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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Überschrift:
Der Bäcker an der Ecke
Zwischenüberschrift:
Bis 1982 sorgte Bäckerei Brackmann an der Liebigstraße für unser täglich Brot
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Eckläden teilen das Schicksal der Eckkneipen: Sie werden immer weniger. Im Bäckerhandwerk geht die Tendenz zu quasi industriell fertigenden Großbäckereien irgendwo am Rande der Stadt mit einer Vielzahl von Verkaufsstellen, die zumeist in Einkaufszentren liegen.

Osnabrück. Das war noch bis in die 1990er-Jahre durchaus anders. Ein typisches Beispiel dafür ist die Bäckerei Brackmann, die Backstube und Hauptgeschäft in der Liebigstraße 52 an der Ecke zur Krelingstraße vereinte. Das stattliche viereinhalbgeschossige Eckhaus steht nach wie vor dort, wo es vor mehr als 100 Jahren ein mutiger Bäcker hingesetzt hat. Nach ungezählten Umbauten und Modernisierungen ist es heute ein Mietshaus mit einer Praxis für Osteopathie und Ernährungsberatung im Erdgeschoss. Dort, wo jahrzehntelang das Grundbedürfnis auf Nahrung befriedigt wurde, bekämpfen heute Gesundheitsdienstleister die Folgen des Zivilisationswandels, zu denen auch die überreiche Ernährung gehört. So ist der Gang der Zeit.

An der Liebigstraße gab es 1913 erst wenige Häuser, als Konditormeister Georg Brandenburg dort baute. Die OKD-Werkswohnungen auf der anderen Straßenseite entstanden beispielsweise erst in den Zwanzigern. Mut und Vertrauen in die zukünftige Siedlungsentwicklung gehörten dazu, ein so großes Haus mit aufwendiger Schmuckfassade und den betrieblichen Anbauten quasi auf die grüne Wiese zu setzen.

Brandenburgs Rechnung ging nicht auf. Es kamen nicht genug Kunden in seine Konditorei und das angeschlossene Caffee″. 1921 war er am Ende und musste verkaufen. Nun trat August Brackmann auf den Plan. Aus der Gesellenzeit in Dortmund hatte er 6000 Mark gespart. Bei Verwandten konnte er sich ein paar weitere Tausend leihen, und angesichts dieses Eigenkapitals war dann auch die Stadtsparkasse bereit, einen Hypothekenkredit zu bewilligen.

Die Inflation von 1923 half beim Abstottern der Kredite, auch wenn die Restschulden bei der Sparkasse einige Male auf einen höheren Wert aufgestockt wurden. Aber eine mit Wechsel bezahlte Diosna-Knetmaschine konnte bei Fälligkeit des Wechsels mit dem Erlös von einigen Broten bezahlt werden.

Handwerk hatte damals wirklich einen goldenen Boden, wie Brackmanns Schwiegersohn Dierk Siebel in der Firmenchronik schrieb. 1934 konnte man sich ein Auto leisten, einen Pkw der Marke Wanderer, den August Brackmann persönlich in Chemnitz abholte. Den parkte er dann regelmäßig nicht vor dem Laden, sondern am anderen Ende der Krelingstraße. Es hätte sonst in der Kundschaft geheißen: Sieh mal an, alles von unserem Geld!

1937 folgte die Großinvestition in einen neuen Backofen, der nicht mehr wie üblich mit Braunkohle-Briketts beheizt wurde, sondern mit Gas. Dem Gaswerk war sehr daran gelegen, diese neue Energiequelle im Bäckerhandwerk zu propagieren. So sehr, dass sie eine eigene Gasleitung vom Gaswerk in der Luisenstraße zur nahe gelegenen Bäckerei Brackmann legen ließ, als die Gasversorgung wegen Bombenschäden im Krieg häufig unterbrochen war.

Die Bäckerei selbst bekam den Bombenkrieg auch heftig zu spüren. Das Dach war weg und beide Obergeschosse ausgebrannt. Aber ein Lebensmittelbetrieb kam schneller an Baumaterial, da er etwas zum Kompensieren″ hatte. August Brackmann und seine Tochter Elfriede brachten mit dem Fahrrad zwei Säcke Zucker zur Ziegelei nach Hasbergen. Dann erst wurden die mit Bezugsschein längst bewilligten Dachziegel auch geliefert.

