstehen.

Susanne Zobel (Name von der Redaktion geändert) will ihre kleine Mietwohnung auf keinen Fall aufgeben. Das habe sie den Herren an der Haustür klipp und klar zu verstehen gegeben, berichtet sie mit entschlossenem Blick. Nicht seriös, sondern eher schlonzig″ hätten sie ausgesehen, die beiden Männer, von denen sie annimmt, dass sie einen albanischen oder türkischen Migrationshintergrund haben.

Investor auf Distanz

Sie würde dem Vorfall auch keine besondere Bedeutung beimessen, sagt die 61-jährige Frührentnerin wenn die beiden sie nicht mit Vor- und Nachnamen angesprochen hätten. Der Vorname steht aber nicht auf der Klingel. Ich hatte den Eindruck, dass sie geschickt waren″, gibt sie zu bedenken.

Unsere Redaktion hat nachgefragt. Der damalige Eigentümer verwahrt sich entschieden gegen den Verdacht, er könne mit dem Besuch der beiden Männer etwas zu tun haben. Investor Oliver Schulze Bövingloh aus Münster distanziert sich ebenfalls: Eine derartig unseriöse Aktion wurde von uns selbstverständlich nicht veranlasst und liegt uns fern.″

Die Bövingloh-Gruppe will auf dem innenstadtnahen Eckgrundstück in der vorderen Wüste ein hochwertiges Wohnprojekt mit Tiefgarage bauen. Der Stadt kommen solche Absichten sehr gelegen, weil damit neue Wohnungen geschaffen werden. Im Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt blitzte der Investor aber zweimal ab. Begründung: Der anfangs geplante massive Baukörper passe nicht in das Umfeld.

Neuer Architekt

Inzwischen wurde der Osnabrücker Architekt Joachim Kummer mit der Sache betraut, und dessen Entwurf sei in puncto Baumasse und Höhen nicht zu beanstanden, sagt Stadtbaurat Frank Otte. Die Bauvoranfrage werde voraussichtlich positiv entschieden. Otte ist sich der Problematik bewusst, dass mit dem Neubauprojekt preisgünstiger Wohnraum vom Markt verschwindet. Soziale Probleme ließen sich aber nicht über das Baurecht lösen, gibt er zu bedenken.

Ein mehrfach gegliederter Komplex mit aufgereihten Giebeln und vier Vollgeschossen soll nun an der Straßenecke entstehen.

Der Grundstücksteil am Jahnplatz ist schon freigeräumt, aber an der Herderstraße nebenan müssen zwei Häuser mit acht Wohnungen aus dem Weg geräumt werden. Die Mieter aus dem Haus Nr. 56 haben dem Investor schon mitgeteilt, dass sie auch mit noch so hohen Abfindungen″ nicht bereit seien auszuziehen, denn die würden ihnen ohnehin auf die Stütze angerechnet.

Günstige Miete

Es riecht nach Zigarettenqualm, die Wohnung ist verdunkelt. Frank Nagel (Name geändert) sitzt den ganzen Tag vor dem Fernseher. Erst hatte er einen Arbeitsunfall, dann zwei Schlaganfälle. Jetzt schafft der 47-Jährige nicht mal die 500 Meter bis zum nächsten Aldi-Markt. Der gelernte Gas- und Wasserinstallateur zahlt 319 Euro für seine 38 Quadratmeter. Und ist ziemlich sicher, dass er auf dem Wohnungsmarkt schlechte Karten hat.

Das gilt auch für den 54-jährigen Herbert Loheider eine Etage höher. Früher hat er als Kupferschmied gearbeitet. Aber nach einem Hirninfarkt ist er erwerbsunfähig, manchmal stiert sein Blick ins Leere. Zum Glück hat er seine Wohnung, 47 Quadratmeter, 295 Euro warm. Und die will er auf keinen Fall hergeben.

Nagel und Loheider sind in den Mieterverein eingetreten. Nur gemeinsam könnten sie etwas ausrichten, hat Susanne Zobel den Jungs″ eingeschärft. Die 61-jährige Bilanzbuchhalterin lebt seit 1984 im Obergeschoss. Eine Krebserkrankung hat sie zur Frührentnerin gemacht. Weil sie nur 323 Euro Miete für ihre 44-qm-Wohnung zahlen muss, kommt sie gut über die Runden. Aber so eine Wohnung, da ist sie sich sicher, wird ihr nicht noch einmal vergönnt sein. Deshalb wehrt sie sich mit allen Mitteln dagegen, von der Herderstraße vertrieben zu werden.

