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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Wo die Nationalität in den Hintergrund tritt
Zwischenüberschrift:
Schrebergärtner aus Syrien – Osnabrücker Projekt Querbeet bringt Flüchtlinge in die Deutsche Scholle
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Schrebergärten gelten vielen als ein typisch deutsches Phänomen. Wenn dort eine syrische Familie Brechbohnen anpflanzt, mag der Anblick überraschen. Im Osnabrücker Kleingärtnerverein Deutsche Scholle ist das aber längst Alltag.

Osnabrück. Der Rasen der Parzelle ist frisch gemäht, aus dem Beet schauen einige Pflanzen hervor. Dass der Garten insgesamt noch etwas kahl ist, soll offenbar mit einiger unzusammenhängender Deko kaschiert werden: Vom Dach des Plastikpavillons baumelt eine Glaskette, während sich auf dem Gartentisch eine Weihnachtspyramide dreht und auf der Hütte eine Deutschlandfahne weht. Es sieht so aus, als ob jemand das Beste aus dem machen wollte, was da war.

Vieles in diesem Schrebergarten wurde gespendet Möbel, Geräte, Pflanzen. Denn die Parzellenbesitzer besaßen anfangs nicht viel. Said Alzarzour, seine Frau Roula und ihre Kinder sind als Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland gekommen. Dass sie nun eine Parzelle bewirtschaften können, verdanken sie dem Projekt Querbeet. Zusammen mit terre des hommes und der Kinder- und Jugendhilfe Outlaw″ stellen die Deutsche Scholle und der Kleingärtnerverein (KGV) Süd seit Februar 2016 insgesamt fünf Schrebergärten für Flüchtlingsfamilien zur Verfügung.

Die Parzellen standen jahrelang leer und waren total verwildert, keiner wollte sie haben″, sagt Outlaw″-Mitarbeiterin Farina Schubert. Die Organisation fragte unter geflüchteten Familien, wer sich dafür interessiere. Gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), richtete ein Landschaftsbauer, für den Said mittlerweile arbeitet, die Grundstücke wieder her. Die Feinarbeit machten die Neu-Kleingärtner dann selbst.

Wir haben jetzt Kontakt mit den Nachbarn und reden viel zum Beispiel: Was kann man pflanzen?″, berichtet Said auf Deutsch. Sie hätten dabei schon viele neue Worte gelernt. Brechbohne″ beispielsweise. Schrebergärten waren ihm neu. Dem 33-Jährigen gefällt besonders, dass es hier keine hohen Zäune gibt. Jetzt im Sommer seien sie jeden Tag hier. Wir lernen Deutsch, grillen, treffen Freunde, manchmal Party.″ Heute sind Razwan Shadoud und Suraka Alahmar zu Besuch. Auch sie sind syrische Flüchtlinge, auch sie bekamen eigene Parzellen.

Neben der ungezwungenen Kontaktmöglichkeit sollen die Gärten Rückzugsorte bilden, durch die sich die Geflüchteten mit ihrer neuen Heimat identifizieren. Farina berichtet, dass es für Razwan wichtig gewesen sei, eine Aufgabe zu haben. Jeden Tag habe er von morgens bis abends im Garten gearbeitet. Mittlerweile hat der Syrer ihr zufolge schon viel angebaut. Die Outlaw-Mitarbeiterin vermutet, dass ihm die Tätigkeit auch dabei geholfen hat, seine Flucht aufzuarbeiten.

Razwan ist Christ. Er war zwei Jahre unterwegs. Dabei habe er oft Todesangst gehabt, sagt er, insbesondere vor Polizisten. Als Razwan Anfang August 2014 endlich in Deutschland ankam, war noch nicht Schluss: Die Ausländerbehörde schickte ihn durch mehrere Städte. Während der Syrer erzählt, übersetzt Said ins Deutsche. Was sind Gründe, nach Deutschland zu kommen? Arbeit und Schule, erklärt der Landwirt. Und Menschenrechte″, ergänzt Saids Frau Roula.

Um in die Bundesrepublik zu gelangen, ist Suraka zu Fuß unterwegs gewesen, mehr als zwei Monate lang. An der Grenze zu Serbien wies die Polizei den heute 43-Jährigen siebenmal zurück, jedes Mal musste er wieder bezahlen. Insgesamt verlor der Unternehmer rund 10 000 Euro an Polizisten und Schlepper. Seine Familie kam fast zwei Jahre später an als er. Bei Razwan war es auch so, seine Frau und Kinder konnten den Weg allerdings im Flugzug zurücklegen.

Die Alzarzours waren sogenannte Kontingentflüchtlinge, die aus libanesischen Camps nach Deutschland geflogen wurden und kein Asylverfahren durchlaufen mussten. Dorthin waren sie geflohen, nachdem sie im Krieg Haus und Arbeitsplatz verloren hatten. In der Bundesrepublik lebten sie anfangs in einer Gemeinschaftsunterkunft, bis eine deutsche Familie ihnen eine Wohnung vermittelte. Said engagiert sich nun selbst ehrenamtlich für Geflüchtete. Viele Angehörige der Syrer sind ebenfalls ins Ausland gegangen beispielsweise nach Ägypten, Schweden oder sogar Australien. Kontakt halten können sie dank Whatsapp und Facebook.

Die Familie Alzarzour möchte allerdings in Deutschland bleiben. Weil unsere Kinder hier in der Schule sind″, sagt Said. Arabisch lesen können Ahmad und Hanin sowieso nicht, nur sprechen. Und die jüngste Tochter, Alin, ist für die Eltern sogar eine echte Osnabrückerin, denn sie ist hier geboren. Wenn man Ahmad und Hanin nach dem Krieg fragt, sagen sie, dass sie sich nicht mehr erinnern. Stattdessen erzählen die Grundschüler lieber Witze auf Deutsch, die sie sich selbst ausgedacht haben. Oder zeigen stolz einen im Garten gefundenen Wurm.

Die Kinder gelten hier als Syrer, aber in Syrien sind sie Deutsche″, erklärt Birgit Dittrich, die Projektpartnerin von terre des hommes. Wenn wir sagen würden, dass sie zu uns gehören, gäbe es diesen Konflikt nicht mehr.″ Helfen soll auch Querbeet. In der Deutschen Scholle sei jeder einfach nur Gärtner, die Nationalität trete völlig in den Hintergrund, findet sie.

Laut den Organisatorinnen gibt es auch einige Parzellenbesitzer, die gegen das Projekt sind. Manche sind vielleicht neidisch″, vermutet Farina. Dabei hätten Fluchtgeschichten die Deutsche Scholle geprägt. Der Verein wurde während des Ersten Weltkriegs gegründet, als viele Menschen in Osnabrück Unterschlupf suchten und mehr Lebensmittel angebaut werden mussten. Mittlerweile sind hier 17 Nationalitäten vertreten.

Kleine Reibereien bleiben da nicht aus. Einmal habe ich eine Minute vor 15 Uhr angefangen zu hämmern″, erzählt Said. Aber als mich die Nachbarn ermahnten, habe ich aufgehört.″ Nun kennt er noch etwas, das typisch deutsch ist: Ruhezeiten.

Bildtext:
Stolze Schrebergärtner sind die Alzarzours aus Syrien: Vater Said und Mutter Roula mit ihren Kindern Ahmad und Hanin. Ihr Garten in der Scholle ist zwar noch lange nicht fertig, sie arbeiten aber fleißig daran.

Die Syrer Razwan Shadoud und Suraka Alahmar sind ebenfalls in der Deutschen Scholle aktiv.

Fotos:
Michael Gründel
Autor:
Vincent Buß


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