User Online: 1 | Timeout: 17:26Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Zahl geistig behinderter Rentner wächst
Zwischenüberschrift:
Seniorentagesstätten wie die Gruppe Jona der Caritas in Osnabrück werden immer wichtiger
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Diesen Aspekt des demografischen Wandels hat kaum jemand auf dem Schirm: Immer mehr Menschen mit geistiger Behinderung erreichen das Rentenalter. Und damit steigt der Bedarf an Einrichtungen wie der Seniorentagesstätte Jona der Caritas in Osnabrück.

Osnabrück. Vieles in der Gruppe Jona erinnert an eine Kindertagesstätte: die bunten Bastelarbeiten in den Räumen, die außen an die Türen geklebten Motive eines Wals. Trotzdem steht Einrichtungsleiterin Beate Osterfeld dem Kita-Vergleich skeptisch gegenüber.

Die vier Rentner, die die Seniorentagesstätte besuchen und ein Stockwerk höher zusammen mit 14 anderen Menschen mit Behinderung im St.-Benno-Haus leben, sind keine Kinder mehr. Sie haben ein langes Berufsleben hinter sich, haben in Behindertenwerkstätten gearbeitet und wollen jetzt ihren Ruhestand genießen genauso wie jeder andere Senior auch. Mit dem Unterschied, dass sie dabei Unterstützung benötigen.

Josef Dyga ist 65. Für seinen heutigen Besuch malt er ein Bild nach dem anderen und verschenkt jedes mit einem herzlichen: Für dich! Silke Bandmann (63) schält derweil Zwiebeln fürs Mittagessen, eine Erzieherin hilft ihr dabei. Unsere Bewohner sollen so viel, wie es ihnen möglich ist, selbst machen″, erläutert Beate Osterfeld. Die Gruppe wird komplettiert durch Hubert Nobbe (60), und Horst Kundke (68), der unserer Redaktion später die übrigen Räume zeigt: Werkraum, Ruheraum, Badezimmer. Silke Bandmann begleitet ihn und öffnet routinemäßig die Türen, damit er mit seinem Rollator durchschieben kann. Hinter den Türen ohne Wal-Aufkleber arbeitet die EDV-Abteilung der Caritas im Carl-Sonnenschein-Haus auf dem Kalkhügel. Sie teilt sich mit der Tagesstätte einen Gebäudetrakt. So kann Inklusion auch aussehen.

Dass es plötzlich immer mehr geistig Behinderte gibt, die das Rentenalter erreichen, hängt nicht nur mit dem medizinischen Fortschritt zusammen, sondern auch mit dem düstersten Kapitel der deutschen Geschichte: Nur wenige Menschen mit Behinderung überlebten die Verbrechen in Nazi-Deutschland. Wer jedoch nach 1945 geboren wurde, ist heute um die 70 Jahre alt und Rentner.

1989 wurde das Benno-Haus gegründet; für die vier Senioren ist es seit vielen Jahren ihr Zuhause. So wie Menschen ohne Handicap nicht ihren Wohnort wechseln, nur weil sie in Rente gehen, ergeht es auch ihnen. Vor etwa zehn Jahren haben wir festgestellt, dass wir hier eine Lebensform schaffen müssen″, sagt Haus-Leiterin Beate Osterfeld.

2014 wurde die Tagesstätte Jona eingeweiht. Auf zwölf Senioren ist sie ausgelegt. Zurzeit besuchen nur die vier älteren Bewohner des Benno-Hauses die Tagesstätte, während die jüngeren bei der Arbeit sind. Aber die Tagesstätte ist offen, etwa auch für Senioren mit Behinderung, die bei ihren Angehörigen leben. Wir können uns vorstellen, auch Menschen mit Demenz aufzunehmen″, sagt Beate Osterfeld. Für demente Rentner bietet alternativ auch das Ameos-Klinikum eine Tagesstätte für ältere Menschen.

Eine Pflegeeinrichtung ist das Benno-Haus der Caritas mit der Tagesstätte Jona explizit nicht. Körperlich sind die vier Senioren so fit, wie Rentner es eben sind, teils mit, teils ohne Rollator. Alleine bekommen sie den Alltag aber nicht auf die Reihe. Ziel ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben″, sagt Beate Osterfeld. Formal ist die Tagesstätte daher eine Einrichtung im Sinne der Eingliederungshilfe, Kostenträger ist das Sozialamt. In der Praxis heißt Eingliederungshilfe: Hier kommt kein Friseur ins Haus wir gehen hin″, so Osterfeld. Dasselbe gilt für Arztbesuche und alles, was das Leben von Senioren ausmacht: Wir gehen wandern, teilweise mit den Nachbarn und vielen Ehrenamtlichen, wir gehen ins Kino und ins Schwimmbad.″

Was die beiden Erzieherinnen, die in der Tagesstätte Jona arbeiten, mit den Rentnern unternehmen, wird Tag für Tag nach dem Frühstück neu abgesprochen. Hauptsache raus und bewegen!″, betont Osterfeld. Und wenn einer mal keine Lust habe, könne er zu Hause bleiben. Niemand werde zu etwas gezwungen.

Auch die Heilpädagogische Hilfe Osnabrück (HHO) bietet Senioren mit Handicap sogenannte tagesstrukturierende Angebote. Der Bedarf steigt, weil die Menschen älter werden″, sagt Claudia Meyer, Leiterin des Fachdienstes Wohnen bei der HHO. Die Hälfte der 650 Bewohner im stationären Bereich, die alle einer Arbeit nachgehen, sei über 50 Jahre alt. Wenn sie in Rente gehen, bricht nicht nur die Tagesstruktur weg, gibt Meyer zu bedenken. Die Kollegen waren soziale Kontakte.″ Der erste Senior, den sie vor 25 Jahren fragte, was er machen wolle, wenn er in Rente gehe, habe geantwortet: Dann sterbe ich.″

Also fing auch die HHO an, ein Angebot zu schaffen zunächst für zwei bis drei Leute. Daraus hat sich nach und nach ein umfangreiches Konzept entwickelt″, sagt Meyer. Ein ganz wichtiger Bereich sind die Kirchengemeinden″, betont Claudia Meyer. Da gibt es auch Seniorenkreise. Die Teilnahme daran forcieren wir.″

Bildtexte:
Jeden Morgen nach dem Frühstück dürfen die vier Senioren mit geistiger Behinderung entscheiden, was sie am Tag unternehmen wollen.

Hinter den Türen mit Wal-Symbol befinden sich die Gruppenräume, hinter den anderen die der Caritas-EDV.

Das Büro von Beate Osterfeld steht den Bewohnern des Benno-Hauses und den vier Rentnern in der Seniorentagesstätte fast immer offen.

Fotos:
Michael Gründel
Autor:
Sandra Dorn


Anfang der Liste Ende der Liste