Unterstützung kommt aus der Nachbarschaft. Wolfgang Streffer wohnt zwei Häuser weiter und verfolgt die Entwicklung mit großer Skepsis. Nicht nur, weil er Bauschäden an seinem Gebäude befürchtet, sondern vor allem, weil es ihn stört, dass im Quartier bezahlbarer Wohnraum verloren geht. Deshalb leistete der ehemalige Uni-Peronalrat Formulierungshilfe, als die Bewohner aus der Nr. 56 ihr Schreiben an den neuen Eigentümer aufsetzten.

Gentrifizierung

Auch am Jahnplatz, auf der anderen Seite des Grundstücks regt sich Widerstand. Das Anrainerpärchen Michael Weinmann und Ute Hildebrand befürchtet eine Gentrifizierung des Viertels. Ähnlich wie in Berlin und anderen Großstädten bestehe die Gefahr, dass eine zahlungskräftige Klientel die langjährigen Mieter verdränge, meinen die beiden Ergotherapeuten. Sie wollen nicht tatenlos zusehen, wie aus dem Jahnplatz eine Schickimicki-Adresse wird, und löchern den Investor und die Bauverwaltung mit kritischen Fragen.

Franz Schürings, der Leiter des Fachbereichs Städtebau, glaubt aber nicht, dass in Osnabrück in größerem Rahmen Wohnraum vernichtet wird″. Das Beispiel Jahnplatz/ Herderstraße sei nicht typisch, und auch wenn es ähnliche Beispiele gebe, lasse sich daraus kein Trend ableiten. Stattdessen zeige sich eine andere Entwicklung: Für Grundstücke, die bislang ein Mauerblümchendasein führten, gebe es auf einmal Interessenten. Schürings sieht das positiv: Die Möglichkeiten für eine Neubebauung sind besser geworden!

3000 neue Wohnungen sollen in Osnabrück entstehen. Was das bedeutet, lesen Sie auf noz.de

Abreißen und neu bauen will der Investor an der Herderstraße. In den beiden Häusern Nr. 56 und 54 wohnen insgesamt acht Mietparteien.

323 Euro für 44 Quadratmeter: Die Frührentnerin Susanne Zobel wohnt seit 1984 an der Herderstraße und will auf keinen Fall ausziehen.

319 Euro für 38 Quadratmeter: Frank Nagel ist nach zwei Schlaganfällen arbeitsunfähig. Der 47-Jährige will unbedingt an der Herderstraße bleiben.

Fotos:
David Ebener, Lahmann-Lammert

Kommentar:

Auf verlorenem Posten

Für die Stadt ist es erfreulich, wenn sich Investoren finden, die in Osnabrück bauen wollen. Es darf der Stadt aber nicht gleichgültig sein, wo die Mieter bleiben, die aus ihren preiswerten vier Wänden verdrängt werden. Die Soziale Wohnraumhilfe kann allenfalls Kontakte vermitteln und den Mangel verwalten.

Rechtlich gesehen, stehen die Mieter von der Herderstraße auf verlorenem Posten. Mit der Begründung, dass er eine angemessene wirtschaftliche Verwertung seines Grundstücks anstrebe, kann der neue Eigentümer die Kündigung aussprechen. Dann ist es eine Frage des Verhandlungsgeschicks, wie viel Umzugshilfe gezahlt und wie viel Zeit noch eingeräumt wird.

Fakt ist aber, dass Geringverdiener auf dem Wohnungsmarkt schlechte Karten haben. Es klingt wie ein Hohn, dass die Zahl der Sozialwohnungen nicht etwa steigt, sondern sinkt. Deshalb müssen dringend neue her. Aber bei den Renditen?

Finanzielle Anreize könnten Investoren auf die Spur bringen. Aber die sind nicht aus dem Stadtsäckel zu bezahlen. Sie müssten schon aus Hannover, Berlin oder Brüssel kommen.
Autor:
rll


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