Innovationsfreudig war Brackmann in Sachen Knettechnik. Hier ergab sich eine günstige Kooperation mit dem Knetmaschinenhersteller Dierks & Söhne (Diosna) in der Sandbachstraße. Wegen der räumlichen Nähe machte die Firma häufig Praxistests mit unterschiedlichen Knetarmen in Brackmanns Backstube. Eine besondere Form des Knetarms, die für sehr feste Keksteige bestimmt war, hieß bei Diosna firmenintern der Brackmannarm″.

Gesellen und Lehrlinge lebten üblicherweise beim Meister in Kost und Logis. Über dem Mehllager hatten sie ihre Zimmer, die über eine Außentreppe vom Hof erreichbar waren. Das nicht ganz unproblematische Wecken um drei Uhr in der Früh übernahm vertragsgemäß der Nachtschutz″, ein Vorgänger der Wach- und Schließgesellschaft. Er kam die Treppe hoch und klopfte so lange gegen die Türen, bis er sicher war, dass alle das Signal verstanden hatten. Die Angestellten nahmen die Mahlzeiten im Mehrzweckraum ein, Gesellen und Verkäuferinnen auf Stühlen, die Lehrlinge auf Hockern. Umschichtig immer ein Mitglied der Familie Brackmann/ Siebel mit ihnen, damit die Tischsitten eingehalten wurden.

Senior August Brackmann starb 1974 mit 82 Jahren. Wie es sich für einen Familienbetrieb gehört, hatte der Nachwuchs früh Verantwortung zu übernehmen. Die Enkelinnen waren gerade 17, da durften oder mussten sie auf dem großen Parkplatz an der Halle Gartlage Autofahren üben. Die Firma bezahlte ihnen den Führerschein. Direkt nach der Führerscheinprüfung wurde ich auf den Bulli gesetzt und machte die Tour zu den Filialen″, erinnert sich Christine Siebel. Brackmann hatte Verkaufsstellen an der Buerschen Straße, Eisenbahnstraße, Bülowstraße und in Lüstringen. Buersche braucht 30 Spring, 20 Sesam und 5 Mohn das war so ein typischer Fahrauftrag″, weiß Hila Annette Siebel noch, und dann musste man die Brötchen immer fünf-Stück-weise greifen und in den Weidenkorb befördern, sonst gab′s Lack.″ Mit den Bulli-Touren bekamen die Verkäuferinnen auch ihr Frühstück und das Mittagessen angeliefert, meistens belegte Brötchen und als Getränk Halb und Halb″, halb Bohnenkaffee, halb Muckefuck.

Die Siebel-Kinder erlebten hautnah, welcher Einsatz nötig war, um das Geschäft in Gang zu halten. Sie wählten dann für sich andere Berufswege, was die Eltern im Rückblick altersweise nachvollziehen konnten. Ohne die Aussicht auf familieninterne Nachfolge entschlossen sich die Eltern Siebel 1982 zum Verkauf an einen Bäckerkollegen. Bis 2014 blieb das Eckhaus unter verschiedenen Firmierungen ein Ort, wo man Backwaren kaufen konnte. Dann blieb die Backstube endgültig kalt. Ein Pole kaufte ihr Innenleben auf. Der neue Investor betrieb den Umbau zum Mietshaus mit den Gesundheitspraxen.

Mehr Bilder aus der Bäckerei Brackmann sehen Sie im Internet auf noz.de/ os

Serie Zeitreise

Foto: Colourbox.de

Bildtexte:
Das Eckhaus Liebigstraße 52 mit der Bäckerei Brackmann im Jahr 1950.

Die Kastanie ist erheblich gewachsen, ansonsten ist die Fassadenstruktur des Hauses auch nach der letzten Modernisierung weiterhin gut ablesbar. Vorne links die Liebigstraße, rechts die Krelingstraße.

Fotos:
Günter Siebel, Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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